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Dr. Wagner will es wagen: Ein neuer Landarzt für Ahlerstedt

Nehmen den neuen Landarzt in ihre Mitte: Nicole Lenzi-Sommer und Ulrich Härtel (li.) mit seinem Nachfolger Jens Wagner
(jd). Gegen den Trend: Mediziner aus Drochtersen übernimmt Landarzt-Praxis / Vorgänger suchte jahrelang vergeblich. Das Gesundheitswesen in ländlichen Regionen kränkelt seit Jahren an dieser "Mangelerscheinung": Den Hausärzten in den Dörfern fehlen die Nachfolger. Viele Allgemeinmediziner, die über kurz oder lang in den Ruhestand gehen wollen, suchen händeringend nach jungen Kollegen, die ihre Praxis übernehmen. Auch der Kreis Stade ist von der Landärzte-Schwindsucht betroffen. Schon werden Arztpraxen mangels Nachfolger geschlossen - wie im vergangenen Jahr gleich zweimal in Harsefeld. Ganz gegen diesen Trend läuft es im Nachbarort Ahlerstedt: Dort wird der Ärztemangel bald kein Thema mehr sein.

"Fünf Jahre war ich auf der Suche", sagt Dr. Ulrich Härtel. Der Facharzt für Allgemeinmedizin aus Ahlerstedt wollte den weißen Kittel längst an den Nagel hängen. Aber alle Bemühungen, einen Nachfolger für die seit mehr als 30 Jahren bestehende Landarztpraxis zu finden, liefen ins Leere. Interessenten seien zwar da gewesen, so der Arzt, doch alle hätten abgewunken. Ein Grund: Jungärzte scheuen die hohen Kosten. "Natürlich schiebe ich einen Investitionsstau vor mir her", räumt Härtel ein: Wenn man aufhören wolle, schaffe man sich keine neuen Geräte mehr an.

Wider Erwarten hat es bei Härtel, der inzwischen 73 ist, doch noch mit einem Nachfolger geklappt. Zum 1. Juli übernahm Dr. Jens Wagner die Praxis. Wagner wohnt in Drochtersen, ist ebenfalls Allgemeinmediziner und will einen Praxis-Schwerpunkt auf Naturheilverfahren legen. Seit seiner Approbation im Jahre 2004 war der 43-Jährige in verschiedenen Krankenhäusern tätig, um sich zum Facharzt ausbilden zu lassen. Einen Klinik-Job mit gesichertem Gehalt und geregeltem Urlaub gegen die Selbstständigkeit zu tauschen, ist bei jüngeren Ärzten heutzutage eher ungewöhnlich: Doch Wagner wagt diesen Schritt. Er hält die Risiken für überschaubar.

"An Patienten mangelt es uns ja nicht", erklärt Härtels bisherige Kollegin Dr. Nicole Lenzi-Sommer, die ebenfalls Fachärztin für Allgemeinmedizin ist. Beide bildeten seit 16 Jahren eine Praxisgemeinschaft. Lenzi-Sommer sucht ebenfalls mit Hochdruck einen Nachfolger für Härtel und ist heilfroh, dass es endlich geklappt hat: "Allein hätte ich wohl nicht weitergemacht." Nun wuppen Wagner und Lenzi-Sommer gemeinsam die Praxis-Modernisierung. Dabei rechnet der neue Arzt fest mit einem Zuschuss seitens der Gemeinde Ahlerstedt. Er hofft, ebenso viel Geld zu bekommen wie sein Kollege Dr. Matthias Parpart, der im Dezember eine weitere Praxis in Ahlerstedt eröffnen will.

Dem hat der Gemeinderat bereits 45.000 Euro als Starthilfe bewilligt. Außerdem erhält Parpart nach Auskunft der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) 50.000 Euro an Zuschüssen aus einem vom Land und der KV aufgelegten Förderprogramm. Der südliche Landkreis galt bislang als Fördergebiet, weil der Bereich mit einer hausärztlichen Versorgungsquote von knapp 85 Prozent deutlich unter dem Sollwert liegt. Das ändert sich, wenn im rund 5.000 Einwohner zählenden Ahlerstedt ab Dezember drei Hausärzte praktizieren. Dort ist der Ärztemangel dann endgültig abgehakt. Von solchen Verhältnisse können andere unterversorgte Regionen im Kreis Stade wie etwa Nordkehdingen nur träumen.

Deckelung und Regresse sorgen für Ärger

Es ist ein Blick zurück im Zorn: "Was ich mit der Kassenärztlichen Vereinigung erlebt habe, ist schon skurril", sagt Dr. Ulrich Härtel. Er erinnert sich an eine Regressforderung über 100 Euro, weil er wegen es eine Softwarefehlers eine etwas teurere Arznei verschrieb. "Wegen dieses Falles tagte gleich ein großes Gremium", berichtet der Arzt: "Diese Sitzung hat erheblich mehr als 100 Euro gekostet." Härtel kann etliche solcher Unsinns-Beispiele aufzählen. Regresse und Budget-Deckelung machten ihm immer wieder zu schaffen.
Härtel kritisiert aber auch die Gemeinde Ahlerstedt: Von dort sei keinerlei Unterstützung bei der Nachfolger-Suche gekommen. "Ich war schon sehr verwundert, dass ein neuer Arzt in einer neuen Praxis angesiedelt werden soll, während meine Praxis von der Schließung bedroht war."