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Gemeinde Heidenau informiert, bevor Asylbewerber ankommen

Informierten über die Unterbringung von Asylbewerbern (v. li.): Reinhard Riephoff, Dr. Peter Dörsam, Hans-Jürgen Scholz und Anja Kämpker
bim. Heidenau. Nicht erst informieren, wenn schon alles beschlossene Sache ist, sondern den Bürgern vorher die Möglichkeit geben, geeignete Flächen für die Unterbringung von Asylbewerbern zu nennen und frühzeitig eine Willkommenskultur aufzubauen. Das machte jetzt die Gemeinde Heidenau. Im "Heidenauer Hof" standen Bürgermeister Reinhard Riepshoff, Samtgemeinde-Bürgermeister Dr. Peter Dörsam, Hans-Jürgen Scholz, Leiter der Polizeistation Tostedt, und Anja Kämpker vom internationalen Café in Tostedt den rund 180 Interessierten Rede und Antwort.
"Bei den anderen Veranstaltungen ging es nur noch darum: Warum bei uns und an dieser Stelle?' Wir können uns frei von dieser Diskussion dem Thema widmen", eröffnete Reinhard Riepshoff den Abend.
Dass neben Tostedt auch Handeloh, Heidenau und Otter bei der Flüchtlingsunterbringung helfen müssen, hatten die Bürgermeister der Samtgemeinde bereits vor Wochen klargestellt (das WOCHENBLATT berichtete).
Reinhard Riepshoff verdeutlichte anhand von Zahlen die Notwendigkeit, Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten, insbesondere u.a. aus Syrien, Albanien, dem Irak und Afghanistan, aufzunehmen. Denn während die Ablehnungsquote von Asylanträgen 2005 bei 57,1 Prozent lag, waren es 2014 nur noch 33,4 Prozent.
Im Landkreis Harburg wurden 2012 105 Flüchtlinge aufgenommen, 2013 waren es 441, im vergangenen Jahr 784 und 2015 bisher 189. Zum Vergleich: Bei der ersten großen Flüchtlings- und Migrantenwelle 1992 waren es 2.200 Menschen, die im Landkreis aufgenommen wurden.
Bis Ende 2015 seien schätzungsweise 1.728 Flüchtlinge neu aufzunehmen. Derzeit stünden in 56 Unterkünften 1.527 Plätze zur Verfügung. Von März bis Juni seien weitere Unterkünfte im Kreisgebiet mit 694 Plätzen geplant. Dennoch würden über 1.000 Plätze fehlen.
Zugewiesen werden die Asylbewerber von der Landesaufnahmebehörde entsprechend der Einwohnerzahl der Kreise und Kommunen. Im Landkreis Harburg sind es seit August 2014 wöchentlich 30 bis 40. Name, Geschlecht, Nationalität und Religionszugehörigkeit würden erst drei Tage zuvor mitgeteilt, so Riepshoff.
Wenn es nicht möglich sei, nötige Flächen zur Verfügung zu stellen - ein geeignetes Grundstück müsse 3.000 Quadratmeter haben - könne auch eine Flüchtlingsunterbringung in öffentlichen Gebäuden wie Sporthallen erfolgen, so Riepshoff. Wegen der großen Flüchtlingszahl werde bei der Suche nach Unterbringungsmöglichkeiten nun auch nicht mehr über eine vorhandene Infrastruktur diskutiert. Riepshoff rechnet damit, dass in dem rund 2.200 Einwohner zählenden Heidenau 50 bis 60 Asylbewerber Aufnahme finden könnten.
Zwei bisher in Heidenau angebotene Grundstücke sowie das frühere Altenheim in der Neuen Straße seien für die Flüchtlingsunterbringung allerdings nicht geeignet.
Geht es um (dunkelhäutige) Flüchtlinge, mehren sich schnell Gerüchte, diese würden Ladendiebstähle begehen oder Frauen belästigen. Das konnte Tostedts Polizeichef Hans-Jürgen Scholz nicht bestätigen. "2014 wurden in Tostedt 34 Ladendiebstähle angezeigt, sonst sind es zwischen 20 und 25 im Jahr", so Scholz, der den leichten Anstieg nicht unbedingt den Asylbewerbern zuschreibt. "Wenn Ortsfremde in einen Laden kommen, wird genauer hingeguckt, während der ein oder andere Deutsche auch schon mal unbemerkt etwas einsteckt", sagte Scholz. In Einzelfällen käme es auch zu körperlichen Auseinandersetzungen. "Wir haben aber keine Gewaltorgien erlebt, die uns den Angstschweiß auf die Stirn treiben." Von einem in Internetforen kursierenden sexuellen Übergriff eines Flüchtlings auf eine 13-Jährige habe die Polizei keine Kenntnis.
Dass es sich bei den Flüchtlingen um "Menschen wie du und ich" handelt, die Schlimmes erlebt haben, machte Anja Kämpker deutlich, die sich mit vielen weiteren Ehrenamtlichen seit Juli 2014 im internationalen Café in Tostedt engagiert. Dort treffen sich wöchentlich 30 bis 40 Flüchtlinge und ebenso viele Bürger abwechselnd in den Gemeindehäusern der katholischen und evangelischen Kirche. Deutschlernen bzw. vermitteln und Gesellschaftsspiele stehen dort u.a. im Mittelpunkt. "Wir lernen dort vor allem junge Männer kennen, die genau solche Träume und Wünsche für ihr Leben haben wie wir und manchmal sogar höflicher sind", so Anja Kämpker.
Die Wissbegierigkeit und Arbeitsbereitschaft sowie die teils sehr gute
(Aus-)Bildung der Flüchtlinge lobte auch Bürgermeister Riepshoff. Als Küster der Johannes-Kirchengemeinde werden ihm häufiger Ein-Euro-Jobber und junge Menschen, die Sozialstunden leisten müssen, zur Seite gestellt. Oder - wie jetzt - Flüchtlinge. "Das, was ich derzeit erlebe, kann man nicht vergleichen - im positiven Sinne", so Riepshoff.
Er ist zuversichtlich, dass die Flüchtlinge in Heidenau gut aufgenommen werden - so wie nach dem Zweiten Weltkrieg, als Heidenau vorübergehende Heimat für 3.000 bis 5.000 Kriegsflüchtlinge war.