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Kirchenkreis-Kuddelmuddel oder warum die Seeve ein Grenzfluss war

Heute noch ein Symbol für den großen Einfluss Hittfelds im Mittelalter: Die aus dem 13. Jahrhundert stammende Mauritiuskirche (Foto: archiv)
Zuschnitt der geistlichen Verwaltungseinheiten folgt eigenen Gesetzen, die reichen bis ins Mittelalter

(mi). Es ist kurios: Wer Termine für die Ostergottesdienste in Ramelsloh sucht, der wird diese nicht auf der Homepage des Kirchenkreises Hittfeld finden. Denn obwohl Ramelsloh und Hittfeld fast direkte Nachbarn und auch beide Teil der politischen Gemeinde Seevetal sind, gehört Ramelsloh kirchlich zu Winsen und nicht zum direkt angrenzenden Kirchenkreis Hittfeld. Wer allerdings am nördlichsten Ende des Landkreises in Neu Wulmstorf wohnt, dessen Kirchengemeinde gehört wiederum zum Kirchenkreis Hittfeld. Gleiches gilt für Moisburg und Elstorf. Der Grund für dieses "Kuddelmuddel" reicht bis weit ins Mittelalter zurück.
"Die Geschichte des Kirchenkreises Hittfeld ist eng mit der Bedeutung des Ortes im Mittelalter verknüpft", erklärt dazu Markus Zacharias, der sich als Kirchenvorsteher ausführlich mit den Anfängen des Kirchenkreises auseinandergesetzt hat. Damals, in grauer Vorzeit, war Hittfeld als Kirchengemeinde - verglichen mit angrenzenden Orten wie Klecken oder Maschen - äußerst bedeutend. Das Hittfeld unterstellte Gebiet war riesig! Es ersteckte sich bis an die Elbe. Die Elbinseln Kirchwerder und Billwerder gehörten zum Hittfelder Kirchspiel. Die Gemeinden Sinstorf, Wilstorf und Jesteburg waren Hittfeld unterstellt. In östliche Richtung war allerdings bereits an der Seeve Schluss. "Die Seeve im Osten und die Elbe im Norden sind jahrhundertealte natürliche Grenzen. Diese Grenzziehung reicht bis in das frühe Mittelalter zurück. Schon der Moswidi-Gau, eine frühmittelalterliche Verwaltungseinheit aus der Zeit Karls des Großen, verlief beinahe exakt in eben diesen Grenzen, die später auch der Kirchenkreis Hittfeld übernahm", erklärt dazu Markus Zacharias. Bemerkenswert dabei: Diese Grenze wirke bis heute nach. Auf der anderen Seeveseite befand sich nämlich auch im 13. Jahrhundert schon der Ort Ramelsloh, damals noch Sitz eines Männerstifts. Markus Zacharias: "Vereinfacht gesagt, ist Ramelsloh also heute kein Teil des Kirchenkreises Hittfeld, weil es nicht zum Moswidi-Gau und damit auch nie zum Hittfelder Einflussbereich gehört hat."
Die Ausdehnung Hittfelds betraf sowohl die kirchliche als auch die weltliche Gemeinde. In Hittfeld gab es damals, das war nicht in jedem Ort der Fall, auch eine weltliche Gerichtsbarkeit. Historische Randnotiz: Der dafür obligatorische Galgen stand dort, wo heute das Schulzentrum liegt: auf dem Peperdieksberg. Ausschlaggebend für die Entstehung des späteren Kirchenkreises Hittfeld war aber, dass es in Hittfeld schon im Frühmittelalter eine Kirche in sehr verkehrsgünstiger Lage gab. "Wie lange Hittfeld schon Kirchenstandort ist, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen, archäologische Funde legen die Zeit um 800 nahe. Belegt ist aber, die heutige Mauritiuskirche stammt aus der Zeit kurz nach 1200", erklärt Markus Zacharias. Wer damals aus den umliegenden Orten wie Klecken oder einzelnen Gehöften wie Buchholz zum Gottesdienst wollte, für den führte der Weg unweigerlich nach Hittfeld. Die Straßennamen "Klecker Kirchweg", oder "Maschener Kirchweg" zeugen heute noch davon. Ein ähnlich wichtiger Kirchenstandort war damals Hollenstedt. Beide Kirchen, die in Hollenstedt und die in Hittfeld, unterstanden im 13. Jahrhundert dem Bistum in Verden. Um die Verwaltung vor Ort zu straffen, entschied man dort um 1205, in Hittfeld und Hollenstedt zwei sogenannte Archidiakonate (Großkirchspiele) einzurichten. "Die Archidiakone vertraten den Bischof, setzten die Seelsorger ein, sie hatten richterliche Gewalt in Angelegenheiten der öffentlichen Moral und übten dies in Visitationen aus", erklärt Markus Zacharias.
Interessant ist, dass sich auch der Zuschnitt der Archidiakonate an den alten Grenzen des Moswidi-Gaus orientierte. Hittfeld deckte dabei den östlichen Teil des dortigen bischhöflichen Herrschaftsbereichs, Hollenstedt den westlichen ab. Die Gemeinden, die in die Restriktion dieser Verwaltungseinheiten fielen, sind dabei oft identisch mit den heutigen Kirchengemeinden. Dem Archidiakonat Hollenstedt unterstanden demnach u.a. Tostedt und Moisburg, anfangs aber auch noch Buxtehude und Jork, die heute beide zum Kirchenkreis Buxtehude gehören. Das Archidiakonat Hittfeld umfasste in seiner Hochzeit rund 40 Orte, darunter auch die heute noch zum Kirchenkreis gehörenden Dörfer Klecken, Nenndorf, Jesteburg Buchholz und Maschen. Seine große Bedeutung, und damit auch die des Ortes Hittfeld, erkennt man auch daran, dass der dortige Archidiakon gleichzeitig Dompropst des Bistums Verden war, also in der Bistums-Hierachie weit oben stand.
Zusammengefasst ist der Kirchenkreis Hittfeld gewachsen aus den beiden Archidiakonaten Hollenstedt und Hittfeld, Ramelsloh gehörte trotz seiner räumlichen Nähe wegen seiner Lage auf der anderen Seeveseite nicht zum Archidiakonat und ist deswegen auch bis heute kein Teil des Kirchenkreises. Übrigens: Die weltliche Politik hat bei der Gebietsreform 1972 die Seeve nicht mehr als Grenze akzeptiert, deswegen gehört Ramelsloh heute zur Einheitsgemeinde Seevetal. Allerdings, folgt man Markus Zacharias, so ist für manch Alteingesessenen die Seeve auch heute noch ein Grenzfluss.