Landkreis Harburg
Landesverdienstkreuz für "Platt-Botschafter" Dr. Heinz Harms

Dr. Heinz Harms wurde für seine Verdienste gewürdigt | Foto: Uwe Stelling
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Seit Jahrzehnten setzt er sich für den Erhalt der plattdeutschen Sprache ein, verblüfft mit seinen historischen Kenntnissen und ist gern gesehener Gast bei den Heimatvereinen der Region: Dr. Heinz Harms erhielt für sein herausragendes ehrenamtliches Engagement jetzt aus Händen von Landrat Rainer Rempe das Landesverdienstkreuz. Dass für die Verleihung das Gasthaus "Der Harmstorfer" ausgewählt wurde, hatte aber nichts mit dem Namen des Geehrten zu tun, sondern mit dessen Verbundenheit zum dortigen Gastwirt. 

"Auch wenn meine Plattdeutsch-Kenntnisse nicht besonders ausgeprägt sind, kann ich heute nur sagen: 'Ick frei mi bannig', Sie heute zu diesem besonderen Anlass hier in Harmstorf zu begrüßen und es ist mir eine Ehre, dass ich Ihnen, lieber Herr Dr. Harms, im Auftrag unseres Ministerpräsidenten Stephan Weil das Verdienstkreuz am Bande des Niedersächsischen Verdienstordens verleihen darf", sagte Rainer Rempe.

Die wahre Heimat ist
eigentlich die Sprache

Für die Rückschau auf das beeindruckende Wirken und die Verdienste des 86-Jährigen wählte Rempe ein Zitat von Wilhelm von Humboldt: „Die wahre Heimat ist eigentlich die Sprache.“ Beides sind Begriffe, die in Heinz Harms' eben ganz eng verwoben sind.

"Plattdeutsch, das war die erste Sprache, die Sie in Ihrem Leben hörten und mit der Sie aufwuchsen. Die Sprache Ihrer Heimat. Heimat, das ist für Sie inzwischen ganz bestimmt auch Hollenstedt, geboren wurden Sie aber 1939 im Alten Land, in Francop-Hohenwisch. Ihre Eltern waren Obstbauern, Sie der mittlere Sohn, und wenn man Sie erzählen hört von dem Bauernhof Ihrer Kindheit, den Tieren und der dörflichen Gemeinschaft, dann hat man sofort Bilder von blühenden Obstbäumen, grünen Deichen und Männern beim Klönschnack am Gartenzaun vor Augen. In der Familie und im Dorf wurde – natürlich – nur Plattdeutsch gesprochen. Ins Hochdeutsche wechselte man, wenn es 'amtlich' wurde: mit dem Lehrer oder dem Arzt und mit Menschen aus der Stadt." 

Nach der Zeit in der Francoper Volksschule besuchte Heinz Harms die Oberschule für Jungen in Hamburg-Harburg – per Postbus ganz gut zu erreichen. Es folgten das Abitur und das Studium der Naturwissenschaften an der Universität Hamburg. Dort promovierte er im Fach Mikrobiologie und war später als Dozent für Mikrobiologie in Forschung und Lehre am Institut für Allgemeine Botanik in Klein Flottbek tätig.

Bei der Sturmflut 1962 das Heim
sowie Hab und Gut verloren

Während des Studiums lebte Heinz Harms weiterhin auf dem elterlichen Hof Ihrer Eltern und blieb der Dorfgemeinschaft eng verbunden. Umso schwerer traf die Familie die Sturmflut 1962, als Anwesen samt Hab und Gut nach einem Deichbruch von den Fluten fortgerissen wurde. Lediglich ein Giebel des Hauses war stehengeblieben - ein kaum zu beziffernder Verlust. Heinz Harms unterbrachen zeitweise sein Studium, um einen Eltern beizustehen, das Erlebte zu verarbeiten, und schließlich gemeinsam zwei Jahre später Haus und Hof neu aufzubauen.

Umso erfreulicher, dass Heinz Harms etwa in dieser Zeit auch seine spätere Ehefrau Birgit kennenlernte: Heinz Harms, selbst als Liebesgott verkleidet, traf auf einem Faschingsball traf ihn sprichwörtlich Amors Pfeil. 1968 heirateten das Paar und zog nach Hollenstedt, wo die beiden Eltern von den zwei Söhnen Börries und Gaven wurden.

Während der Schulzeit der Kinder begann Heinz Harms' ehrenamtliches Engagement. Als Vorsitzender der Klassenelternschaft an der Grund- und Hauptschule Hollenstedt und Vorsitzender des Schulelternrats brachte er sich in die Schulgemeinschaft ein und informierte später die Kinder und Jugendlichen bei der Berufsmesse des Gymnasiums Neu Wulmstorf gern über seinen spannenden Beruf als Mikrobiologe und den Weg dorthin.

