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"Es geht um Respekt": Jürgen Emmrich weiß wie man sich durchboxt

Boxtrainer aus Leidenschaft: Jürgen Emmrich
 
Ein Bild aus den Zeiten als junger Seemann (Foto: oh)
kb. Hittfeld. Er war als Seemann auf den Weltmeeren unterwegs, saß als Zivilfahnder undercover mit Ganoven in der Kneipe und steht jetzt als Boxtrainer beim TSV Eintracht Hittfeld am Ring: Jürgen Emmrich (69) aus Hittfeld-Emmeldorf hat in den vergangenen Jahrzehnten soviel erlebt, dass es eigentlich für zwei Leben reicht.
Geboren 1945 in Brandenburg wuchs Emmrich zwischen Ruinen im Nachkriegs-Berlin auf. Früh packte ihn die Liebe zum Meer. "Ich war von klein auf verrückt nach Wasser, habe Schiffsbilder gesammelt und Modelle gebaut", erzählt Emmrich. Doch seine Eltern wollten ihn lieber im Hotelfach sehen. Sie hatten ihren Sohn schon zur Ausbildung angemeldet, als dieser mit 16 Jahren die Entscheidung traf, allein nach Hamburg zur Seemannsschule zu gehen. Nach drei Monaten Grundausbildung heuerte Emmrich als Decksjunge an. "Das war leider nicht so, wie ich mir das vorgestellt hatte", schmunzelt er. Zeit den Sonnenuntergang an Deck zu betrachten hatte der Decksjunge nämlich nicht. Er musste dafür sorgen, dass Frühstück, Mittag und Abendessen rechtzeitig auf dem Tisch standen, musste spülen und putzen. Doch als er seinen ersten Hafen auf Haiti anlief, fühlte sich der 16-Jährige wie ein Entdecker. "Die meisten Deutschen kamen damals höchstens bis Italien - und ich war in der Karibik. Das war kaum zu fassen."
Das harte und raue Leben an Deck schreckte Emmrich nicht ab. Er wurde Matrose und schließlich mit 24 Jahren Steuermann. "Irgendwann kam ich an Land gar nicht mehr so recht klar", erinnert sich der 69-Jährige. Nach zehn Jahren an Deck traf er die Entscheidung, der Seefahrt den Rücken zu kehren und wechselte zur Wasserschutzpolizei. "Trotzdem war die Zeit auf See die schönste meines Lebens. An Deck habe ich viel gelernt", sagt Emmrich. Nach einiger Zeit wechselte er bei der Polizei zu den Zivilfahndern. Emmrich observierte Verdächtige und ließ sich in einschlägige Kneipen einschleusen, wo er mit den Ganoven so lange Bier trank, bis die sich verplapperten. Später war Emmrich auf der Jagd nach Umweltsündern, zuletzt als Sportkoordinator für die Ausbildung des Polizeinachwuchses zuständig.
Seit 1981 engagierte sich Emmrich neben seinem Job als Box-Trainer. Die Leidenschaft für den Boxsport liegt bei ihm in der Familie. Sein guter Ruf als Trainer führte Emmrich u.a. in die Jugendstrafanstalt auf der Elbinsel Hahnöfersand. Zehn Jahre lang zeigte er den Inhaftierten, wie sie durch das Boxen besser mit ihren Aggressionen umgehen können. Er fragte nie, welches Verbrechen die Häftlinge begangen hatten. "Das waren nette Jungs, die beim Training ihre ganze Wut raushauen konnten."
Den Job als Boxtrainer beim TSV Eintracht Hittfeld wollte Emmrich bei der Gründung der Sparte 2001 zunächst eigentlich gar nicht übernehmen. "Vereine sind eigentlich nicht so mein Ding", sagt er. Schließlich ließ er sich doch breit schlagen. Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen macht ihm großen Spaß. "Überwiegend bringen wir den Jungs erst einmal bei, zu grüßen, pünktlich und ordentlich zu sein", erzählt Emmrich. Ihm ist wichtig, dass es beim Boxen nicht darum geht, Straßenschläger auszubilden - im Gegenteil. "Es geht um Respekt und Disziplin, die Jugendlichen bekommen Selbstvertrauen und erfahren, wie man mit Niederlagen umgeht", so Emmrich.
Eigentlich wollte der pensionierte Polizist längst ein wenig kürzer treten, mehr Zeit mit seiner Frau Franciane, auf seinem Motorrad oder in seinem Musikkeller verbringen - doch daraus wird vorerst nichts. Gerade hat er nämlich ein echtes Box-Talent entdeckt, außerdem ist es nicht einfach, einen Nachfolger zu finden. Also hat Emmrich beschlossen: "So lange ich noch klar denken kann, mach ich das."