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Stirbt der "Landarzt" aus?

Ein Bericht aus der Praxis: Mediziner Jörg Fischer referierte im Sozialausschuss des Landkreises (Foto: mi)
Im Landkreis Harburg fehlen 30 Allgemeinmediziner / Initiative aus dem Sozialdezernat wirbt um Nachwuchs

mi. Landkreis. "Wir rauschen mit Volldampf in ein Desaster", sagte Dr. Rainer Hennecke aus Winsen. Gemeinsam mit seinem Kollegen Jörg Fischer berichtete der Hausarzt jetzt im Sozialausschuss des Kreistags über das Problem "Ärztemangel" aus Medizinersicht.
Dabei wurde deutlich: Alleine wird der Landkreis das Problem nicht lösen können.
Die Zahlen sehen doch gar nicht so schlecht aus, mag der eine oder andere im Sozialausschuss gedacht haben. Schließlich liegt die hausärztliche Versorgungsrate im Kreisgebiet fast überall bei über 90 Prozent. Von einer Unterversorgung ist erst bei unter 75 Prozent die Rede. "Diese Zahlen können die Realität nicht abbilden", erklärte dazu Dr. Rainer Hennecke. Denn ca. ein Drittel der rund 90 Allgemeinmediziner im Landkreis arbeiteten nicht Vollzeit, sodass die reale Versorgungsrate oft viel geringer sei. Dazu käme, ein weiteres Drittel der Allgemeinmediziner sei über 65 Jahre, ein Ende ihrer Praxistätigkeit also absehbar. Stelle man dann noch in Rechnung, dass viele Kommunen im Kreisgebiet wachsen und dass man pro 1.600 Einwohner einen Hausarzt benötigt, stünde der Kreis vor einem "komplexen Versorgungsproblem". Das betreffe allerdings schon längst nicht mehr nur die ländlichen Regionen. "Selbst in der Stadt Hamburg gibt es mittlerweile unbesetzte Hausarztsitze und bei Kinderärzten einen regelrechten Mangel", so Hennecke.
Der Mediziner widersprach dabei vehement der oft geäußerten Auffassung, es seien vor allem finanzielle Argumente, die junge Ärzte vom Land fernhielten. Viel wichtiger sei jungen Kollegen eine vernünftige Work/Life-Balance, die es in dem Beruf leider immer noch zu selten gebe.
"Die Probleme sind auch hausgemacht", ergänzte dazu Henneckes Kollege Jörg Fischer. Im Zuge der sogenannten Ärzteschwemme hätte man, um Kosten zu sparen, in den 1990er Jahren viel dafür getan, das Prestige des Arztberufs im Allgemeinen und das der Hausärzte im Besonderen zu schmälern und ihre Umsätze zum Beispiel durch Patientenobergrenzen eingeschränkt. Das räche sich jetzt. Fischer: "Für ein Medizinstudium liegt der Numerus Clausus derzeit vielerorten bei 1,0, wir konkurrieren hier also um die Eliten. Es gibt genug Mediziner, doch nur noch wenige können sich vorstellen, als Hausarzt auf dem Land zu arbeiten, das ist einfach nicht attraktiv genug. Jörg Fischer: "Den klassischen Landarzt wird es in naher Zukunft wohl nicht mehr geben."
Den Landkreis attraktiv für junge Allgemeinmediziner zu machen, das ist das erklärte Ziel der vom Landkreis Harburg ins Leben gerufenen Kampagne "stadtlandpraxis". Mit gezielter Werbung, zum Beispiel durch Plakate vom Hauptbahnhof bis zum Universitätsklinikum sowie durch Pressemitteilungen in Fachzeitschriften, wirbt die Initiative um Allgemeinmediziner. Einmal im Jahr lädt „stadtlandpraxis“ darüberhinaus angehende Mediziner zu einer zweitägigen Info-Veranstaltung ein. Hier werden die Weiter- und Ausbildungsmöglichkeiten sowie die beruflichen Perspektiven für Mediziner im Landkreis Harburg vorgestellt. Laut Reiner Kaminski, der als Sozialdezernent für die Initiative verantwortlich ist, wurden so bereits fünf Hausärzte für den Kreis gewonnen. Insgesamt habe die Initiative Kontakt zu rund 250 Medizinern aufgebaut. Aktuell befinde man sich mit rund 30 Interessenten im Gespräch.
Die anwesenden Ausschussmitglieder zeigten sich sehr zufrieden mit der Arbeit von "stadtlandpraxis". Der Landkreis habe hier, im Gegensatz zu anderen Kreisen, seine Hausaufgaben gemacht, so die einhellige Ansicht. Einzig der Grünen-Politiker Dr. Erhard Schäfer merkte kritisch an, dass es eigentlich nicht Aufgabe des Landkreises, sondern die der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung sei, eine adäquate medizinische Versorgung zu garantieren. Anette Randt (CDU) merkte an, dass das Problem auch eine Patientenseite habe, so gehe der Deutsche im Durchschnitt 19 Mal im Jahr zum Arzt, die Skandinavier nur acht bis neun Mal. Letztlich mussten aber alle Politiker einräumen, dass man zwar durch Initiativen wie „stadtlandpraxis“ die Folgen des Problems abfedern sollte, dass die Lösung aber nur durch geänderte Rahmenbedingungen zu erreichen sei. Die Rahmenbedingungen lege aber in den wenigsten Fällen der Landkreis fest, sondern das Land und der fest. Ob man hier ein gesteigertes Lösungsinteresse entwickelt, sei jedoch fraglich.