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Wer gibt Nina eine Chance? Schwerbehinderte sucht seit über zwei Jahren einen Arbeitsplatz

Nina Noack mit nur einem Bruchteil der von ihr verfassten Bewerbungsschreiben
 
Die junge Frau zieht mal wieder eine Absage aus dem Briefkasten. Entmutigen lassen will sie sich trotz allem nicht
kb. Seevetal. Vollzeitbeschäftigung Arbeitssuche: So sieht der Alltag von Nina Noack (23) aus Seevetal seit zweieinhalb Jahren aus. Exakt 362 Bewerbungen hat die junge Frau seitdem an Unternehmen und öffentliche Arbeitgeber in ganz Norddeutschland geschrieben, zahllose Bewerbungsgespräche, Probetage und Praktika absolviert. Einen Arbeitsvertrag hat man der gelernten Bürokauffrau jedoch bisher nicht angeboten. Weil sie schwerbehindert ist?
Nina Noack kam kerngesund zur Welt. Doch als Säugling infizierte sie sich mit einem Herpes-Virus, der wiederum eine Gehirnentzündung auslöste. Die Folge: eine halbseitige Lähmung. Den rechten Arm kann Nina Noack nur sehr eingeschränkt bewegen. Zusätzlich leidet sie unter Epilepsie. Das alles ist für die 23-Jährige kein Grund, ihr Lächeln zu verlieren. Was ihr wirklich auf die Seele schlägt, ist die bisher vergebliche Suche nach einem Job. "Ich möchte ein eigenständiges Leben führen und selber Geld verdienen, aber kein Arbeitgeber gibt mir eine echte Chance", sagt Nina.
Während in Kindergärten und Schulen die Integration von Menschen mit Behinderung gerade ganz oben auf der Agenda steht, scheinen die Uhren auf dem Arbeitsmarkt weiterhin anders zu ticken. Wie sonst lässt es sich erklären, dass eine junge, hoch motivierte Bürokauffrau partout keine Stelle findet. Vorurteile wie eine geringere Leistungsfähigkeit, aber auch Vorbehalte wegen des erweiterten Kündigungsschutzes und zusätzlicher Urlaubstage - es lassen sich einige Gründe vermuten, weshalb viele Unternehmen davor scheuen, Schwerbehinderte einzustellen.
Der dicke Stapel Bewerbungsmappen im Wohnzimmer von Nina Noacks Elternhaus lässt erahnen, wie viel Zeit und Mühe die 23-Jährige seit zweieinhalb Jahren darin investiert, einen Arbeitsplatz zu finden. Inzwischen ist die ganze Familie und der halbe Freundeskreis in die Suche eingebunden, wem immer eine Stellenanzeige in der Zeitung oder im Internet ins Auge fällt, leitet sie an Nina weiter. Sie ist schon von Cuxhaven bis nach Hannover zu Vorstellungsgesprächen gefahren. Doch mehr als ein Praktikum sprang dabei bisher nie heraus. "Das ist wirklich deprimierend", findet ihre Schwester Stefanie (27), die ganz genau weiß, wie sehnlich sich Nina einen Job wünscht.
Ihre Ausbildung zur Bürokauffrau hat Nina Noack beim Berufsbildungswerk Bugenhagen in Timmendorfer Strand absolviert. "Ich habe genau dasselbe gelernt wie andere auch", sagt die junge Frau. Im Büro zu arbeiten, macht ihr großen Spaß. Inzwischen könnte sie sich auch vorstellen, noch eine zweite Ausbildung zur Fachangestellten für Medien- und Informationsdienste im Bereich Bibliothek zu machen. Aber auch da hagelte es bisher nur Absagen. Dass Nina trotz der Vielzahl an Enttäuschungen noch nicht die Motivation verloren hat, sich fleißig weiter zu bewerben, sollte für einen potenziellen Arbeitgeber eigentlich Grund genug sein, ihr eine Chance zu geben. Pendeln wäre für sie kein Problem, die junge Frau hat kürzlich erst ihren Führerschein gemacht.
Das Engagement der Agentur für Arbeit, die gelernte Büroangestellte bei der Stellensuche zu unterstützen, hält sich in überschaubaren Grenzen, wie Nina berichtet. "Da kommt eigentlich nichts." Warum sie bisher nur Absagen kassierte, ist für die Arbeitssuchende ein Rätsel. Denn in ihrem gelernten Beruf schränkt sie ihre Behinderung kaum ein. Was sie mit dem rechten Arm nicht erledigen kann, macht sie nicht nur sprichwörtlich mit links.
"Ich glaube, viele Unternehmen kaufen sich lieber frei, als Schwerbehinderte einzustellen", ist ihre Schwester überzeugt. Tatsächlich müssen Betriebe ab einer gewissen Größe eine "Ausgleichsabgabe" leisten, wenn sie eine bestimmte Quote an schwerbehinderten Beschäftigten nicht erfüllen. Sieht man sich Statistiken an, scheinen sich besonders kleinere Unternehmen mit behinderten Arbeitnehmern schwer zu tun. Dabei stehen die Betriebe, die sich für einen schwerbehinderten Beschäftigten entscheiden, nicht alleine da. Sie können sowohl fachliche als auch finanzielle Unterstützung in Anspruch nehmen. Ansprechpartner ist u.a. der Integrationsfachdienst, aber auch die Agentur für Arbeit.
Nina hofft, dass sich endlich ein Arbeitgeber findet, der sich nicht von ihrer Behinderung abschrecken, sondern von ihrem Durchhaltewillen, ihrem Fleiß und ihrer Freundlichkeit anstecken lässt. "Ich will endlich arbeiten", sagt sie. Wer eine geeignete Stelle anzubieten hat, meldet sich bei Nina Noack unter Tel. 040 - 7684911.

Kommentar:


Jeder hat eine Chance verdient

Inklusion ist derzeit DAS Stichwort an Schulen. Doch was nützt es, wenn behinderte Kinder bestens integriert, junge Menschen nach ihrer Ausbildung aber mit der ganzen Härte der Leistungsgesellschaft konfrontiert werden und keinen Arbeitsplatz finden? Sicher - Schwerbehinderte sind eingeschränkt, müssen manchen Handgriff langsamer absolvieren oder benötigen einen speziell hergerichteten Arbeitsplatz. Im Gegenzug sind sie aber häufig besonders motiviert und wollen beweisen, was sie können. Arbeitgeber sollten mutiger werden, sich Beratung holen und das Potenzial erkennen, das diese Menschen bieten. Das Schicksal von Nina Noack hätte jeden treffen können. Und wer von uns hätte sich keine Chance auf ein eigenständiges Leben gewünscht? Katja Bendig