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"Den Kampfgeist nicht verloren": Michael Niemann verlor bei Arbeitsunfällen beide Beine

In der Werkstatt: Dank der Prothesen kann Büchsenmacher Michael Niemann weiterhin seiner Arbeit nachgehen
 
Der Lift am Haus ist nicht für für Michael Niemann eine Hilfe: Auch gehbehinderte Kunden können so leichter in seinen Laden gelangen
ce. Tangendorf. "Es ist in meinem Leben ein bisschen dumm gelaufen", sagt Michael Niemann (53) mit einer Mischung aus schwarzem Humor und großem Überlebenswillen in der Stimme. Genau dieser Mix war es, der ihn nicht hat verzweifeln lassen an seinem harten Schicksal: Bei Arbeitsunfällen mit der Motorsäge verlor der Büchsenmacher aus dem Heideort Tangendorf (Kreis Harburg) beide Beine und kann sich heute nur auf Prothesen fortbewegen.
Rückblick ins Jahr 1992: Der passionierte Waidmann Michael Niemann arbeitet mit einer Säge an der Treppe einer Jagdhütte. Plötzlich bricht die marode Treppe mit ihm zusammen, wobei sich Niemann den rechten Fuß absägt. "Mit einem Gummiriemen, den ich zufällig dabei hatte, habe ich mir das Bein abgebunden, mich ins Auto gesetzt und irgendwie noch selbst Hilfe holen können", erinnert er sich. Aufgrund von Entzündungen muss der Stumpf siebenmal nachamputiert werden. Niemann, für den "eine Welt einstürzte", lernt mit einer Prothese wieder Gehen und wird psychologisch betreut. Er legt seine Meisterprüfung als Büchsenmacher ab, eröffnet im umgebauten Keller seines Elternhauses seinen Laden und lernt seine Frau kennen, mit der er heute zwei Kinder hat.
Das vermeintliche "Happy End" endet jäh 2010: Als Michael Niemann mit einer Motorsäge an seiner Ladeneinrichtung baut, knickt ihm die Prothese weg, und die Säge durchschlägt das linke Bein. "Ich wollte mich aufgeben. Aber meine Psychologin, meine Familie und mein Glaube halfen mir, dass ich meinen Lebensmut und Kampfgeist nicht verloren habe", sagt Niemann.
Den Kampfgeist brauchte er auch bei der Auseinandersetzung mit der Unfallversicherung. Diese will zunächst nicht zahlen, weil gegen Niemann eine anonyme Anzeige wegen der Verdachts auf Selbstverstümmelung vorliegt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt und schaltet einen renommierten Gerichtsmediziner ein, der den Verdacht schließlich ausräumt.
Treppen steigen und gehen auf unebenem Gelände kann Niemann problemlos mit der linken, 2013 erneuerten Prothese, nicht aber mit der älteren des rechten Beines. Einen Antrag, dass auch diese ausgetauscht wird, hat Niemann 2013 bei der Berufsgenossenschaft für Landwirtschaft, Forst und Gartenbau gestellt. Auf die Zustimmung wartet er noch. "Beim Bewegen mit den ungleichen Prothesen muss ich jeden Tag meinen Gleichgewichtssinn trainieren, damit ich nicht stürze."
"Eine Motorsäge nehme ich nicht mehr in die Hand. Schon wenn ich eine höre, läuft es mir eiskalt über den Rücken", sagt Niemann. Seinen beiden großen Hobbys Jagen und Motorradfahren ist er treu geblieben. Für die Jagd hat er sich ein geländetaugliches, schwimmfähiges Amphibienfahrzeug gekauft und mit Seilwinden ausgestattet, die ihn auf den fahrbaren Ansitz hieven. Seine Harley Davidson baute er zum Trike um, auf dessen selbst gefertigten Trittbrettern er seine Prothesen "parkt".
- Um Menschen mit ähnlichen Schicksalen Mut zu machen, hat Michael Niemann Ende vergangenen Jahres die Selbsthilfegruppe für Arm- und Beinamputierte mit gegründet. Sie hat bereits ein halbes Dutzend Mitglieder, die sich regelmäßig treffen. "Wir möchten Betroffenen helfen, ihr Schamgefühl zu überwinden und sich uns anzuschließen. In der Gruppe ist man stärker als allein", so Niemann. Infos zur Initiative unter Tel. 04131 - 861821 oder per E-Mail unter kibis.lueneburg@paritaetischer.de.