Auch die Dorfgemeinschaft
profitierte vom Einsatz der Harms

Auch die Dorfgemeinschaft profitierte von seiner zupackenden Art: Er unterstützte viele Jahre lang bei der Organisation und Durchführung des Flohmarktes im Rahmen des Hollenstedter Herbstmarktes, den seine Frau bereits 1976 initiiert und Jahrzehnte lang geleitet hatte. 1981 waren der heute 86-Jährige Mitbegründer des Vereins Musikschule Hollenstedt, dem er danach acht Jahre lang als erster Vorsitzender vorstand. "Bis heute profitieren Kinder, Jugendliche, aber auch Erwachsene vom Angebot der Musikschule und belegen nicht selten vordere Plätze bei musikalischen Wettbewerben. Ein echter Gewinn für alle Hollenstedter!", lobte der Landrat.

Unvergessen auch das Engagement von Heinz Harms im Heimat- und Verkehrsverein Estetal, dem er seit mehr als 20 Jahren angehört und in dem er sich u.a. tatkräftig bei der Errichtung und der Pflege von Ruhebänken und Informationstafeln einbrachte. Eng verbunden ist er auch der Stiftung Freilichtmuseum am Kiekeberg, wo er sich u.a. für den Erhalt der Moisburger Mühle einsetzt.

Große Leidenschaft für
die plattdeutsche Sprache

Das, wofür Dr. Heinz Harms im Landkreis Harburg und darüber hinaus aber vor allem bekannt ist, ist seine Leidenschaft und sein Einsatz für die plattdeutsche Sprache. Plattdeutsch sei ein wichtiger Ausdruck von Identität und Heimat, von Zugehörigkeit und Gemeinschaft. Plattdeutsch sei aber an vielen Stellen aus dem Leben der Menschen verschwunden. "Das wollen Sie, lieber Herr Harms, ändern. Und gehen dazu als 'Platt-Botschafter' ganz unterschiedliche Wege", so Rempe.

Viele Menschen kennen den Hollenstedter aus plattdeutschen Lesungen und von Vorträgen, u.a. über die Sturmflut 1962 oder den Bau der A1 zwischen Dibbersen und Sittensen Mitte der 1930er Jahre, den Harms' Schwiegervater damals leitete. Mit anschaulichen Schilderungen und spannenden Informationen zieht der 86-Jährige die Zuhörerinnen und Zuhörer in seinen Bann und zeigt dabei ganz nebenbei, wie vielfältig und lebendig die plattdeutsche Sprache ist.

Diesen Eindruck gewinnt man auch beim plattdeutschen Lesewettbewerb „Schööler lest Platt“, dessen Kreisentscheid alle zwei Jahre am Freilichtmuseum am Kiekeberg stattfindet und den Heinz Harms zum Beispiel in der Juryarbeit nach Kräften unterstützt. "Sie würden sich wünschen, dass Plattdeutsch verstärkt schon in den Kindergärten und dann in den Schulen Einzug hält und dort nachhaltig vermittelt wird.
Diesen 'Job' haben Sie selbst viele Jahre lang übernommen: An der Volkshochschule in Buxtehude, aber auch in der Samtgemeinde Hollenstedt haben Sie mit großer Freude Plattdeutschunterricht gegeben", berichtete Rempe. Egal, mit welchen Voraussetzungen die Schüler an das Erlernen der plattdeutschen Sprache herangingen: "Eines aber haben ganz sicher alle Schülerinnen und Schüler aus Ihrem Unterricht mitgenommen – die Freude am Plattdeutschen und die Erkenntnis, dass es zum Plattdeutschlernen nur ein wirklich funktionierendes Rezept gibt: Die Scheu und den Anspruch an Perfektion zu überwinden und einfach zu sprechen. Je öfter desto besser", weiß der Landrat.

Mitglied und Organisationsprofi
beim Verein "För Platt"

Dem Ziel, möglichst viele Menschen fürs Plattdeutsche zu begeistern, hat sich auch der Verein „För Platt“ verschrieben, der in diesem Jahr 20-jähriges Jubiläum feiert und dem Heinz Harms sofort nach dessen Gründung 2005 beigetreten ist. Seit 2008 ist der engagierte Hollenstedter als zweiter Vorsitzender bei „För Platt“ aktiv und inzwischen ein echter Profi, wenn es darum geht, erfolgreich Veranstaltungen zu organisieren. Dazu gibt es auch 2025 viele Gelegenheiten, u.a. die Veranstaltungen im Jubiläumsjahr sowie ab Ende August die „Plattdüütsch Weken“ im Landkreis Harburg unter der Regie von „För Platt“.
Erst kürzlich fand auf Einladung von Dr. Heinz Harms hin das zweite überregionale plattdeutsche Netzwerktreffen am Kiekeberg statt. 

