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Naturschutz am Bürger vorbei - Ärger um Naturschutzgebiet "Mittleres Estetal"

Das Naturschutzgebiet soll sich entlang der Este von Moisburg bis Bötersheim ziehen (Foto: lkh)
 
Schützenswert: die Este in Hollenstedt
mi. Landkreis. Der Landkreis Harburg weist an der Este von Moisburg bis Bötersheim ein riesiges Naturschutzgebiet aus. Bürger und die betroffenen Gemeinden staunen nicht schlecht über die Planung. Denn das Gebiet wirkt wie am Reißbrett entstanden, Privatgrund wurde überplant genauso wie Bauland. Gefordert wird das Gebiet von der EU. Die Richtlinie ist aus dem Jahr 1992. Bis 2018 muss sie umgesetzt sein. Wegen des Zeitdrucks nahm man es in der Unteren Naturschutzbehörde auch in Kauf, den Bürger vor den Kopf zu stoßen. Jetzt hat Kreisrätin Monika Scherf sich eingeschaltet und wirbt um Akzeptanz für das Projekt.
Das Naturschutzgebiet „Mittleres Estetal“ umfasst eine Fläche von 477 Hektar, es zieht sich entlang der Este von Moisburg (Samtgemeinde Hollenstedt) bis Bötersheim (Samtgemeinde Tostedt). Ein Riesenareal und keinesfalls unbesiedelt. Landwirte haben hier Flächen, die Wiesen an der Este werden bewirtschaftet und beweidet, sie dienen auch der Entwässerung angrenzender Flächen. Auch Privathäuser und Betriebe gibt es hier. Werden die Flächen zum Naturschutzgebiet, ist das für Bürger dort mit teilweise erheblichen Einschränkungen verbunden. Mahd, Düngung, Aufforstung, Bauten, Entwässerung, Holzeinschlag und teilweise sogar das Betreten sind streng geregelt oder müssen vorher bei der Unteren Naturschutzbehörde beantragt werden.
Besonders verärgert war man in den betroffenen Gemeinden aber über das „gutsherrenähnliche Vorgehen“ der amtlichen Naturschützer. Denn man sah es in der Behörde als ausreichend an, das Vorhaben lediglich, so wie es vorgeschrieben ist, bekannt zu machen - mehr nicht. „Das ist nicht notwendig und auch nicht gewollt“, erhielt zum Beispiel Hollenstedts stellvertretender Bürgermeister Jörg Meier als Antwort auf die Anregung, die Bürger mit einer Infoveranstaltung für das Projekt zu gewinnen. „Ich war schon in so manchem Wohnzimmer, um die Wogen zu glätten“, erklärte auch Samtgemeinde-Bürgermeister Heiner Albers. Selbst Naturschützern ging das strikte Vorgehen des Kreises gegen den Strich. „Naturschutz nicht gegen, sondern mit dem Bürger“, forderten deswegen die „NaturFreunde Nordheide“. Besonders delikat: Viele Bürger erfuhren von dem Vorhaben erst kurz vor Ende der Einspruchsfrist, die am 19. Mai auslief. Das
WOCHENBLATT fragte nach. „Wir sind sehr daran interessiert, die Bürger auf einer Veranstaltung über das weitere Verfahren zu informieren“, sagte Kreissprecher Johannes Freudewald. Außerdem werde die Einspruchsfrist bis zum 19. Juni verlängert.
Für Bürgermeister Jörg Meier ist das ein sehr positives Signal. „Es trägt sicher zur Akzeptanz und auch zur Rechtssicherheit bei, wenn Betroffene sich ausführlich informieren können.“

K O M M E N T A R

Bürgerinformation ist wichtig: Naturschutz ist umso effektiver, je akzeptierter er ist

Seit 1992 gibt es die entsprechende Richtlinie, seit 2009 ist sie im Bundesnaturschutzgesetz verankert. Warum passierte beim Landkreis 25 bzw. neun Jahre in Sachen Naturschutz so gut wie nichts? Schuld daran ist nicht nur die Behörde, sondern auch die Politik. In Hannover, genauso wie beim Kreis. Denn jahrelang hat man sich wider besseren Wissens dagegen gesträubt, die Gebiete hoheitlich auszuweisen. Stattdessen setzte man - gegen den Rat vieler Umweltverbände - auf den sogenannten Vertragsnaturschutz, bei dem Einzelverträge mit Eigentümern ausgehandelt werden. Mit der rot-grünen Landesregierung und einer eindeutigen Klarstellung seitens der EU war damit Schluss - und plötzlich war 2016. Jetzt muss der Kreis innerhalb von zwei Jahren die Arbeit von fast 20 nachholen. Es gilt, zwölf Gebiete EU-konform auszuweisen. Druck gibt es dabei vom Land, das wiederum vom Bund Druck bekommt. Denn die EU-Kommission hat mittlerweile gegen Deutschland ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Nicht nur im Landkreis Harburg hängt man mit den Formalitäten bei den FFH-Flächen hinterher.
Den Druck von ganz oben hat man beim Kreis offenbar an den Bürger weitergeben wollen. Die Beteiligung wurde auf das gesetzliche vorgeschriebene Minimum beschränkt. Allerdings: Naturschutz ist umso effektiver, je akzeptierter er ist. Deswegen ist eine Info-Veranstaltung, wie jetzt geplant ist, nicht nur ein Dienst am Bürger, sondern auch im Sinne des Naturschutzes.
Mitja Schrader

Landkreis Harburg lädt zu Info-Veranstaltung

Achtung: Eine Info-Veranstaltung über das geplante Naturschutzgebiet findet am kommenden Mittwoch, 24. Mai, um 18 Uhr im Gasthaus Heins (Hauptstraße 31) in Holvede statt. Dazu eingeladen hat der Landkreis Harburg. Alle Bürger sind willkommen. Zu Gast sind Kreisrätin Monika Scherf sowie Samtgemeinde-Bürgermeister Heiner Albers.