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Aufzug-Ärger am Bahnhof Tostedt: Der DB-Aufsichtsrat muss her!

Bahnreisender Jürgen Maack muss sein Gepäck - wie unzählige andere Fahrgäste - wegen des fehlenden Fahrstuhls die Treppen hochschleppen
 
Gesprächsrunde vor der Fahrstuhl-Baustelle (v. li.): Burkhard Allwardt (Tostedter Ratsherr und Mitglied des Fahrgastbeirates), Martin Langer (Leiter Tagesförderstätte der Lebenshilfe), Svenja Matthies (Werkstattrat der Lebenshilfe), Klaus Steinfatt (Fahrgastbeirat), Landtagsabgeordneter Heiner Schönecke und Timo Leven (Leiter Arbeitsbereich Lebenshilfe)
bim. Tostedt. Die Geduld der auf Fahrstühle angewiesenen Fahrgäste am Tostedter Bahnhof ist erschöpft. Die Defekte der Aufzüge dort sind seit der Inbetriebnahme im September 2007 ein Ärgernis. Darüber berichtet das WOCHENBLATT ebenso lange. Nach dem WOCHENBLATT-Bericht über den dreiwöchigen Totalausfall beider Aufzüge im April hat sich mit Heiner Schönecke (CDU) nun ein Landespolitiker der Sache angenommen. Er lud zum Ortstermin, bei dem Mitglieder des Fahrgastbeirats für den Landkreis Harburg und Verantwortliche der Lebenshilfe Lüneburg-Harburg jetzt ihrem Ärger Luft machten.
Wie berichtet, wird der Aufzug zum Gleis 1 (Richtung Bremen) von April bis August erneuert. Unverständlich für viele Pendler: Denn der Fahrstuhl zu Gleis 3 und 4, von denen man Richtung Bremen und Hamburg kommt, ist bisher weit häufiger ausgefallen.
Die Deutsche Bahn (DB) hatte mobilitätseingeschränkten Bahnfahrern und Eltern mit Kinderwagen geraten, während der Bauphase die Rampe vom P+R-Parkplatz an der Zinnhütte zu nutzen, um zum Bahnsteig an Gleis 3/4 zu gelangen. Genau das macht viele Pendler sauer: "Wir sollen einen Umweg von rund einem Kilometer in Kauf nehmen, während auf der Baustelle schon in der dritten Woche kein Monteur zu sehen ist", schimpft Jürgen Maack vom Fahrgastbeirat. "Hat man sich bei der Deutschen Bahn mal Gedanken darüber gemacht, wie beschwerlich ein solcher Weg mit Kinderwagen, Rollstuhl oder Rollator oder mit Gepäck sein kann?"
Auch die Mitarbeiter der benachbarten Werkstatt für Behinderte der Lebenshilfe Lüneburg-Harburg sind auf einen barriefreien Zugang zum Bahnhof angewiesen. Eine auf den Rollstuhl angewiesene Mitarbeiterin fahre bei Fahrstuhl-Problemen mit dem Metronom von Tostedt erst nach Rotenburg, um dort barrierefrei in den Zug zurück Richtung Buchholz und Hamburg zu steigen, berichtet Timo Leven. Leiter der Lebenshilfe-Werkstatt. Bei mobilitätseingeschränkten Personen sind diese Umwege seit Jahren gängige wie unglaubliche Praxis, wie das WOCHENBLATT aus mehreren Gesprächen weiß.
"Niemand hat den Eindruck, dass es auf dieser Baustelle weitergeht", bestätigt Heiner Schönecke. Er hatte in einem Brandbrief Dr. Richard Lutz, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG, auf die unhaltbaren Zustände am Tostedter Bahnhof hingewiesen. Geantwortet hat der für Niedersachsen zuständige DB-Konzernbevollmächtigte Ulrich Bischoping, der sich entschuldigt und verspricht: "Aufgrund der besonderen Situation werden wir die Funktionsfähigkeit der Aufzüge in Tostedt künftig ganz besonders im Fokus haben."
Was die Fahrstuhl-Ausfälle angeht, ist Tostedt kein Einzelfall. Ärger darüber gibt es auch regelmäßig in Buchholz. Es gebe inzwischen Kommunen, die deswegen rechtliche Schritte gegen die Bahn in Erwägung ziehen, so wie aktuell die Stadt Papenburg, berichtet Klaus Steinfatt vom Fahrgastbeirat. "Die Bahn lässt sich die Bahnhofsmodernisierung durch das Land bezahlen, tut aber nichts für die Instandhaltung. Ab dem Tag der Fertigstellung beginnt der Verfall, und die Bahn lässt es zu", klagt Steinfatt. Dabei habe die Deutsche Bahn auch eine Gemeinwohl-Verpflichtung. Das müsse dem Management klar gemacht werden.
Das will Heiner Schönecke nun weiter versuchen. "Als Hausbesitzer kann man in Form von Mietkürzung bestraft werden, wenn ein Fahrstuhl nicht funktioniert", sagt der CDU-Abgeordnete, der bereits 2007 bei der Eröffnung des sanierten Tostedter Bahnhofs dabei war. "Ich werde dem DB-Konzernbevollmächtigten von diesem Termin eine Stellungnahme zukommen lassen und über ihn die Mitglieder des DB-Aufsichtsrates nach Tostedt einladen, damit sie sich vor Ort ein Bild machen. Der Fahrgast aus Tostedt ist genauso wichtig wie der aus Berlin", so Schönecke.

AUF EIN WORT

Bahn muss Barrierefreiheit sicherstellen

Der Tostedter Bahnhof wurde 2006/2007 für rund 2,3 Millionen Euro modernisiert, davon kamen 1,1 Millionen Euro aus Landesmitteln - also aus Steuergeldern. Bei der Eröffnung hatte Friedemann Keßler von der DB Station & Service-AG erklärt, mit dem barrierefreien Zugang durch die neuen Aufzüge, mit dem modernen Wegeleitsystem und Lautsprecheranlagen wie auf dem Berliner Bahnhof sei Tostedt auf dem Niveau der Hauptstadt. Nun gelte es, den guten Standard zu halten und den Bahnhof möglichst vor Graffiti und Vandalismus zu bewahren. Allerdings sagte er damals nicht, wer dafür verantwortlich ist.
Was das Hauptstadtniveau angeht, kann Jürgen Maack vom Fahrgastbeirat nur beipflichten. "Den Austausch des Fahrstuhls vergleiche ich mit der Baustelle des Berliner Flughafens. Da passiert auch nichts", so Maack.
Was die dauernden Aufzug-Ausfälle angeht, schiebt die DB Verantwortlichkeiten hin und her. Sicherlich sind viele Ausfälle auf ärgerliche Vandalismusschäden zurückzuführen. Doch oft genug ist die mangelhafte Technik der Grund. Fahrgäste, die wegen defekter Fahrstühle Umwege in Kauf nehmen, oder solche, die von der Feuerwehr aus defekten Fahrstühlen befreit werden müssen, weil die mit der Wartung der Anlagen betrauten Techniker mehr als eine Stunde Anfahrtszeit haben, können nicht im Interesse eines börsendotierten Konzerns sein. Hier ist die Bahn in der Pflicht, die Barrierefreiheit und Unversehrtheit der zahlenden Bahnreisenden zu jeder Zeit sicherzustellen. Bianca Marquardt