Ganz besonders liegt ihm aber auch der „Plattdüütsch Möhlensnack“ im Mühlenmuseum Moisburg am Herzen. Die Idee stammt von Prof. Rolf Wiese und seiner Frau Giesela, seit 2018 findet der Mühlenschnack einmal monatlich immer im Sommerhalbjahr statt. Und dafür, dass die Besucherinnen und Besucher sich neben einem leckeren Stück Kuchen und einer Tasse Kaffee auch noch auf spannende Vorträge freuen können, sind Sie zuständig. Längst ist der Mühlenschnack kein Geheimtipp mehr: Meist ist die Mahlgaststube bis auf den letzten Platz besetzt.

Gut besucht sind auch die plattdeutschen Gottesdienste in Hollenstedt, die Heinz Harms mitgestaltet und durch Lesungen bereichert. Seiner Initiative ist es auch zu verdanken, dass inzwischen sämtliche Ortsschilder einen plattdeutschen Namenszusatz tragen. Um das Projekt zu finanzieren, hat er selbst über 2.300 Euro an Spenden eingeworben.

Plattdeutsch gehört in
der Familie Harms dazu

Auch bei Familie Harms gehört Plattdeutsch zum Leben dazu. Birgit Harms teilt die Liebe ihres Mannes zum Plattdeutschen ist ihm bei seinem ehrenamtlichen Engagement eine große Stütze. "Dafür gebührt Ihnen ebenfalls großer Dank!", sagte der Landrat.

Als Heinz Harms den Brief der Staatskanzlei aus Hannover in der Hand hielt, musste er gleich an zu Hause denken. In seiner Kindheit und Jugend war man nämlich eher etwas misstrauisch, wenn Post aus der Stadt oder von Behörden kam. Der erste Impuls lautete dann: „Watt hest Du nu wedder utfreeten?“ In diesem Fall wich der Argwohn aber schnell der Freude. „Ick weer baff“: "Das war Ihre Reaktion, als Sie von der Ehrung lasen. Etwas weniger baff waren vermutlich die Menschen um Sie herum, die ganz genau sehen, mit wie viel Herzblut und Begeisterung Sie seit vielen Jahren bei der Sache sind und die wissen, wie gern Sie sich nicht nur für die plattdeutsche Sprache, sondern auch für Ihre Wahl-Heimat Hollenstedt einsetzen. Nicht umsonst wurden Sie bereits 2017 mit dem 'Umwelt- und Bürgerpreis' der Gemeinde Hollenstedt ausgezeichnet", erinnerte Rempe.

Anerkennung des Engagements
bereitet große Freude

Für Heinz Harms ist die Anerkennung seines Engagements eine große Freude. Er bekomme aber auch durch sein Ehrenamt ganz viel zurück, wie er selbst sagt. "Sie erleben Menschen, die bei Ihnen so firm im Plattdeutschen werden, dass sie hinterher die Sprache selber weitergeben. Sie sehen alte Menschen, deren Augen leuchten, weil Sie die Sprache Ihrer Kindheit hören und sich aufgehoben fühlen. Und die größte Freude ist ganz sicher, wenn Sie in der Moisburger Mühle sitzen und alle so wild durcheinanderschnacken, dass man selber kaum zu Wort kommt.

Lieber Herr Harms, ich bin überzeugt davon, dass die plattdeutsche Sprache keinen besseren Botschafter finden kann als Sie! Sie bewahren und fördern einen ganz wichtigen Teil regionaler Identität. Das tun Sie mit einer ansteckenden Freude und einer inneren Selbstverständlichkeit, die andere Menschen, Jung wie Alt, begeistert und mitreißt", so Rainer Rempe, bevor er dem sympathischen Hollenstedter im Beisein von Familie und Weggefährten das niedersächsische Verdienstkreuz verlieh mit den Worten: "Wir alle, ganz besonders aber die Menschen in der Samtgemeinde Hollenstedt und im gesamten Landkreis Harburg, sind sehr stolz, Sie als Bürger in unserer Mitte zu wissen."

Dr. Heinz Harms wurde für seine Verdienste gewürdigt | Foto: Uwe Stelling
Dr. Heinz Harms (Mi.) bei der Verleihung des Bürger- und Umweltpreises, hier mit der stellvertretenden Landrätin Anette Randt und Hollenstedts Bürgermeister Jürgen Böhme | Foto: Gemeinde Hollenstedt
Ein Geschenk hatten Birgit und Heinz Harms bei der Eröffnung einer Ausstellung in der Moisburger Mühle mitgebracht
Für die Restaurierung des Pfarrwitwenhauses spendeten Birgit und Heinz Harms 600 Euro | Foto: bim
Redakteur:

Bianca Marquardt aus Tostedt

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