Wo ist der Hebammen-Nachwuchs?

Würden sich über Hebammen-Verstärkung freuen (v. li.): Britta Hess, Renee Huth und Sigrid Peek
  • Würden sich über Hebammen-Verstärkung freuen (v. li.): Britta Hess, Renee Huth und Sigrid Peek
  • hochgeladen von Bianca Marquardt

(bim). "Jede von uns hat mindestens fünf Anfragen pro Tag, die wir nicht bedienen können. Die Frauen berichten, sie hätten schon bis zu 30 Hebammen angerufen", sagen die Hebammen Renee Huth aus Bötersheim (Samtgemeinde Tostedt), Britta Hess aus Hollenstedt und Sigrid Peek aus Nenndorf. Wie wichtig ihr Berufsstand ist, wird mit dem heutigen Internationalen Hebammentag unterstrichen, mit dem seit 1991 am 5. Mai in mehr als 50 Ländern auf die Bedeutung der Hebammen für die Gesellschaft hingewiesen wird. Das ist umso wichtiger, da es an Hebammen-Nachwuchs fehlt.
Rund 35 Hebammen gibt es im Landkreis Harburg und 40 im Landkreis Stade, die meisten arbeiten freiberuflich.
Der intensive Betreuungsbedarf schwangerer Frauen sei in den vergangenen Jahren gewachsen, u.a. weil es immer weniger Großfamilien gibt, in denen Eltern und Großeltern den jungen Eltern Rat und Unterstützung geben. Hebammen sind wichtige Begleiterinnen für Frauen während der Schwangerschaft und bei der Geburtsvorbereitung, als Ansprechpartnerinnen bei allen Sorgen und Unsicherheiten im Wochenbett, und sie geben Hilfestellungen, u.a. beim richtigen Stillen, Baden und Wickeln.
Eigentlich, so berichten die drei Hebammen, würden genügend Hebammen an den Fachschulen ausgebildet, aber nur wenige später in diesem Beruf arbeiten. Mögliche Gründe: Freiberuflich in der Geburtshilfe tätige Hebammen müssten "Unsummen für Versicherungen zahlen". Rund 1.000 Hausbesuche hat jede der drei Hebammen im vergangenen Jahr absolviert. Diese würden pauschal von den Krankenkassen abgerechnet, egal wie lange diese dauerten. Ebenso denkbar sei, dass die Arbeit an sieben Tage in der Woche und die Erreichbarkeit rund um die Uhr nicht attraktiv sind.
Gerade vor dem Hintergrund, dass viele Kommunen neue Baugebiete ausweisen und damit auch mit Zuzug junger Familien und steigenden Geburtenraten zu rechnen ist, seien die Landkreise und Kommunen gefordert. Zum Beispiel, indem Mietzuschüsse für die Praxen gewährt werden, in denen u.a. Geburtsvorbereitungs- und Rückbildungskurse durchgeführt werden. Eine weitere Idee wäre, Hebammenzentren aufzubauen oder für die notwendige Unternehmensplanung Zuschüsse zu geben.

Dabei betonen die drei Hebammen: "Hebamme ist ein sehr schöner, vielschichtiger Beruf, jeder kann sich seine Schwerpunkte aussuchen", sagt Renee Huth. "Es ist ein Beruf, den ich gut mit meiner eigenen Familie verbinden kann. Diese Selbstständigkeit gibt mir eine gewisse Freiheit", so Britta Hess.
Wie wichtig Hebammen für werdende Mütter sind, berichten WOCHENBLATT-Mitarbeiterin Sara Buchheister (36) aus Winsen und Rebecca Franzen (39) aus Drestedt (Samtgemeinde Hollenstedt).
Sara Buchheisters Tochter Enna wurde am 10. Oktober vergangenen Jahres geboren. Auch sie fragte bei drei Hebammen an, bis sie Glück hatte und mit Sonja Boie aus Ashausen "ihre" Hebamme fand. "Ich habe mich sofort nach Hebammen erkundigt, als ich schwanger war. Am besten macht man das gleich, sobald der Test positiv ist", rät Sara Buchheister. "Gerade beim ersten Kind ist man unsicher. Eine Hebamme beantwortet viele Fragen, für die der Arzt keine Zeit hat." Beispielsweise bei Fragen der Befindlichkeiten oder ungewöhnlicher Beschwerden. "Nach der Geburt hat man einen heftigen Hormonsturz und ist erstmal überfordert. Auch dann ist es gut, wenn jemand da ist oder immer telefonisch erreichbar ist und einen emotional aufbaut", so Sara Buchheister. Wie hält man das Baby beim Baden? Wie stillt man es richtig? Wieviel muss das Kind trinken? Entwickelt es sich normal? Was, wenn sich die Farbe des Stuhlgangs verändert? - das sind nur einige der Fragen, die junge Mütter umtreibt.
Während Ärzte eben fürs Fachliche, Sachliche und Medizinische zuständig seien, fangen die Hebammen die werdenden und jungen Mütter emotional auf und geben Tipps zu den alltäglichen Dingen im Leben mit dem Neugeborenen.
Das bestätigt auch Rebecca Franzen, deren Sohn Mats Lian am 16. April zur Welt kam. "Ich wusste immer, wenn ich Sorgen oder Ängste hatte, konnte ich meine Hebamme Renee Huth anrufen. Sie hat mir den Stress genommen", berichtet Rebecca Franzen. Und als sie zum Ende der Schwangerschaft Bedenken wegen der Gesundheit ihres Babys hatte, habe sich Renee Huth die Zeit genommen, einmal pro Woche die Herztöne und Aktivitäten des Babys zu kontrollieren.

Duales Studium

Seit Januar gibt es für die Ausbildung zur Hebamme oder das männliche Pendant Entbindungspfleger auch ein duales Studium, das die Ausbildung erweitert und ergänzt und so dafür qualifiziert, neben der Tätigkeit als Hebamme auch weitere Leitungsfunktionen zu übernehmen. • Infos unter www.wegweiser-duales-studium.de/suche/hebammenkunde-niedersachsen/.

Gefährdetes Projekt

Im Landkreis Harburg gibt es ein Projekt mit Familienhebammen und Familienkrankenschwestern im Rahmen der Frühen Hilfen, das über Bundesförderung vom Landkreis finanziert und von den Quäker-Häusern getragen wird. Dabei stehen die Hebammen und Krankenschwestern werdenden und jungen Eltern mit einem erhöhten Beratungsbedarf, u.a. mit Drogen- oder psychischen Erkrankungen oder Schrei-Kindern, zur Seite. Die Hebammen bis zum ersten Lebensjahr des Kindes, die Krankenschwestern bis zum dritten Lebensjahr.
Über dieses Projekt seien bisher jährlich rund 150 Familien betreut worden, berichtet Hebamme Renee Huth. Doch dieses Projekt stehe auf wackeligen Beinen, wenn nach altersbedingtem Ausscheiden und Umorientierung mancher Beteiligten keine neuen Hebammen und Krankenschwestern hinzu kämen.

Autor:

Bianca Marquardt aus Tostedt

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