Helga Demir (67) lebt seit elf Jahren in einer Notunterkunft in Hollern-Twielenfleth / Kritik an den Verantwortlichen
Ist diese Unterbringung menschenwürdig?

Brennnesselwildwuchs und Stacheldraht sind Helga Demir ein Dorn im Auge Foto: jab
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jab. Hollern-Twielenfleth. Wie menschenwürdig es sich in einer Notunterkunft leben lässt, dazu gibt es in der Notunterkunft in Hollern-Twielenfleth unterschiedliche Sichtweisen. Helga Demir (67) lebt seit elf Jahren hier buchstäblich am Rande der Gesellschaft in der Samtgemeinde Lühe - weil ihre rund 700 Euro Rente nicht für eine Wohnung auf dem freien Markt ausreichen. Mit ihrer Existenz außerhalb der gesellschaftlichen Mitte hat sie sich abgefunden. Doch an dem Gebäude direkt hinterm Schwingedeich an der Grenze zu Stade hat sie einiges zu bemängeln. Dem WOCHENBLATT schildert sie ihre Sicht der Dinge.

Die Rentnerin kritisiert: Duschvorhänge fehlen, der Putz bröckelt von den Wänden, der Sitz von Demirs Toilette, die sie sich mit zwei weiteren Personen teilt, ist abgebrochen. "Da muss doch was gemacht werden." Zudem seien ihre Möbel nicht mehr in Ordnung, die Federn in ihrem Sofa, das gleichzeitig als Bett dient, sowie im Sessel sind durch die Löcher im Stoff zu sehen. Der Grünstreifen hinter dem Haus sei immer wieder von Brennnesseln überwuchert. Trotz Beschwerden werden ihre Mängelmeldungen nicht bearbeitet, behauptet sie. Ihr Vorwurf: "Es kümmert sich einfach niemand."

Das WOCHENBLATT hat sich in der Notunterkunft, in der bereits nach dem Krieg Heimatlose Obdach fanden und heutzutage 20 Bewohner gemeldet sind, einmal umgeschaut. Der erste Eindruck: Das Grundstück sieht gepflegt aus, der Rasen ist akkurat gemäht, die Wege sind gefegt. Allerdings: Ein kleiner Bereich hinter dem Haus ist in der Tat völlig verwildert. Für diese Fläche seien aber nicht sie, sondern die Samtgemeinde Lühe zuständig, so das Hausmeisterehepaar Rebekka und Günther Lütge, die die Immobilie bereits seit 29 Jahren betreuen und dort selbst eine Wohnung haben.

"Wir kümmern uns Tag und Nacht", so Günther Lütge. Der Wildwuchsbereich mit Zaun und Stracheldraht solle verhindern, dass Besucher unerlaubt ins Haus gelassen werden. Laut Lütges hat Demir einen Besucher aufgenommen, bei dem es sich angeblich um einen jungen Flüchtling handeln soll.

Auch andere Maßnahmen am Gebäude müssen die Lütges durchsetzen, z.B. sind Müllbehälter angekettet, da etliche bereits verschwunden sind oder zerlegt wurden. "Wir machen so was nicht ohne Grund", sagt Rebekka Lütge. Auf Demirs Vorwürfe reagieren die beiden mit Unverständnis. Vieles mache die Frau selbst kaputt, nur damit sie was zu meckern habe. Ihre Meinung zu Demir ist eindeutig: "Wir möchten die Person hier nicht, sie macht nur Stunk und stachelt alle gegeneinander auf." Sie fühlen sich von der Samtgemeinde oftmals nicht ausreichend unterstützt.
Zwischen den Stühlen sitzt die Samtgemeinde Lühe. Gerhard Buchner, Leiter des Ordnungsamts, erklärt, dass die Notunterkunft für die erste Unterbringung diene und nur das Notwendigste vorhanden sei. Gehe aber etwas kaputt, werde es ersetzt. Häufig seien es Investitionen ins Leere, wie beispielsweise bei den Duschvorhängen, die immer wieder runtergerissen werden. Derzeit seien Buchner aber keine Schäden bekannt. Der Wildwuchs hinter dem Haus, sagt er, werde regelmäßig von Bauhofmitarbeitern gebändigt.

Buchner erklärt zudem, dass Demir in der Unterkunft aus sozialen Gründen geduldet werde. Sie hätte sich schon lange um eine Wohnung kümmern sollen, schließlich sei die Immobilie nicht für eine Langzeitunterbringung vorgesehen. Würde die Samtgemeinde sie vor die Tür setzen, wäre sie wieder obdachlos und das Ordnungsamt müsse sie erneut unterbringen. "Hier beißt sich die Katze in den Schwanz", so Buchner.

Bei Konflikten müsse der Hausmeister als Ansprechperson für Ordnung sorgen. Sozialarbeiter, die vor Ort agieren, sind bei der Samtgemeinde nicht angestellt, so der Ordnungsamtsleiter. Man setze - wie auch bei der Wohnungssuche - auf die Eigenverantwortlichkeit.

Welche Ansprüche dürfen in Not geratene Menschen an eine Notunterkunft stellen? Und wie könnte eine dauerhafte Lösung für Personen aussehen, die sich auf dem freien Wohnungsmarkt kein Zuhause leisten können? Das WOCHENBLATT freut sich über Stellungnahmen und Anregungen: jaana.bollmann@kreiszeitung.net.

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