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Nur 100 Euro Monatsverdienst

Derzeit zu Besuch in Harsefeld: Tetjana aus der Ukraine
 
Sportlicher Ausgleich zum Job: Die Lehrerin radelt auf der Sowjetskaja, der Einkaufsmeile von Mikolajiw

jd. Harsefeld. Besuch aus einem unbekannten Land: Junge Lehrerin berichtet über ihr Leben in der Ukraine. Jenseits des Nationalitätenkonfliktes im Osten gibt es auch eine andere Ukraine: Im Westen und Süden befindet sich die ehemalige Sowjetrepublik im Wandel. Zumindest die jüngeren Menschen unterscheiden sich hinsichtlich Lebensstil und Denkweise wenig von den Altersgenossen in Westeuropa. Dieser Generation des Aufbruchs gehört auch Tetjana an. Die 24-jährige Deutschlehrerin ist derzeit zu Besuch bei deutschen Freunden in Harsefeld. Dem WOCHENBLATT berichtete sie jetzt über den Alltag in einem Land, das in den Köpfen vieler Deutscher noch immer hinter dem Eisernen Vorhang liegt.

Fast zwei Tage war Tetjana unterwegs: Mit ihrer kleinen Jugendgruppe, die sie leitet, reiste sie per Kleinbus an. Eine strapaziöse Tour - mehr als 2.000 Kilometer quer durch halb Osteuropa. Mit dem Flieger wäre es schneller gegangen, doch den kann sie sich nicht leisten. Die ukrainische Landeswährung, die Hrywnja, befindet sich seit Monaten im freien Fall. Der Wechselkurs zum Euro ist miserabel: Tetjanas monatliches Gehalt als Lehrerin liegt bei umgerechnet knapp 100 Euro.

Obwohl die junge Frau zu denjenigen zählt, die besser verdienen, kann sie keine großen Sprünge machen: "Wir verstehen ja, wenn die Preise für Importprodukte hoch sind. Doch die Menschen in der Ukraine fragen sich, warum auch die heimischen Waren erheblich teurer geworden sind." Wenn ein Brot umgerechnet 30 Cent, ein Liter Milch 40 Cent, eine Packung Nudeln 50 Cent oder ein Kilo Schweinefleisch 3 Euro koste, dann sei das nur auf den ersten Blick günstig, so Tetjana: "Im Vergleich zu unserem Verdienst sind die Preise happig."

Dass sich die Ukrainer vieles nicht (mehr) leisten können, ist den jungen Leuten, mit denen Tetjana für eine Woche zu Gast in Harsefeld ist, allerdings nicht anzusehen: Sie tragen zum Teil westliche Marken-Klamotten und zücken in jeder freien Minute ihre Smartphones. Doch leisten kann man sich diese Dinge meist nur, weil jemand in der Familie im Ausland arbeitet und die Devisen nach Hause schickt.

Auch wenn es nicht leicht ist, über die Runden zu kommen: Tetjana möchte ihr Leben in der Ukraine nicht missen. Aufgewachsen als Bauerntochter in einem kleinen Dorf, zog es sie zum Studium in die südukrainische Großstadt Mikolajiw. "Trotz ihrer 500.000 Einwohner geht es in der Stadt eher beschaulich zu", berichtet sie. Auch wenn es keine Touristen dorthin verschlage, habe Mikolajiw einiges zu bieten: "Es gibt Diskotheken und Clubs, an jeder Ecke Cafés sowie reichlich Kulturangebote. Und wer das Geld hat, kann nach Herzenslust shoppen. Die Regale in den Läden sind prall gefüllt."

Von Mikolajiw ist es nur ein Katzensprung zum Meer: Nach nur einer Stunde Autofahrt ist die Schwarzmeerküste erreicht. "Wir fahren im Sommer oft dorthin zum Baden", berichtet Tetjana. Eine Abkühlung sei dann hoch willkommen: "Im Juli und August steigen die Temperaturen auf 40 Grad." Vom aktuellen Wetter in Norddeutschland ist sie daher wenig angetan. Kein Wunder: In Mikolajiw klettert das Thermometer schon im Mai auf 25 Grad.

Oft und gern ist Tetjana auch auf die Krim gereist, um dort die Ferien bei Verwandten in dem Badeort Aluschta in der Nähe von Jalta zu verbringen. Doch die politischen Realitäten haben sie inzwischen eingeholt: Nach der Annexion der Krim durch Russland ist die Fahrt dorthin wesentlich komplizierter. "Es ist ein merkwürdiges Gefühl, dass es dort plötzlich eine Grenze gibt." Die Fahrt selbst dauere nur sechs Stunden, doch an der russischen Seite des Grenzübergangs habe sie zwölf Stunden warten müssen, so Tetjana: "Es wäre schön, wenn diese Grenze wieder fällt - wie alle Grenzen in Europa."