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„Wir sind keine Gefahr!“

Mehr als 200 Marxener wollten sich über die Ansiedlungspläne informieren
 
Informierten über die Derustit-Ansiedlung (v. li.): Martin Rabenau, Dr. Dieter Hess, Hans Kauffeld (alle Derustit), Burkhard Stumpenhausen (Gewerbeaufsichtsamt), Claus Bohling und Felix Wartemann (beide Industrieberatung Umwelt)

„Es wird niemandem etwas passieren“, sagt Derustit-Geschäftsführer Dr. Dieter Hess. Die Firma, die mit Chemikalien arbeitet, möchte in Marxen ansiedeln.

mum. Marxen. In Marxen kommt man offensichtlich gern zusammen. Vor nicht einmal drei Wochen feierte die kleine Gemeinde (1.525 Einwohner) in der Samtgemeinde Hanstedt ihr 777-jähriges Bestehen. Das Festzelt platze aus allen Nähten. Ähnlich voll wurde es auch am Dienstag im Dorfgemeinschaftshaus. Mehr als 200 Marxener wollten erfahren, was das Unternehmen Derustit im Gewerbegebiet „Schünbusch Feld“ plant.
Wie bereits berichtet, hat Derustit ein etwa 4.000 Quadratmeter großes Grundstück im Gewerbegebiet gekauft. Das Unternehmen, das in der Oberflächenbehandlung von Stahl und Edelstahl mithilfe von Chemikalien tätig ist, will seine Hamburger Standorte in Wilhelmsburg und Stellingen in die Nordheide verlagern. Der Gemeinderat hatte den Plänen bereits im Frühjahr „grünes Licht“ gegeben. Derzeit liegen die Anträge bei der zuständigen Gewerbeaufsicht in Lüneburg.
Bei der Veredelung setzt Derustit unter anderem so genannte Flusssäure (auch Fluorwasserstoffsäure genannt) ein. Davor fürchten sich die Marxener, denn bereits in kleinen Mengen kann Flusssäure schwere Verletzungen verursachen. Fünfprozentige Säure, wie sie etwa in Rostreinigern zu finden ist, führt bei Hautkontakt zu Rötungen oder einem Brennen. In höheren Konzentrationen verätzt die Säure die Haut.
„Wir wissen um die Angst der Bürger“, so Derustit-Geschäftsführer Dr. Dieter Hess. „Es besteht überhaupt keine Gefahr für die Anwohner.“ Das bestätigte auch Claus Bohling vom beauftragten Umweltplanungsbüro. „Der Fluorwasserstoffwert, der über den Schornstein ausgestoßen wird, liegt bei 0,1 Milligramm pro Kubikmeter. Erlaubt sind drei Milligramm pro Kubikmeter.“ Die Säure kommt in drei Becken zum Einsatz, in denen Stahl gebeizt wird. „Selbst wenn diese Becken beschädigt werden, ist das Gebäude so gebaut, dass sich die Flüssigkeit in einer Art Wanne sammelt. Eine Kontamination ist ausgeschlossen.“ Die Halle selbst werde 9,50 Meter hoch sein. Zusätzlich sei ein Schornstein mit einer Höhe von 18,70 Metern vorgesehen.
Trotz der guten Präsentation blieb bei einigen Anwohnern Misstrauen. Die Bürger wollten wissen, wie häufig das Unternehmen kontrolliert wird, wie man das Gebäude vor einem Terroranschlag schützt und wer im Falle einer Insolvenz das Firmengrundstück räumt? „Sie fühlen sich aufgrund eines Bauchgefühls von uns bedroht“, so Hess. Dagegen gebe es keine Argumente. „Ich bin jetzt seit 27 Jahren für Derustit. Es gab noch nie einen Zwischenfall, bei dem ein Mensch verletzt wurde“, so Hess. Sein Unternehmen bestehe seit 1953 in Deutschland. 130 Mitarbeiter würden an verschiedenen Standorten arbeiten. „Wir hatten nie Schwierigkeiten mit unseren Nachbarn.“
Kritik gab es auch am Gemeinderat. Warum wurde die Ansiedlung nicht viel früher öffentlich thematisiert? Und warum fand die Abstimmung in nicht-öffentlicher Sitzung statt? „Wir haben aus dieser Angelegenheit unsere Lehren gezogen“, sagt Bürgermeister Christian Meyer. Bislang seien sämtliche Grundstücksentscheidungen im Gewerbegebiet nicht-öffentlich gewesen. Eine öffentliche Veranstaltung sei auch erst zu einem späteren Zeitraum vorgeschrieben gewesen. „Aber natürlich nehmen wir uns die Kritik zu Herzen.“
Die Unterlagen zur Ansiedlung liegen derzeit öffentlich - unter anderem im Gemeindebüro - aus.

Auf ein Wort

Marxen ist eine Gemeinschaft
Hätte der Gemeinderat die Bürger früher informieren müssen, wer sich in dem kleinen Ort ansiedeln möchte? Über diese Frage kann man sicherlich kontrovers diskutieren. Den ehrenamtlichen Politikern allerdings vorzuwerfen, das Thema verheimlichen zu wollen, verbietet sich. Denn was hätte es genützt? Irgendwann wäre es ans Licht gekommen. Und anders als in der „großen Politik“ sind die Gemeinderatsmitglieder weiterhin jeden Tag Teil der Dorfgemeinschaft. Vor genau dieser ziehe ich den Hut. Die Stimmung im Dorfgemeinschaftshaus war aufgeladen. Dass sie sich nicht impulsiv und aggressiv entlud, spricht für das Miteinander im Dorf.
Sascha Mummenhoff