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Energiewende verzögert sich, Sietas-Mitarbeiter zittern um Jobs

Torsten Rohde (56, seit 23 Jahren in der Betriebsschlosserei auf der Sietas Werft): "Die Angst, ob du bei der nächsten Kürzung noch dabei ist, zerrt an den Nerven."
 
Sietas-Geschäftsführer Dr. Ludwig Reichert (li.) und Tom Kroese vom niederländischen Investor "VeKa Group" vor dem Trockendock, in dem derzeit ein so genanntes Errichterschiff für Offshore-Windanlagen gebaut wird
bc. Neuenfelde. Die Mitarbeiter der insolventen Sietas Werft in Neuenfelde bangen weiter um ihre Jobs. Die letzten 400 verbliebenen Arbeitsplätze sind in Gefahr. Grund: Weil die von der Bundesregierung gewollte Energiewende und der damit einhergehende Bau von Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee ins Stocken geraten sind, hat das niederländische Wasserbau-Unternehmen "Van Oord" seinen in Aussicht gestellten Auftrag für den Bau eines zweiten Errichterschiffes für Offshore-Windanlagen zurückgezogen.

Der Investor "VeKa Group" will die Traditionswerft aber nur kaufen, wenn Sietas einen Folgeauftrag für ein weiteres Errichterschiff erhält. Sietas hat derzeit nur einen Neubauauftrag, ist so wenig attraktiv für potenzielle Investoren. Wie berichtet, hatte sich der Gläubigerausschuss im Juni für ein Angebot der "VeKa Group" zur Übernahme der Werft ausgesprochen.

Bis Ende Februar 2013 sind noch alle Sietas-Mitarbeiter voll beschäftigt. Gibt es bis dahin keinen weiteren Auftrag oder findet Insolvenzverwalter Berthold Brinkmann nicht noch einen anderen Investor, drohen Kurzarbeit und Entlassungen. Das Investorenmodell sieht vor, dass definitiv 300 Arbeitsplätze bei Sietas erhalten werden sollen, falls es zu einem Folgeauftrag kommt.

"Wir haben eigentlich alles richtig gemacht, was man richtig machen kann. Die Probleme kamen aus einer unerwarteten Richtung", sagt Sietas-Geschäftsführer Dr. Ludwig Reichert.

Hintergrund: Die "EnBW Energie Baden-Württemberg AG" hat seine Investitionsentscheidung für den Nordsee-Windpark "Hohe See" verschoben. Grund sind die noch nicht verabschiedete Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes sowie die Unsicherheiten hinsichtlich verbindlicher Termine für die Netzanbindung von Offshore-Windparks. "Wir brauchen gesetzgeberische Klarheit und verlässliche Rahmenbedingungen, bevor wir eine Investitionsentscheidung von deutlich über 1,5 Milliarden Euro treffen", sagt EnBW-Technikvorstand Dr. Hans-Josef Zimmer. Erst wenn ein verbindlicher Termin für den Netzanschluss des Windparks genannt werden könne, sei eine verantwortungsvolle Entscheidung möglich.

"Zwei Jahre hat die Bundesregierung bei der Frage der Netzanbindung verloren", so Jan Rispens, Geschäftsführer "Erneuerbare Energien Hamburg". Energieversorger befürchten, dass ihre geplanten Offshore-Windparkplanungen durch die Verzögerungen nicht mehr vor 2017 ans Netz gehen können. "Im Erneuerbare-Energien-Gesetz ist jedoch vorgesehen, dass die hohe Vergütung von 19 Cents pro kWh für produzierten Strom Ende 2017 ausläuft", sagt Rispens. Für Projektplaner ergebe sich ein erhebliches Risiko, dass ihre Projekte nicht mehr wirtschaftlich sein werden.

Hamburgs Wirtschaftssenator Frank Horch hofft, dass die Sietas Werft der Region erhalten bleibt. Er will dafür sorgen, dass der Bau von Offshore-Windparks schnellstmöglich vorangetrieben wird: "Hamburg versucht über eine Bundesratsinitiative dazu beizutragen, dass bislang projektierte Windparks trotz entstandener zeitlicher Verzögerungen später noch von der Förderung profitieren können." Schnelle Entscheidungen seien jetzt wichtig, um Beschäftigung zu sichern. Die Stadt Hamburg als Gläubiger habe ein substanzielles Interesse daran, die Sietas Werft zu retten. Horch: "Sietas kann sich auf Hamburg verlassen."

Weitere Stimmen:

Tom Kroese (VeKa Group): "Wir sind noch immer sehr begeistert von der Sietas Werft. Die Qualität des ersten Errichterschiffes überzeugt uns. Wir versuchen weiter, die Zukunft der Sietas Werft zu sichern."

Peter Bunschoten (Van Oord): "Die jetzige Situation kam unerwartet. Wir hatten die feste Absicht, das zweite Errichterschiff in Auftrag zu geben. "

Peter Bökler (Sietas Betriebsratsvorsitzender): "Die Mitarbeiter schwanken zwischen Hoffen und Bangen, arbeiten aber mit sehr großer Disziplin. Die Mannschaft hat gezeigt, dass sie Schiffe bauen kann. Wir vertrauen auf Hamburg."

Eckard Scholz (Gewerkschaft IG Metall)": "Der Zeitplan für die Energiewende wurde von der Bundesregierung verpatzt. In der Branche wird schon von einem Hungerjahr 2013 gesprochen."

Torsten Rohde aus Tötensen (56, seit 23 Jahren in der Betriebsschlosserei auf der Sietas Werft): "Vor vier Jahren waren wir noch mehr als 1.000 Mitarbeiter. Die Angst, ob du bei der nächsten Kürzung dabei bist, zerrt an den Nerven. Das, was wir machen können, ist perfekte Qualität abzuliefern."