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"Aus Fremden werden Freunde!" - Beispielhafte Jesteburger: Bürger wollen Flüchtlinge unterstützen

Das „Heimathaus“ war voll: Zahlreiche Jesteburger wollten sich darüber informieren, wie es mit den Asylbewerbern in Jesteburg weitergeht
 
Standen den Bürgern Rede und Antwort (v. li.): Bürgermeister Udo Heitmann, Landkreis-Sprecher Johannes Freudewald, Kreisrat Dr. Björn Hoppenstedt und Ute Köchel (Sozial-Dezernat)

Das verdient großen Respekt! Obwohl Jesteburg binnen kurzer Zeit mehr als 100 Flüchtlinge aufnehmen muss, sind die Bürger aufgeschlossen gegenüber den Fremden. Während einer Infoveranstaltung signalisierten viele Teilnehmer ihre Hilfsbereitschaft.

mum. Jesteburg. Immer mehr Stühle wurden herangetragen - und dennoch mussten zahlreiche Besucher stehen: Die Informationsveranstaltung zur Unterbringung von Flüchtlingen in Jesteburg war sehr gut besucht. Mehr als 100 Bürger wollten am Dienstagabend wissen, was Landkreis und Gemeinde in dem kleinen Heidedorf planen. Und obwohl die Atmosphäre anfangs angespannt wirkte, zeigten die Jesteburger eine Weltoffenheit, die vielen anderen Gemeinden als Vorbild dienen sollte.
„Wie können wir helfen?“ lautete die am häufigsten gestellte Frage. Und die Gemeinde war vorbereitet. „In Jesteburg gibt es bereits seit Wochen einen Helfer-Kreis, das Café Farbenfroh“, so Samtgemeinde-Bürgermeister Hans-Heinrich Höper. Margarete Ziegert und Peter Otte koordinieren die Unterstützung. „Allein gestern gab es zwölf Anrufe von Jesteburgern, die den Flüchtlingen mit Spenden helfen wollen“, so Ziegert. Weitere Unterstützer seien willkommen.
Beeindruckend waren auch die Schilderungen einer Mutter. „Mein Sohn kam eines Morgens zu mir und sagte, dass in dem Nachbargarten viele schwarze Männer seien“, so die Frau. „Natürlich war ich verärgert darüber, dass der Landkreis uns nicht informiert hatte.“ Dann habe sie sich daran erinnert, was sich für gute Nachbarn gehört. „Ich bin mit einem Obstkorb rüber und habe sie in Jesteburg willkommen geheißen. Diese Fremden sind inzwischen unsere Freunde.“
Ausnahmen bestätigen die Regel - das galt auch für die Fragesteller am Dienstagabend. „Wer sorgt denn in den Unterkünften für Sauberkeit?“ wollte jemand von den Vertretern des Landkreises wissen. Die Antwort aus dem Plenum lautete: „Zu uns kommen Menschen, keine Tiere!“
Das Zusammenrücken der Jesteburger ist wichtig: 28 Flüchtlinge sind bereits in dezentralen Einrichtungen untergekommen. In der nächsten Woche werden weitere 30 Asylbewerber in einer neuen Container-Anlage am Sandbarg einziehen. Außerdem wird das Hotel Niedersachsen kurzfristig für 40 Personen zur Unterkunft umgebaut. Zudem ziehen bis zu 20 Flüchtlinge in das ehemalige Puppenmuseum (Erikaweg) ein. Und das wird noch nicht das Ende sein.
• Wer helfen möchte, wendet sich an Margarete Ziegert (04183 - 5412) und Peter Otte (04183 - 5529).

Kommentar

Gastfreundschaft statt Ignoranz

Ich ziehe den Hut vor Jesteburg! Die Angst vor dem Unbekannten ist verständlich. Wie wird es sein, wenn plötzlich 20 Schwarzafrikaner im Nachbarshaus einziehen und dort nicht mehr das bekannte ältere Ehepaar wohnt? In Jesteburg will man mit Gastfreundschaft und Toleranz auf die Situation reagieren. Fremdenfeindlichkeit, Ignoranz und Egoismus findet man dort nicht. So zumindest die Stimmung während der Bürgerversammlung. Das ist ein Zeichen für viele andere Gemeinden im Landkreis Harburg, die bislang nicht verstanden haben, dass wir in Deutschland nicht isoliert vom Rest der Welt leben. Wie sagte Samtgemeinde-Bürgermeister Höper: „Wir können hier noch viele Stunden diskutieren, doch das ändert nichts daran, dass Menschen in Kauf nehmen im Mittelmeer zu ertrinken, anstatt in ihrer Heimat ohne Chance zu sein.“
Respekt verdient auch der Landkreis. Obwohl sie selbst von der Landesregierung im Regen stehengelassen werden, bemühen sich die Mitarbeiter darum, die Bürger umfassen zu informieren. Das dies vielleicht mitunter kurzfristig geschieht, liegt nicht an der Schlafmützigkeit der Verwaltung, sondern daran, dass das Land offensichtlich unkoordiniert Asylbewerber auf die Kommunen verteilt.
Sascha Mummenhoff