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Tüdelig - na und?

Leni ist 90 Jahre alt. Sie lebt seit vier Jahren im Hüsselhuus. Das weiß sie selbst zwar nicht mehr, zeigt sich beim WOCHENBLATT-Termin aber sehr lebensfroh. Vereins-Vorsitzende Regina Fleck-Gutmann und Betreuerin Josephine Kaiser nehmen Leni in die Mitte
 
Bernd Vollmers-Nickel besucht seine Mutter Anna Nickel regelmäßig in der WG
bc. Himmelpforten. Entglitten in die Welt des Vergessens. In Deutschland leben laut Schätzungen weit mehr als eine Million Demenzkranke. Tendenz steigend. Immer wieder werden Angehörige mit der Frage konfrontiert: Wie lange können Betroffene in den vertrauten vier Wänden wohnen bleiben? Wann ist der Gang in ein Pflegeheim unabwendbar? In Himmelpforten hat der Verein „Herbstzeitlose“ einen Mittelweg gefunden.
Im „Hüsselhuus“ leben bis zu acht Demenzkranke gemeinsam in einer Wohngemeinschaft. Das Besondere: Träger des Hauses ist kein Pflegedienst. Das Prinzip ist stattdessen: Angehörige pflegen selbst oder organisieren die Pflege. „Wir wollen den Bewohnern eine familiäre Atmosphäre wie zu Hause bieten“, sagt die Vereins-Vorsitzende Regina Fleck-Gutmann aus Bliedersdorf.
Beim WOCHENBLATT-Besuch am Mittwochnachmittag essen die Bewohnerinnen Erika Brandt, Lisa Höft, Ulla Müller und Anna Nickel an einem großen Tisch selbstgebackenen Kuchen. Gemütlich ist es, adventlich geschmückt, ein Angehöriger ist zu Besuch, zwei Betreuungskräfte sind da. Auf die Frage, ob sie denn der Reporter fotografieren dürfe, antwortet Anna Nickel im Brustton der Überzeugung: „Warum denn nicht?“
Schnell wird klar: Hier gilt das Normalitätsprinzip. Schwerstkranken Demenzpatienten soll ein menschenwürdiges, vor allem selbstbestimmtes Leben ermöglicht werden - in der Seniorenpflege ein durchaus strittig diskutiertes Thema.
Schon ein Aufkleber an der Eingangstür des „Hüsselhuus“ dokumentiert das Motto. Darauf steht: Tüdelig - na und? „Aufgrund unserer Erfahrungen sind wir zu der Überzeugung gekommen, dass auch Demenzkranke selbstbestimmt leben sollten. Sie wissen oft ganz genau, was sie wollen und was nicht“, sagt Regina Fleck-Gutmann.
Es ist ein neuer Weg in der Pflege, den sich das Projekt Hüsselhuus seit 2003 auf die Fahne geschrieben hat. Das Modell basiert auf drei Säulen: Zum einen ist da der gemeinnützige Verein, der das Haus angemietet hat, an die Bewohner untervermietet und der mit vier hauptamtlichen und weiteren ehrenamtlichen Kräften den Alltag organisiert. Dann gibt es die Angehörigen, die ihrerseits für eine Betreuung sorgen, sowie der Pflegedienst, der bei allen pflegerischen Fragen die Qualität sichert. Grundsätzlich haben alle etwa 20 Betreuungskräfte, die im Hüsselhuus beschäftigt sind, eine pflegerische Zusatzausbildung absolviert. Egal, wie sich der Gesundheitszustand der Bewohner im Laufe der Zeit verschlechtert. Hier können sie bis zu ihrem Lebensende bleiben. „Jede Mitarbeiterin hat eine Qualifizierung als Sterbebegleiterin“, erläutert Regina Fleck-Gutmann.
Der Vorteil im Hüsselhuus - 2011 wurde die Einrichtung von Niedersachsens damaliger Sozialministerin Aygül Özkan als herausragendes Beispiel guter Pflege ausgezeichnet - ist vor allem der: Bei derzeit sieben Bewohnern, fünf Frauen und zwei Männer, haben die Betreuerinnen viel Zeit, sich individuell um die Menschen zu kümmern. Regina Fleck-Gutmann: „Wir haben die Chance, persönliche Beziehungen aufzubauen.“
• Ein Zimmer ist derzeit noch frei. Infos unter Tel. 04163-824835.