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Tostedt
Bewegte Geschichte - erst Landwirtschaftsschule, jetzt Rathaus

Immer noch ein schmuckes Gebäude: Im heutigen Tostedter Rathaus wurden einst Landwirtschaftsschüler unterrichtet | Foto: Archiv Klaus Rose / bim
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  • Immer noch ein schmuckes Gebäude: Im heutigen Tostedter Rathaus wurden einst Landwirtschaftsschüler unterrichtet
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Vielen Menschen ist die Tafel mit der Aufschrift "Wie die Saat, so die Ernte" an dem wunderschönen Tostedter Rathaus vermutlich noch nie aufgefallen. Und wenn doch, wundert man sich, warum dieser Satz vor einer Amtsstube zu lesen ist. Der Grund: In dem Gebäude von 1906/07 befand sich einst die Landwirtschaftsschule Tostedt, die von 1895 bis 1969 bestand. Generationen von Landwirten wurden dort unterrichtet. Kürzlich endete eine Ära, denn der "Verein ehemaliger Schülerinnen und Schüler der Landwirtschaftsschule Tostedt" wurde aufgelöst.

Verein hatte Schule 1906 eine Uhr geschenkt

Der Verein hatte der Landwirtschaftsschule im Jahr 1906 eine Uhr geschenkt, die bis in die 1970er Jahre einen kleinen Turm in der Mitte des heutigen Rathauses zierte. Die Uhr war ein Dank an die Gemeinde Tostedt, die damals die sogenannte Winterschule errichtete. Das geht aus einem interessanten Beitrag im Heft "Nachrichten von Hermann und Erika" des Heimatvereins Tostedt hervor, in dem sich der Heimatforscher Klaus Rose 2022 der Historie der Landwirtschaftsschule widmet.

Nachzulesen ist auch der Grund, weshalb die Landwirtschaftsschule auch Winterschule genannt wurde. Die Landwirtschaft kam bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts in eine existenzbedrohende Krise. Fortschrittlich denkende Bauern erkannten, dass ihnen die notwendige Fachbildung fehlte, um sich u.a. gegenüber der gewerblichen Wirtschaft zu behaupten. So entstand der Wunsch, den heranwachsenden Söhnen während der arbeitsarmen Jahreszeit im Winterhalbjahr die Möglichkeit einer schulischen Fachausbildung zu ermöglichen, schreibt Klaus Rose.

Zunächst war die Landwirtschaftsschule bis 1909 in Trägerschaft der Gemeinde. Danach zeichnete der Landkreis Harburg dafür verantwortlich, bis die Schule 1927 an die Landwirtschaftskammer Hannover wechselte. Ab dem Zeitpunkt gewann auch die Beratung von Landwirten an Bedeutung.

Zum Unterricht gehörten zwei Wintersemester

Zum Unterricht der jungen Landwirte gehörten in zwei Wintersemestern zunächst vor allem Grundlagen der Chemie. Hauptfächer waren Tierzucht, Gesetze der Ernährung, Gesteins- und Bodenkunde. "Als Hilfsfächer wurden Deutsch, Rechnen, Physik, Zeichnen und Feldmessen." Im zweiten Semester standen "Düngelehre, Pflanzenkunde mit Berücksichtigung der Krankheiten, Wiesen- und Obstbau" und landwirtschaftliche Betriebslehre auf dem Stundenplan.
1947 wurde der Landwirtschaftsschule u.a. eine Mädchenabteilung angeschlossen, die 1953 ein eigenes Unterrichtsgebäude bekamen - das heute ebenfalls Teil des Tostedter Rathauses mit dem Bürgerbüro ist. Leiterin der neuen Abteilung wurde bis zu deren Schließung im Jahr 1972 die Landwirtschaftsoberrätin Ilse Knobloch. Bei den Mädels wurden Gesundheits- und Kinderpflege, Ernährungslehre, Kochen, Hausarbeit, Tierhaltung, Gartenbau und Nadelarbeit unterrichtet.

Schule aus Kostengründen geschlossen

Aus Kostengründen wurde die Schule am 31. März 1969 durch die Landwirtschaftskammer Hannover geschlossen - als der letzte Direktor, Landwirtschaftsrat Rudolf Jende - in den Ruhestand trat. Nach harten Verhandlungen erwarb die Gemeinde Tostedt das Schulgebäude Schützenstraße 26. Damit war aber noch nicht das Schicksal des Mädchenschulgebäudes (Schützenstraße 24) geklärt. "Tostedt sollte weiterhin Sitz der Beratungsstelle für Land- und Hauswirtschaft bleiben", schreibt der Heimatforscher Klaus Rose. 1975 wollte die inzwischen gegründete Samtgemeinde das Gebäude für die Finanzverwaltung, die Kasse und einen Sitzungssaal für die Ratsarbeit beanspruchen.

Zu Bestzeiten gehörten dem "Verein ehemaliger Schülerinnen und Schüler der Landwirtschaftsschule Tostedt" 295 Ehemalige an, die Gedanken und Erfahrungen austauschten, Vorträge hörten oder sich bei Ausflügen und Winterbällen vergnügten.  

Vorsitzende waren nach dem Zweiten Weltkrieg Heinrich Holste (Langeloh), ab 1969 Hans-Jürgen Peters (Schillingsbostel) und in den Folgejahren Gerd Augustin (Wennerstorf), Hans-Heinrich Wilkens (Heidenau) und Heinz Aldag (Wenzendorf).

"Hühnerbaron" löste den Ehemaligen-Verein auf

Die jetzt vollzogene Vereinsauflösung übernahm niemand Geringerer als der Neu Wulmstorfer "Hühnerbaron" und langjährige CDU-Landtagsabgeordnete Heiner Schönecke. "Ich gehörte damals zu den Jungspunden, war einer der letzten Schüler", berichtet der 79-Jährige. Im Jahr 1969 wurden die letzten Schüler entlassen.  Zuletzt gehörten dem Verein nur noch rund 35 Mitglieder an.

Redakteur:

Bianca Marquardt aus Tostedt

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