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Mangel an Erntehelfern: Betriebsklima und Bezahlung müssen stimmen

Jan Hinrich und Hannes Feindt (re.) vom Obsthof Feindt können noch nicht über das Ausbleiben von Erntehelfern klagen (Foto: archiv)
(bim). Der Kreisbauernverband Stade schlägt Alarm: Den landwirtschaftlichen Betrieben fällt es zunehmend schwerer, Erntehelfer aus Polen und Rumänien zu bekommen. Da sich die osteuropäischen Länder wirtschaftlich weiter entwickelt hätten, fänden Arbeitnehmer auch in ihrer Heimat adäquate Beschäftigungsmöglichkeiten. Außerdem, so berichtet Willy Isermann, Kreislandwirt im Landkreis Harburg, werden die Erntehelfer zum Beispiel in England und Holland besser entlohnt. Wie sieht die Situation bei den Obst- und Gemüseanbaubetrieben in der Region aus? Das WOCHENBLATT fragte nach.
• Auf dem Obsthof Feindt in Jork sind im Juli und August vier polnische Helfer im Einsatz und erledigen Arbeiten wie Sommerschnitt, Handausdünnung, Höhenbegrenzung der Bäume und Gerüstbau für Neuanpflanzungen. "Im September und Oktober haben wir neun polnische Erntehelfer für die Apfelernte im Einsatz", berichtet Jan Hinrich Feindt. "Wir selbst haben keine Probleme bei der Beschaffung von Erntehelfern", sagt er.
Dazu, dass anderenorts Erntehelfer fehlen, meint Jan Hinrich Feindt: "Warscheinlich haben die Arbeitskräfte die Möglichkeit anderswo oder in ihrem Heimatland ebenfalls gut Geld zu verdienen."
Wenn jedoch Erntehelfer aus osteuropäischen Ländern fehlen, wären die Folgen gravierend. "Die Ernte würde sich verteuern, sehr große Betriebe wären nicht mehr in der Lage, ihre Flächen zu ernten und würden die Betriebe verkleinern. Außerdem werden nicht mehr so viele Früchte und Gemüse angebaut, das Angebot sinkt, die Preise würden für den Verbraucher steigen", erläutert Jan Hinrich Feindt.
• Auf dem Obsthof Busch in Tostedt, bei dem die Erdbeer-Ernte in vollem Gange ist, sind bis zu 150 Erntehelfer aus Rumänien und Polen gleichzeitig im Einsatz.
"Auch für uns wird es immer schwieriger, Erntehelfer zu finden, da sich die Einkommenssituation in den Heimatländern in den letzten Jahren stark verbessert hat und auch in vielen anderen Ländern Europas händeringend nach Personal gesucht wird. Glücklicherweise sind bei uns in diesem Jahr alle Erntehelfer pünktlich angereist und haben uns toll bei der Ernte unterstützt", sagt Tobias Busch. "Während der heißen Witterung im Mai/Juni hätten wir natürlich noch mehr helfende Hände brauchen können, aber so kurzfristig wie es früher einmal möglich war, konnten wir leider keine weiteren Kräfte finden."
Wichtig für die Erntehelfer seien ein gutes Betriebsklima und regelmäßige Arbeitszeiten. "Im Obstbau fallen rund um die Ernte viele Arbeiten an wie Unkraut hacken, pflanzen, Auspflücken von schlechten Früchten und vieles mehr. Diese Arbeiten versuchen wir in Zeiten zu erledigen, in denen aufgrund schlechter Witterung normalerweise kaum etwas zu tun wäre", erläutert der Obsthof-Chef. Wenn die Arbeiter fern von ihrer Heimat sind, möchten sie Geld für ihre Familie verdienen und nicht herumsitzen und auf besseres Wetter warten, weiß Tobias Busch.
Seine Befürchtung: "Wenn nicht mehr genügend Erntehelfer kommen, müssen wir die Anbaufläche verringern. Eine maschinelle Ernte kommt für uns nicht in Betracht, da man nur mit handgepflückter Ware Spitzenqualitäten produzieren kann", so Tobias Busch.
• Bei der Behr AG, einem der größten Gemüseanbaubetriebe Europas, sind im Betriebsteil in Seevetal-Ohlendorf rund 300 Erntehelfer im Einsatz, vorrangig aus Rumänien, aber auch aus Polen. "Wir haben bislang keine Probleme, genügend Erntehelfer zu finden", sagt Firmenchef Rudolf Behr. Wichtig sei allerdings, dass der Mindestlohn gezahlt und die derzeit gültige 70-Tage-Regelung nicht unterschritten werde, nach der Arbeitskräfte aus dem europäischen Ausland drei Monate ohne Sozialabgaben und Steuern in Deutschland arbeiten könnten. Wenn ab Januar 2019 wieder - wie geplant - die 50-Tage-Regelung gilt, wäre die Saisonarbeit in Deutschland für polnische und rumänische Erntehelfer nicht mehr attraktiv. "Die Saisonarbeit ist für den deutschen Arbeitsmarkt völlig uninteressant. Das können nur Leute machen, die aus einem Land kommen, in dem sie sonst nicht so viel verdienen", gibt Rudolf Behr zu bedenken. Und schließlich steige auch die Konjuktur in Polen und Rumänien.