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Nur Schilder abschrauben, fördert das den Radverkehr?

Radfahren im Landkreis: Die Straße gehört Autos und Bussen. Wenig vertrauenserweckend ist auch der Radstreifen, dessen rechte Seite durch abbiegende Lkw komplett ausgefahren ist (Foto: mi)
mi. Landkreis. Macht es sich der Landkreis zu einfach? Kürzlich berichtete das WOCHENBLATT, dass auch der Landkreis Harburg die unter den betroffenen Radfahrern umstrittene Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts umsetzt und innerorts Rad- und Fußwege, die schmaler sind als 2,50 Meter, für den Radverkehr sperrt. Die Folge: Radfahrer ab elf Jahren müssen auf der Straße fahren. Doch genügt es, einfach nur Wege zu sperren, oder muss, wer den Radverkehr (auf der Straße) fördern will, nicht deutlich mehr tun?
Einfach ein blaues Schild, das einen Radfahrer und einen Fußgänger zeigt, abschrauben! So bequem und kostengünstig fördert man im Landkreis Harburg offenbar zeitgemäßes Radfahren, zumindest wenn man der Logik der Kreisverwaltung folgt. Die Folgen zeigte das WOCHENBLATT kürzlich an zwei Beispielen: In Klecken werden Radfahrer ab elf Jahren nun zwischen Kies-Lkw und Rushhour-Verkehr gezwungen. In Neu Wulmstorf müssen Schüler auf dem Weg zur Schule jetzt auf der Fahrbahn eine waldbeschattete steile Ortsausfallstraße hinunter fahren. Fakt ist: Der Landkreis setzt nur das um, was seit 1997 vorgeschrieben ist, und was einem klagenden Berufsradfahrer 2007 vom Bundesverwaltungsgericht bestätigt wurde: Radfahrer gehören innerorts grundsätzlich auf die Straße.
Die Werbetrommel für diese Rechtsauffassung rührt seit Jahren auch der Allgemeine Deutsche Fahrradclub (ADFC). Immer wieder wird der Verband deswegen kritisiert. Auch das WOCHENBLATT warf der ADFC-Vorsitzenden im Landkreis Harburg, Karin Sager, Dogmatismus und Klientelpolitik für eine kleine Minderheit der Radfahrer vor. Viele betroffene Leser fragten als Reaktion auf die Berichte im WOCHENBLATT, ob der Landkreis, wenn er die Radfahrer innerorts auf die Straße zwingt, nicht auch dafür sorgen sollte, diese Straßen für Radfahrer sicherer zu machen. Warum wird in Klecken nicht Tempo 30 vorgeschrieben? Warum kein Schutzstreifen eingerichtet? Warum kontrolliert die Polizei nicht wenigstens, ob wirklich nur 50 km/h gefahren wird? So die Anregungen, die das WOCHENBLATT erreichten. ADFC-Vorsitzende Karin Sager stimmt dieser Kritik im Grundsatz zu. Schränkt aber ein: "Das ist die Sache der (Bundes-)Politik, dem Kreis fehlen einfach die rechtlichen Instrumente, um die Straße für Radfahrer attraktiver zu machen." So fordere der ADFC seit Jahren strikte 30 km/h in allen Ortschaften, auch härtere Strafen gegen PS-Rowdys seien wünschenswert. Bis solche Wünsche Wirklichkeit werden setzt der ADFC laut Sager auf das „Safety-in-numbers-Konzept“. Die Prämisse: Desto mehr Radler auf der Straße unterwegs sind, desto mehr Rücksicht nehmen Autofahrer. Doch reicht es, wenn ein Verband auf den großen Politikwechsel wartet, vielleicht sogar hinarbeitet, aber sich im Kleinen so zurückhält? Der Landkreis hat bereits angekündigt, mindestens zwölf weitere Rad- und Fußwege für Radfahrer zu sperren. Auf die Situation in Klecken angesprochen, verwies Kreissprecher Bernhard Frosdorfer auf die Prüfung vor Ort, die keinen Anlass dazu gegeben habe, Radfahrer nicht auf die Straße zu schicken. Wirklich?
Dass es anders geht, zeigt zuminest ein Beispiel aus dem Landkreis Stade. Hier werden zwar derzeit auch in Horneburg Radfahrer auf die Straße geführt. Dort kam die Initiative aber aus dem Ort und wurde vom ADFC nur begleitet. "Radfahrer gehören auf die Straße, aber nur dort, wo es machbar ist", erklärt Ilse von Larcroix, Vorsitzende des ADFC-Kreisverbands Stade. Sie halte nichts davon, Fahrradfahrer überall innerorts auf die Straße zu zwingen. "Oft ist das Verhalten der Autofahrer noch nicht auf Radfahrer eingestellt. Wenn wir mehr Radfahrer auf die Straße bringen wollen, dann geht das nur behutsam. Mit Dogmatismus kommt man selten zum Ziel." In Klecken wird man dem sicher zustimmen.

Kommentar


Weiter so wie bisher - nur jetzt auf der Straße

Die gleiche Ignoranz gegenüber dem Fahrrad, die zur Entstehung der Rad- und Fußwege geführt hat, sorgt jetzt für ihre Abschaffung. Viele dieser Wege wurden seinerzeit angelegt, weil Kommunen Straßen bauen wollten. Damit es fette Fördergelder gab, war allerdings ein Radweg vorgeschrieben. Widerwillig knappste man also einen Teil der Straße für Fußgänger und Radfahrer ab.
Auf einWort
Die Belange der Radfahrer spielten dabei wohl schon damals kaum eine Rolle. Man holte das Fahrrad von kaum befahrenen Straßen auf den Fußweg. Jetzt, Jahre später, schließt man die Wege wieder und zwingt die Radfahrer auf nun um einiges mehr befahrene Straßen zurück, und wieder geht es nicht um die Belange der Radfahrer. Keine weiteren Überlegungen, keine deutlich gekennzeichneten Fahrradstreifen, keine Tempo-30-Zonen in Ortschaften. Das würde nämlich etwas kosten: Geld und Prestigeverlust beim Autofahrer.
Der ADFC kritisiert das zwar, feiert aber dennoch jeden Fuß-/Radweg, der geschlossen wird, als Erfolg. Doch steigert das "sichere" Fahren zwischen lärmenden Lkw und Automassen wirklich die Attraktivität der Fahrradnutzung? Um fair zu bleiben: Im Landkreis plant man derzeit mit den Velo-Routen (Fahrradschnellstraßen) ein echtes und teures Mammutprojekt für den Radverkehr. Doch wenn jenseits dessen beim Fahrrad fast allerorten stur weiter gemacht wird wie bisher - nur eben auf der Straße - sind Velorouten nicht mehr als sündhafte teure Symbolpolitik.
Mitja Schrader