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Geschichten aus der Samtgemeinde Salzhausen (7)
Die Bahnhofsgaststätte in Lübberstedt - Geschichte einer Dorfkneipe

Am Tresen: Wirtin "Bahnhilda" in der Lübberstedter Gaststätte | Foto: Sammlung Hans-Otto Bartels
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  • Am Tresen: Wirtin "Bahnhilda" in der Lübberstedter Gaststätte
  • Foto: Sammlung Hans-Otto Bartels
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"Geschichten aus der Samtgemeinde Salzhausen" ist der Titel einer monatlichen Reihe des WOCHENBLATT in Kooperation mit dem bekannten Chronisten Joerg Stallbaum aus Putensen, der schon einige Bücher über die Region herausbrachte. Dabei arbeiteten Stallbaum und WOCHENBLATT-Redakteur Christoph Ehlermann oft zusammen, und auch zur aktuellen Reihe wurde der Autor zum Teil durch Kreiszeitungs-Artikel inspiriert.

Im siebten Teil erinnert Joerg Stallbaum an die Geschichte der Bahnhofsgaststätte in Lübberstedt, einer echten Dorfkneipe:

Dorfkneipen, wer kennt sie noch? Kleine Anlaufpunkte in den Dörfern unserer Region. In manchen Ortschaften gab es sogar gleich mehrere. In Lübberstedt gab es lange Jahrzehnte die Bahnhofsgaststätte, direkt an der Station der Kleinbahn Winsen-Hützel. Seit 1906 wurden von dieser Station aus Industrie- und landwirtschaftliche Produkte, insbesondere Massengüter, zu Märkten und weiterverarbeiten Betrieben transportiert. Zudem gab es den Personenverkehr etwa für Fahrgäste, die zu Ämtern nach Winsen wollten, und für Schüler, die zu weiterführenden Schulen gebracht wurden . Erst 1970 wurde die Personenbeförderung mangels Nachfrage eingestellt.

1927 erbauten Karl und Alwine Lübberstedt das heutige Gebäude, in dem sich die Gaststätte und der Warteraum befanden. Das erforderliche Grundstück wurde auf Erbpacht erworben. Karl Lübberstedt war ein sogenannter Bahnagent, der die Be- und Entladung abwickelte sowie die Fahrkarten für den Personenverkehr verkaufte. Im Volksmund wurde er deshalb „Bahnkarl“ genannt. Ehefrau Alwine widmete sich derweil den Gästen und dem Getränkeausschank. 1926 kam Tochter Hilda zur Welt. Bereits als junges Mädchen half sie immer in der Gaststätte mit. Am 1. Juli 1974 wurde „Bahnhilda“ dann selbst zur Wirtin. Sie blieb ledig und wurde zu einer festen Institution in der Dorfgemeinschaft.

Alteingesessene Lübberstedter erinnern sich noch gut an die Wirtin und wissen manche originelle Begebenheit zu erzählen. Jeweils um 11 Uhr wurde „der Bahnhof“, wie das Lokal genannt wurde, geöffnet. Regulär geschlossen wurde gegen 13 Uhr - allerdings im Zweifel erst, wenn der letzte Gast gegangen war. Um 17 Uhr wurde erneut aufgesperrt mit "Open End". Die Bierpreise lagen weit unter denen anderer Gastronomiebetriebe. Auch deshalb kamen Gäste aus dem benachbarten Egestorf gern zum Lübberstedter Bahnhof. Abends traf man sich häufig zum ausgedehnten Kartenspiel. Fehlte ein Mitspieler, sprang die Wirtin schon mal ein.

An Silvester gab es immer „Zinsen“. Das bedeutete, an Stammgäste wurden Getränke gratis ausgeschenkt. Der langjährige, inzwischen verstorbene Lübberstedter Bürgermeister Cord Cordes betrieb neben seinem Hof eine Vertretung der Concordia-Versicherung. Von ihm wird berichtet, dass er seine Kunden zum Abschluss eines Vertrages stets zum Bahnhof einlud. Dort hatte auch der örtliche Sparklub seine Heimat. Darüber hinaus konnten an Weltspartagen die Schulkinder mit ihren Sparbüchsen zum Bahnhof zu Mitarbeitern der örtlichen Volksbank kommen. Zu Pfingsten waren die Kinderauf Pingstvoss-Tour. Bei diesem typisch norddeutschen Brauch ging ein Junge mit einem angeleinten Fuchs von Haus zu Haus und sammelte Spenden. Hinterher trafen sich die Kinder im Bahnhof, um die erhaltenen Spenden unter sich aufzuteilen.

Für die örtliche Feuerwehr war der Bahnhof ein beliebtes Stammlokal, in dem die Kameradschaft gepflegt wurde. In der Gaststätte fanden außerdem regelmäßig die Gemeinderatssitzungen statt. Einen besonderen Leckerbissen hielt Wirtin Hilda parat: Sie hatte immer Dosen mit jeweils einem Dutzend Bockwürsten aus einer nahen Schlachterei auf Lager. Eine Dose wurde jedoch erst geöffnet, wenn alle zwölf Würste bestellt wurden. Angebrochene Konserven mochte Hilda nicht. 

Bis ins hohe Alter betrieb "Bahnhilda" ihr Lokal. 2008 verstarb sie mit fast 81 Jahren. Das Haus wurde dann verkauft und wird seitdem anderweitig genutzt.

Am Tresen: Wirtin "Bahnhilda" in der Lübberstedter Gaststätte | Foto: Sammlung Hans-Otto Bartels
Die Bahnhofsgaststätte stand direkt an der Station der Kleinbahn Winsen-Hützel | Foto: Sammlung Hans-Otto Bartels
Kooperieren bei der Artikel-Reihe: WOCHENBLATT-Redakteur Christoph Ehlermann (li.) und Chronist Joerg Stallbaum | Foto: Stallbaum
Redakteur:

Christoph Ehlermann aus Salzhausen

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