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25 Jahre Mauerfall: "Wir wollten nur schnell weg"

Thomas und Martina Baars arbeiten heute gemeinsam im Neu Wulmstorfer Sportzentrum Bassental
 
Mit dem Trabbi in den Familienurlaub: Martina und Thomas Baars (re.) (Foto: archiv)
bc. Neu Wulmstorf. "Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich." Günter Schabowski hatte seinen Satz auf der legendären SED-Pressekonferenz gerade zu Ende gestammelt, da war der Trabbi von Thomas (51) und Martina Baars (50) längst gepackt. Über die Tschechoslowakei wollte das Erfurter Ehepaar mit seinen Söhnen Marco und Dennis in den Westen fliehen. Nach Schabowskis Fauxpas, der letztlich den eisernen Vorhang schon am 9. November 1989 hob, brauchten sie den Umweg nicht mehr in Kauf zu nehmen. "Wir wollten trotzdem sofort weg. Ich hätte niemals gedacht, dass die DDR-Regierung so schnell aufgibt", erinnert sich der Familienvater.

Am 10. November fuhr die junge Familie ins Ungewisse, ließ Verwandte und Freunde zurück: "Damals wussten wir nicht, ob wir sie wiedersehen", erzählt Martina Baars.
In diesem Bewusstsein starteten sie in ein neues Leben - ohne Geld, ohne Wohnung und ohne Arbeit. In Eschwege (Hessen) besorgten sie sich neue Papiere. Wohin jetzt? Weil Thomas Baars Verwandte in Neu Wulmstorf hatte, fiel die Wahl auf Norddeutschland. 25 Jahre später sind sie hier längst heimisch geworden.

Die Hälfte ihres Lebens wohnen die Baars nun schon im vereinigten Deutschland. Die DDR und ihr politisches System der Unterdrückung - der Grund, weshalb sie damals in den Westen wollten - spuken nicht mehr in ihren Köpfen. "Wir waren froh, dass der Mist vorbei war", sagt Martina Baars.

25 Jahre nach dem Mauerfall sind Ost und West zusammengewachsen: "Mich ärgert es, wenn immer noch darüber gesprochen wird, dass man aus dem Osten kommt. Wir kommen nicht aus dem Osten, sondern aus Erfurt", sagt Thomas Bars.

Hier in Neu Wulmstorf fand die Familie ihr Glück. Eine Wohnung war schnell gemietet.
32 Ostmark bezahlten sie in Erfurt. Die neue Bleibe im Westen kostete das Zehnfache. Nur fünf Tage nach dem Mauerfall stand Thomas Baars als Klempner bei einer Firma in Buxtehude in Lohn und Brot. Der Trabbi wurde ein halbes Jahr später verkauft. "Man fühlte sich darin wie ein Affe im Käfig", erzählt er mit einem Schmunzeln.

Mittlerweile ist Thomas Baars so etwas wie eine Institution in Neu Wulmstorf: 22 Jahre Hausmeister im Rathaus, seit vergangenem Jahr Platzwart im Sportzentrum Bassental. Martina Baars hat die dazugehörige Cafeteria von der Gemeinde gepachtet. Das erste Mal, dass das Ehepaar zusammenarbeitet.

Für Thomas Baars geht ein kleiner Traum in Erfüllung. Als leidenschaftlicher Fußballer - in der DDR schaffte er es bis in die 3. Liga - kümmert er sich jetzt darum, dass die kleinen wie großen Kicker des TVV Neu Wulmstorf gute Bedingungen vorfinden. "Die Arbeit macht mir Spaß, auch wenn der Zeitaufwand viel höher ist als im Rathaus." Fußball ist bei den Baars Familiensache: Die Söhne Dennis, Marco und Toni treten alle beim TVV gegen den Ball.

Die Leidenschaft für das runde Leder führte einst sogar soweit, dass die eigene Hochzeit verschoben werden musste. Bei Thomas Baars stand ein Trainingslager an. Martina grinst: "Da habe ich kurz überlegt, ob ich ihn überhaupt heiraten soll."

Es sind Geschichten, die das Leben schreibt. Den Jahrestag des Mauerfalls werden die Baars nicht besonders feiern. Vergangenheit soll Vergangenheit bleiben. Sonntags steht Arbeit auf dem Terminplan. Es ist Spieltag im Bassental.