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"Die Kirche ist scheinheilig"

Ältere Menschen fühlen sich sicherer, wenn sie einen Rollator verwenden. Deswegen müssen sie nicht gleich als behindert gelten (Foto: matchka / pixelio.de)

jd. Mulsum. Seniorin erhebt schwere Vorwürfe gegen die Kirchengemeinde Mulsum / Pastor spricht von "Missverständnis".

Die WOCHENBLATT-Leserin Angelika Runicke ist auf die evangelische Kirche nicht gut zu sprechen: Das sei eine "ganz scheinheilige Institution", schreibt sie der Redaktion. Die christliche Nächstenliebe sei nur "alles leeres Blah Blah". Der Grund für ihre Wut: "Ich bin empört, weil meiner 87-jährigen Mutter die Teilnahme an einer Senioren-Ausfahrt der Kirchengemeinde Mulsum zur Gartenschau verweigert wurde", erklärt die resolute Frau. Die Begründung ist in ihren Augen haarsträubend: "Meiner Mutter ist wörtlich mitgeteilt worden, man könne sich nicht mit ihr belasten, weil sie behindert sei."

"Ich bin gerne unterwegs und nehme an vielen Tagesfahrten teil", berichtet Angelika Runickes Mutter Gertrud H. Bei Bustouren könne sie ohne Hilfe ein- und aussteigen, erklärt die alte Dame. Zwar sei sie nicht mehr so gut zu Fuß und benutze einen Rollator, doch sie falle keinem zur Last.

"Vier Stunden auf der Gartenschau herumzulaufen, ist mir aber zuviel", sagt Gertrud H. Deshalb habe sie dort einen Rollstuhl mitsamt Begleitperson gebucht. Das wiederum soll die Organisatorin des Ausflugs mitbekommen haben. Von dieser erhielt die Seniorin dann einen Anruf, der es in sich hatte: "Die Dame erklärte mir, sie habe gehört, ich sei schwerbehindert. Sie könne es den anderen Teilnehmern nicht zumuten, mich mitzunehmen", berichtet Gertrud H. Das Telefonat sei schließlich abrupt beendet worden.

Der Fredenbecker Pastor Michael Blömer, der das abwesende Mulsumer Pastorenehepaar Schneider in dieser Zeit vertrat, bestätigt die Absage: "Die Leiterin des Frauenfrühstücks-Kreises war an mich herangetreten. Ich hatte es so verstanden, dass es ein Problem damit gebe, eine Rollstuhlfahrerin mitzunehmen." Diese könne niemand betreuen, da sämtliche Teilnehmer selbst mehr oder weniger betagte Senioren seien, so Blömer. Er habe der Leiterin dann geraten, sich mit Gertrud H. in Verbindung zu setzen, um eine möglich Betreuung zu regeln.

"Davon kann keine Rede sein", widerspricht Gertrud H. Sie sei vor vollendete Tatsachen gestellt worden: "Es hieß nur, ich darf nicht mitfahren." Sie habe keine Gelegenheit erhalten, die Sache zu klären.

Nachdem sich das WOCHENBLATT eingeschaltet hatte, führte Pastor Blömer klärende Gespräche mit den Beteiligten: Dabei kam nach seiner Aussage heraus, dass offenbar alle aneinander vorbeigeredet hätten. Zudem soll ein defektes Telefon für Missverständnisse gesorgt haben: Die eine habe offenbar von der anderen gedacht, einfach aufgelegt zu haben.
"Selbstverständlich darf Frau H. mitfahren, wenn sie meint, die Tour allein bewältigen zu können." Für Gertrud H. kommt dieses Angebot zu spät: "Ich habe auch meinen Stolz."

Ihre Tochter findet die Erklärungsversuche seitens des Pastors wenig überzeugend: "Fakt ist, dass nach Hörensagen gehandelt wurde", meint Angelika Runicke: "Ich bin erbost, wie ein alter Mensch so abgekanzelt wird."