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Warum kommen fast nur männliche Asylbewerber her?

Weil die Flucht so gefährlich ist, machen sich überwiegend junge Männer auf den Weg (Foto: archiv / jd)
(bim/ab). Die Flut von Asylbewerbern, die in den Landkreisen Harburg und Stade unterzubringen sind, reißt angesichts der weltweiten Kriege und Krisen nicht ab. Viele WOCHENBLATT-Leser wundern sich, dass es fast ausschließlich junge, alleinstehende Männer sind, die Asyl beantragen. Das WOCHENBLATT fragte nach.
Laut dem Jahresbericht 2013 des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sind bis zu 75 Prozent aller nach Deutschland kommenden Asylbewerber männlich und im Alter zwischen 18 und 35 Jahren.
Einen Grund dafür kann Johannes Freudewald, Sprecher des Landkreises Harburg, nicht nennen. Die Zuweisungspraxis der Landesaufnahmebehörde für den Landkreis entspreche aber in etwa der bundesweiten Statistik. "Wir versuchen herauszubekommen, wie der Verteilungsschlüssel im Land Niedersachsen tatsächlich umgesetzt wird. Aber es wird immer schwieriger, Absprachen mit der Landesaufnahmebehörde zu treffen", so Freudewald.
Der Landkreis sei bestrebt, die ankommenden Flüchtlinge in "homogenen Gruppen", also von Alter, Geschlecht und Religion her verträglichen Gruppen, unterzubringen. Er habe den Eindruck, dass in anderen Landkreisen eine individuellere Verteilung möglich sei und dort auch vermehrt Familien aufgenommen würden, weil dort der Wohnungsmarkt nicht so angespannt sei wie im Landkreis Harburg. In den neueren Containeranlagen sei es aber durchaus möglich, Familien einzuquartieren, so Freudewald.
In Tostedt leben derzeit 114 Flüchtlinge, ebenfalls fast ausschließlich männliche. Pastor Gerald Meier hat in vielen Gesprächen eine Vorstellung über die Hintergründe dafür bekommen. "Die Syrer als Bürgerkriegsflüchtlinge sind mit ihren Familien aufgebrochen. Die Kinder und Frauen bleiben dann in den Massenflüchtlingslagern in der Türkei und im Libanon zurück. Die Väter, meist junge Männer, schlagen sich durch. Wenn sie als Asylbewerber anerkannt sind, holen sie den Rest der Familie nach", erklärt er.
In den übrigen Fällen sei es so, dass sich jeweils das jüngste, überlebensfähigste Familienmitglied, meist ein Sohn, auf den Weg mache. "Viele, die hier sind, sparen dann ihr weniges Geld, um die Familie später nachzuholen", so Meier.
• Im Landkreis Stade verhält es sich ähnlich. Vor Kurzem hat die Gemeinde in der Heideresidenz 20 Flüchtlinge untergebracht, ebenfalls ausschließlich Männer. "Eine solche Flucht ist unheimlich strapaziös", begründet Sozialarbeiterin Cornelia Meyer vom Netzwerk "Willkommen in Neu Wulmstorf" den hohen Anteil männlicher Flüchtlinge. "Diese Menschen sind meist mittellos oder das Regime nimmt ihnen das Geld weg", berichtet sie weiter. "Die Trennung von der Familie ist bitter, aber viele Männer sehen in ihrem Land keine andere Überlebenschance." Gerade bei den syrischen Flüchtlingen handele es sich durch die Bank weg um gut ausgebildete und gebildete Menschen, hauptsächlich Akademiker, Ärzte, Ingenieure. Angebotene Sprachkurse werden sehr gut besucht. Das Interesse, möglichst schnell Deutsch zu lernen, ist ausgesprochen groß.
Derzeit gibt es im Landkreis Stade 1.411 abgeschlossene Asylverfahren, davon 912 männlicher Personen. Gegenwärtig laufen 540, wobei es sich bei gut zwei Dritteln (369) ebenfalls um männliche Personen handelt.

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