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Schüler retten Leben an der Ostseeküste

Bootsführer Stefan Pahl simuliert bei Rebecca Suhr (17) eine Rettung ins Schlauchboot
 
Paul Fasold (li.) demonstriert an Lukas Tomforde das Schleppen mit Hilfe des Gurtretters (Foto: KEV)
bc. Stade. „Helft mir!“, ruft irgendwo jemand in der Badezone. Erneut: „Helft mir!“ Leise hört die Crew des Rettungsbootes die Schreie. Langsam schippert sie am Strand vor Travemünde entlang. Konzentriert sucht Lukas die glitzernde Wasseroberfläche ab. Irgendwo hier braucht jemand dringend Hilfe.

Auf Situationen wie diese wurde der 16-jährige Lukas Tomforde vom Stader Gymnasium Athenaeum seit Februar vorbereitet. Im zweiten Jahr in Folge gibt es an seiner Schule die Arbeitsgemeinschaft Wasserrettung in Zusammenarbeit mit der DLRG Stade und der DLRG Lübeck. Auf Theorie folgt Praxis. Zehn Schülerinnen und Schüler absolvierten jüngst einen einwöchigen Wachdienst an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste. Der Ernstfall ließ nicht lange auf sich warten.

Lukas entdeckt plötzlich zwei junge Männer im Wasser, davon einer von Krämpfen geschüttelt. Schwimmen ausgeschlossen. Es droht Lebensgefahr. Flacheres Wasser ist weit entfernt, die rettende Badeinsel nicht zu erreichen. Die Bootscrew ist rechtzeitig da, legt dem jungen Mann einen sogenannten Gurtretter an und zieht ihn an Land.

Am Steg wartet der Elftklässler Paul Fasold (18), der den Patienten entgegennimmt. Ohne fremde Hilfe hätte er sich vermutlich nicht mehr lange über Wasser halten können. Paul leistet sofort Erste Hilfe, wie er es in seinem Kursus gelernt hat. Dass sich der Gerettete wie auch sein Freund, an den er sich in seiner Not geklammert hatte, tatsächlich in höchster Gefahr befanden, wurde den beiden Athenaeern erst im Nachhinein bewusst.

„Es war ein langer Weg von der ersten Idee bis zu unserem Einsatz in Travemünde“, erzählt der verantwortliche Lehrer Markus Scheliga (44), „aber dieser Einsatz hat sich in jeder Hinsicht gelohnt.“ Als im Sommer vor zwei Jahren etliche Menschen an den Ostseestränden ertranken, entschied sich die Schulleitung in Stade, dass das Athenaeum als „humanitäre Schule“ Verantwortung übernehmen wolle.

Die stellvertretende Schulleiterin Elfriede Schöning stellte rund 1.000 Euro zur Verfügung, um den Deutsch- und Politiklehrer Scheliga zum DLRG-Ausbilder und Sanitäter fortbilden zu lassen. Der Chemiekonzern DOW Chemical förderte das Projekt mit 5.000 Euro, damit die Schülerinnen und Schüler an den neuesten Rettungsmitteln ausgebildet werden konnten.

Mittlerweile wurden mit Hilfe der DLRG Stade insgesamt 30 AG-Teilnehmer zu Rettungsschwimmern ausgebildet. Alle Jugendlichen erhalten kostenfrei einen Rettungsschwimm- inklusive Erste-Hilfe-Kursus. In den Wachwochen in Travemünde sind die Schüler auf dem Segelschiff „Passat“ untergebracht. Für die Kosten kommt der „Handwerkerverein 50 plus“ auf, die DLRG bezuschusste die Anschaffung der roten Einsatzkleidung, die DLRG Travemünde zahlt den Rettungsschwimmern sogar ein kleines Wachgeld in Höhe von zehn Euro pro Tag.

„Schülern und Eltern sollen unterm Strich keine Kosten entstehen“, so Scheliga. Es sei schlicht der Versuch, Nachwuchs mit Spaß an das Ehrenamt heranzuführen. „Wenn wir auch morgen noch eine Gesellschaft haben möchten, die aufeinander acht gibt, müssen wir im demografischen Wandel heute für den Nachwuchs attraktiv sein“, sagt der verantwortliche Wachleiter der Rettungswache Travemünde, Frank Hertlein.

Mittlerweile hat das Schulprojekt bundesweite Aufmerksamkeit erfahren. Die Stader Retter wurden zum DLRG-Bundeskongress nach Bad Nenndorf eingeladen und im nächsten Jahr wird der NDR voraussichtlich eine 30-minütige Reportage über die Retter in Travemünde drehen.

Ein großes Kompliment für die Initiatoren und vor allem für die Schüler. Die zehn Stader Gymnasiasten erhielten von Frank Hertlein und dessen Ausbildern während der Wachwoche eine umfassende Sanitätsausbildung, zudem eine Funkeinweisung sowie eine Schulung auf dem Rettungsboot.

Jule Freese (16) war begeistert: „Mir hat die gesamte Atmosphäre total gut gefallen. Man hatte das Gefühl, es bestände kein Unterschied zwischen uns und den geübten Rettungsschwimmern aus Travemünde.“

Acht Gymnasiasten vom Athenaeum gefiel es so gut, sie kehren noch in diesen Sommerferien nach Travemünde zurück, um ehrenamtlich auf Mitmenschen aufzupassen. Dieses Mal ohne Lehrer.

• Im vergangenen Jahr ertranken in Deutschland laut DLRG fast 500 Menschen, der Großteil davon in unbewachten Gewässern.