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Fasten und volle Leistung im Job: Wie berufstätige Muslime mit Ramadan zurechtkommen

Fasten und arbeiten: Khaldoune Sharaf bekommt beides hin, auch wenn es anstrengend ist (Foto: as)
 
Neriman Khaya (Mitte) hat Urlaub, ihre Kollegen Mohammad (re.) und Hasan sind während des Ramadan weitgehend in der Spätschicht tätig (Foto: jd)
(jd/as). Sie dürfen tagsüber nichts essen und trinken, müssen im Job aber die volle Leistung bringen: Für gläubige Muslime, die sich an die Regeln des Fastenmonats Ramadan halten und im Berufsleben stehen, sind diese Wochen eine körperliche Herausforderung. Die Hälfte des 30-tägigen Ramadan, der in diesem Jahr am 16. Mai begonnen hat, ist bereits vorüber. Doch wie kommen muslimische Arbeitnehmer mit dem Verzicht auf jegliche Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme bei einem Acht-Stunden-Tag zurecht?

Keine Ausnahme trotz harter Arbeit

Babikir (23) und Nasreidin (22) aus dem Sudan sowie Ahmed (29) aus Afghanistan sind drei von vierzehn Flüchtlingen, die das Harsefelder Bauunternehmen Viebrock beschäftigt. Die Arbeit auf den Baustellen ist bei den jetzigen Temperaturen eine schweißtreibende Angelegenheit, doch die drei - sie machen eine Ausbildung als Haustechniker und müssen mitten im Ramadan ihre Zwischenprüfung absolvieren - halten tapfer durch. Selbst ein kleines Schlückchen Wasser ist derzeit tabu. Sie üben sich in Selbstdisziplin und halten sich an die Regeln, die ihnen ihre Religion vorgibt. "An das warme Klima sind wir ja gewöhnt", sagt Ahmed.

Das Fastengebot findet sich im zweiten Kapitel des Koran. In den Versen 183 bis 187 werden die Vorschriften genauer beschrieben. Laut der Überlieferung soll Prophet Mohammed seine ersten Offenbarungen im Ramadan erhalten haben. Ausnahmen vom Fastengebot sind selbst für körperlich hart arbeitende Menschen nicht vorgesehen, sie gibt es nur für Kranke oder Schwangere. Schließlich gehört das Fasten an Ramadan wie die fünf Gebete am Tag oder die Pilgerfahrt nach Mekka zu den sogenannten fünf Säulen des Islam und hat damit höchsten religiösen Stellenwert.

Gefastet wird knapp 19 Stunden

Da sich der Ramadan nach dem Mondkalender richtet, verschiebt sich sein Beginn jedes Jahr um rund zehn Tage nach vorn. So wandert der Fastenmonat im Lauf der Jahre quer durch die Jahreszeiten. In diesem Jahr liegt er ausgerechnet in einer Zeit, in der in unseren Breitengraden die Tage am längsten sind. So liegen am heutigen Samstag, 2. Juni, 16 Stunden und 41 Minuten zwischen Sonnenaufgang und -untergang. Zum Vergleich: Im Sudan, der wesentlich dichter am Äquator liegt, ist der Tag vier Stunden kürzer.

Sonnenaufgang ist derzeit gegen kurz vor fünf Uhr morgens. "Das tägliche Fasten beginnt aber bereits zwei Stunden vorher nach dem Frühgebet", erläutert Nasreidin. Um die genauen Zeiten einhalten zu können, hat er sich die Ramadan-App "Muslim Pro" für sein Handy heruntergeladen. Sie erinnert ihn daran, wann gebetet wird, und zeigt an, wann gegessen werden darf. "Ein Problem ist der Schlafmangel", sind sich alle drei einig. Wenn tagsüber gearbeitet und nachts gegessen und gebetet wird, bleiben ihnen gerade mal drei Stunden, um zu schlafen.


