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Ärger um Lärm an der Kirche

Mit zahlreichen Veranstaltungen setzt die St.-Johannis-Kirchengemeinde ihr Konzept der Kulturkirche um
 
Zwei Wochen vor dem Brief übergab Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse (v. li.) den Kulturpreis an Jürgen Stahlhut und Rainer Rucks (Foto: archiv / Helms)

Buchholz: Wie aus einer einfachen Beschwerde ein Verwaltungsakt wurde

os. Buchholz. Eine Beschwerde über Lärmbelästigung, eine (vor-)eilige, unpräzise Bitte um Stellungnahme von der Stadtverwaltung und fehlende Kommunikation - das sind die Zutaten einer Geschichte, der sich die St.-Johannis-Kirchengemeinde in Buchholz derzeit ausgesetzt sieht. Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse würde die Geschichte am liebsten totschweigen, Pastor Jürgen Stahlhut ist sich sicher, dass bald eine einvernehmliche Lösung für das aufgetretene Problem gefunden wird.
Was war geschehen? Eine Bürgerin, die in der Nähe der Kirche an der Wiesenstraße wohnt, hatte sich bei der Stadtverwaltung über Lärmbelästigungen beschwert. Grund genug für Gerhard Lüders von der Bauordnung der Stadt Buchholz, eilig einen Brief an die Kirchengemeinde zu schreiben. „Mir wurde ein Veranstaltungsprogramm vorgelegt, das Zweifel aufkommen lässt, ob eine solche Nutzung noch in einem allgemeinen Wohngebiet zulässig ist“, heißt es darin. Und: „Es erscheint außerdem fraglich, ob die angesprochene Nutzung noch unter den Begriff der 'Anlage für kirchliche Zwecke' fällt oder ob nicht eine (genehmigungspflichtige) Nutzungsänderung vorliegt.“ Zwölf Veranstaltungen in der St.-Johannis-Kirche vom 2. September bis zum 26. November - von Reggae-Musik über die Popgruppe „Die Prinzen“ bis zum Vortrag des Benediktinerpaters Anselm Grün - ließen „eher schon ein Veranstaltungszentrum vermuten“. Die Gemeinde möge dazu Stellung beziehen. Besonders prekär: Der Brief von Lüders erreichte die Kirchengemeinde nur etwas mehr als zwei Wochen, nachdem diese den Kulturpreis der Stadt Buchholz erhalten hatte. „Wir haben einen sehr würdigen Preisträger gefunden, Sie sind eine große Bereicherung für das Kulturleben unserer Stadt“, hatte Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse bei der Übergabe des mit 2.500 Euro dotierten Preises die Kirchengemeinde gelobt.
Durch Lüders' Brief war die Beschwerde der Anwohnerin öffentlich und zog Reaktionen aus der Politik nach sich. FDP-Fraktionsvorsitzender Arno Reglitzky formulierte wegen der „schon sehr merkwürdigen Inhaltshinweise im Schreiben der Stadtverwaltung“ einen Fragenkatalog an Bürgermeister Jan-Hendrik Röhse. U.a. will er wissen: „Stimmen Sie zu, dass die lobenswerten und tollen Veranstaltungen für unsere Bürger es zwangsweise auch immer wieder zu kleinen begrenzten Störungen kommen wird, die aber in einer Stadt wie Buchholz doch toleriert werden sollten?“ Eine offizielle Antwort des Bürgermeisters steht noch aus.
Jürgen Stahlhut, Pastor der St.-Johannis-Kirchengemeinde, suchte das Gespräch mit der Bürgerin: „Sie war total erschrocken, dass ihre Beschwerde solche Wellen schlug.“ Sie habe ihm gegenüber gesagt, dass sie nicht gegen die Konzerte an sich sei, vielmehr störte sie der Lärm nach den Veranstaltungen, z.B. durch den Abbau der Technik oder durch Gäste, die noch laut auf dem Parkplatz tratschten. „Ich kann diesen Ärger nachvollziehen“, erklärte Stahlhut. Er werde die Gäste der Veranstaltungen künftig noch deutlicher darauf hinweisen, ab 22 Uhr ruhig zu sein. Zudem wolle man darüber nachdenken, die Zahl der Veranstaltungen am Samstag zu reduzieren, so Stahlhut. An dem Konzept der Kulturkirche wolle man aber nichts ändern. Stahlhut vereinbarte mit der Bürgerin ein weiteres Gespräch, das am gestrigen Freitag stattfinden sollte. „Ich bin mir sicher, dass wir gemeinsam eine Lösung finden werden“, betonte der Pastor.
Die Stadt hält sich dagegen bedeckt, offenbar ist ihr der Brief aus den eigenen Reihen unangenehm. „Uhrzeiten müssen eingehalten werden. Wir werden intern klären, wie wir weiter vorgehen werden“, sagte Stadtsprecher Heinrich Helms lediglich.

Auf ein Wort

Direktes Gespräch hilft mehr als ein offizielles Schreiben

Die Diskussion um angebliche Lärmbelästigung bei Veranstaltungen der St.-Johannis-Kirchengemeinde zeigt deutlich, wie wichtig richtige Kommunikation ist. Hier hat Gerhard Lüders so ziemlich alles falsch gemacht, was falsch zu machen war.
Anstatt nach der Beschwerde der Bürgerin das Gespräch mit ihr und Pastor Stahlhut zu suchen, machte Lüders daraus flugs einen schriftlichen Verwaltungsvorgang. Offenbar recht eilig, wenn man das fehlerhafte Schreiben an die „Ev.-luth. Kirchengmeinde St. Johannis“ sieht. Dass aus dem Schreiben an die Gemeinde gar nicht richtig hervorgeht, was Lüders von den Verantwortlichen will - sollen sie zu Lärm in allgemeinen Wohngebieten, zum Wesen eines Veranstaltungszentrums oder zu den einzelnen Veranstaltungen Stellung beziehen? - tut ein Übriges.
Mit einem Gespräch hätte Lüders die öffentliche Diskussion vermeiden können, zumal Stahlhut ja Entgegenkommen signalisiert hat und das Lärmproblem nicht unlösbar ist. Merke: Man kann auch mit direktem Kontakt zeigen, dass man Bürgeranliegen ernst nimmt. Dafür ist nicht immer ein Schreiben mit offiziellem Briefkopf notwendig.
Oliver Sander