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Das Stonehenge der Stader Geest

Kreisarchäologe Daniel Nösler mit ausgegrabenen Steinen der Wallanlage. Das kleine Bild zeigt das Ergebnis einer Magnetsonden-Untersuchung: Der lila Kreis stellt den Wall dar
jd. Ahlerstedt-Oersdorf. Uralte Kultstätte oder gigantischer Kalender? In Oersdorf gibt es einen Ringwall, der aus der Steinzeit stammt. Grüne Wiesen, ringsum Moor, mittendrin ein Bächlein und sonst nichts: Die Twiste-Niederung westlich von Oersdorf gehört zu den Gegenden, in die sich nur selten jemand verirrt. Doch das war nicht immer so. Vor mehr als 4.000 Jahren haben Menschen dort ein für damalige Verhältnisse monumentales Bauwerk errichtet: Gegen Ende der Jungsteinzeit (Neolithikum) entstand auf einer kleinen Kuppe ein riesiger, mit Feldsteinen bepackter Ringwall - innen und außen mit einem Graben versehen. "Die Wallanlage war das Stonehenge der Stader Geest", sagt Kreisarchäologe Daniel Nösler. Der Vergleich mit dem berühmten Steinkreis in England kommt nicht von ungefähr: Die beiden Bauwerke wurden etwa zur gleichen Zeit errichtet und erfüllten wohl die gleiche Funktion: Sie dienten den Steinzeit-Menschen vermutlich als Kultstätte.

"Wir können ziemlich präzise sagen, dass der Oersdorfer Wall irgendwann um das Jahr 1.900 vor Christus aufgegeben wurde", erklärt Nösler. Bislang ging man davon aus, dass die Anlage erheblich jünger ist. Vor rund zwei Jahren nahm ein Grabungsteam unter Nöslers Leitung den geheimnisvollen Wall genauer unter die Lupe. Doch es kamen keinerlei Funde wie Tonscherben zutage. Erst im Labor konnte das Alter der Anlage anhand von Pollen bestimmt werden.

Aufgrund dieses Befundes lassen sich alle Erzählungen, die sich um den Ringwall ranken, ins Reich der Fabeln verweisen. Die Geschichte, dass dort der sagenumwobene "Isern Hinnerk" seinen Unterschlupf hatte, ist ebenso passé wie die Annahme, dass es sich um eine mittelalterliche Fluchtburg handelt. Laut Nösler war die Anlage nicht für Verteidigungszwecke geeignet: "Mit zwei Metern Höhe war der Wall viel zu niedrig, um Schutz gegen Angreifer zu bieten." Daher sei die Deutung als heiliger Bezirk, in dem rituelle Handlungen vorgenommen wurden, oder auch als Versammlungsplatz viel naheliegender, so Nösler.

Der Archäologe ordnet den Wall den sogenannten Kreisgrabenanlagen zu, die während der Jungsteinzeit in ganz Europa errichtet wurden. Nachdem die Menschen sesshaft wurden und Ackerbau betrieben, bildeten sie offenbar Gemeinschaften und legten Kultstätten an. Der Oersdorfer Wall könnte aber auch eine weitere Funktion gehabt haben, so Nösler: Forscher fanden heraus, dass einige steinzeitliche Wallringe als gigantische Kalender dienten. Ihre Tore waren so ausgerichtet, dass sie den ersten Aufgang des Plejaden-Sternengruppe kurz nach Frühlingsanfang markierten.

"Vielleicht wurde so der Beginn der jährlichen Aussaat bestimmt," meint Nösler. Solch ein Datum sei für die damalige Bevölkerung "existenziell" gewesen. Ob der Oersdorfer Wall auch eine solche Aufgabe hatte, ist unklar: "Um das zu sicher sagen zu können, müsste der Sternenhimmel vor vier Jahrtausenden simuliert werden. Dieses Verfahren ist extrem aufwendig und wird europaweit nur von drei Experten beherrscht", sagt Nösler.