Vorgesetzte zeigen viel Verständnis

Um sich für einen langen und anstrengenden Tag zu stärken, isst Khaldoune (25) gegen 2.30 Uhr morgens noch etwas. Der Syrer, der beim Autohaus Egler in Tötensen eine Lehre als Mechatroniker absolviert, hat mit seinem Chef Karsten Egler vereinbart, dass er während des Ramadan eine Stunde früher anfangen darf und Überstunden abbummeln kann, um rechtzeitig Feierabend zu machen. Außerdem hat Egler seinem Azubi für die Ramadan-Zeit ein E-Bike ausgeliehen, damit er sich auf dem Weg zur Arbeit nicht schon beim Radeln verausgabt. "Mein Chef zeigt viel Verständnis", berichtet Khaldoune. Außerdem sei es gut, viel zu tun zu haben: "So bin ich abgelenkt und muss nicht ans Essen denken. Das macht das Fasten leichter."

Dieser Ansicht sind auch Mohammad (24) und Hasan (29), die ebenfalls aus Syrien stammen und im DRK-Seniorenheim in Harsefeld als Pflegehelfer arbeiten. Besonders hart ist für Mohammad das Rauchverbot: "Nach Sonnenuntergang trinke ich zunächst ein Glas Wasser und dann stecke ich mir sofort eine Zigarette an. Auch ihre Vorgesetzte nimmt Rücksicht auf die Belange ihre muslimische Mitarbeiter: "So weit es der Dienstplan erlaubt, werden sie für den Spätdienst eingeteilt. Das kommt ihrem besonderen Tagesablauf während des Ramadan entgegen", sagt Heimleiterin Ute Meyer-Goertz. Ein Mitarbeiter aus der Küche arbeite jetzt auch im Spätdienst: "Dann schmiert er nur Brote und kocht keine warmen Mahlzeiten. So kommt er nicht in die Verlegenheit, beispielsweise Soßen abschmecken zu müssen."

Eine andere Lösung, die Beruf und Religion unter einen Hut bekommen, hat eine Pflegerin aus dem Altenheim gefunden: Neriman Kaya nimmt dieses Jahr bewusst ihren Urlaub in der Ramadan-Zeit (siehe Kasten).

Jede Nacht in die Moschee

"In diesem Jahr erlebe ich den Ramadan noch intensiver", sagt Neriman Kaya (48). Die Altenpflegerin mit türkischen Wurzeln hat in diesem Jahr dafür Urlaub genommen. Jetzt habe sie ausreichend Muße für die vorgeschriebenen fünf Gebete am Tag: "Nach jedem Gebet lese ich mindestens vier Seiten aus dem Koran. Bei insgesamt 600 Seiten habe ich den Koran nach 30 Tagen Fastenzeit durch."

Dank ihres Urlaubs kann Neriman Kaya den Ramadan spirituell intensiver erleben, sie hat auch jede Menge Zeit, die nächtlichen Mahlzeiten für ihren Mann vorzubereiten. Es wäre ihr erlaubt, die Speisen abzuschmecken: "Wenn der Ehemann missmutig ist und nörgelt, kann die Frau das Essen mit der Spitze ihrer Zunge probieren, ohne es zu schlucken", heißt es in einem Text zu den Ramadan-Regeln. Doch ihr Mann ist zufrieden und außerdem überlässt sie das Probieren ihrer Tochter: "Sie ist Diabetikerin und wegen ihrer Krankheit vom Fasten befreit." Als Ausgleich habe die Tochter eine Spende für arme Familien zu leisten: "Das sind zehn Euro pro Tag, für den gesamten Ramadan also 300 Euro."

Neriman Kaya und ihr Mann fahren während des Ramadan jede Nacht von ihrem Wohnort Bliedersdorf zur Moschee in Stade, um dort mit anderen Gläubigen zu beten. "Im Alltag trage ich kein Kopftuch", berichtet sie: "In der Moschee verhülle ich Haare und Hals aber mit einem Tuch."