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Bäume fällen für den Klimaschutz?

Rund eine Tonne CO2 sind in einem Kubikmeter Holz gespeichert
 
Die Köpfe hinter dem Projekt: (v. li.)Christian Schulz (NW-FVA), Norbert Leben, Friedrich Gregorius (beide FwV Nordheide-Harburg), Prof. Dr. Michael Köhl (Uni Hamburg), Monika Arzberger (Moderatorin), Martin Hillmann (LWK Niedersachsen), Michael Kralemann (3N), Jonas Krause, Jan-Hendrik Hofmann (beide LWK Niedersachsen) sowie Dr. Marie Luise Rottmann-Meyer (3N) (Foto: Landwirtschaftskammer Niedersachsen)

mi. Landkreis. Bäume fällen für den Klimaschutz? Was sich zunächst absurd anhört, ist etwas zugespitzt der Ansatz vom „CO2-OPT“, einem mit Bundesmitteln geförderten, dreijährigen Pilotprojekt, das jetzt in den Privatwäldern im Landkreis Harburg durchgeführt wird. Beteiligt sind: die Landwirtschaftskammer Niedersachsen, die Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt, die Forstwirtschaftliche Vereinigung Nordheide-Harburg, die Universität Hamburg und das „Niedersachsen Netzwerk Nachwachsende Rohstoffe“ (3N). Jetzt stellten die Initiatoren das Vorhaben erstmals der Öffentlichkeit vor.

Konkret geht es darum, die Speicherkapazitäten des Waldes für das Treibhausgas Kohlendioxid (CO2) zu erhöhen, die Wälder an den Klimawandel anzupassen und gleichzeitig Strategien zu entwickeln, die Verwendung von Holz als Bau-Werkstoff und Energieträger zu steigern.

Bäume sind CO2 Speicher

Bäume nehmen, vereinfacht dargestellt, bei der Fotosynthese Kohlendioxid aus der Luft auf, reichern den Kohlenstoff im Holz an und geben den Sauerstoff an die Atmosphäre ab. Im Schnitt ist in einem Kubikmeter Holz ca. eine Tonne CO2 gebunden. Wälder fungieren daher als sogenannte CO2-Senken.
Doch warum ist es dann Klimaschutz, wenn mehr Holz genutzt - sprich, mehr Bäume gefällt werden? Will hier nur die Holzindustrie unter dem Deckmantel des Klimaschutzes ihre Interessen durchsetzen?

Holznutzung ist Klimaschutz

Jan-Hendrik Hofmann von der Landwirtschaftskammer erklärt dazu: „Holz, das als Baustoff eingesetzt wird, ist aktiver Klimaschutz“. Sogar in doppelter Hinsicht, denn wenn ein Baum gefällt und zum Beispiel zu einem Dachbalken verarbeitet wird, bleibe das im Holz gebundene CO2 für die Lebensdauer des Balkens weiter eingeschlossen. Noch wichtiger für den Klimaschutz sei aber der Subsitutionseffekt. Soll heißen: Holz als Baustoff hat eine deutlich bessere Klimabilanz als Backstein oder Metall.

Richtige Waldwirtschaft ist besser als keine

Überhaupt scheint die Vorstellung, ein Wald hilft dem Klima am besten, wenn er unbewirtschaftet ist, nicht richtig. Das zumindest ergeben Untersuchungen des Zentrums für Holzwirtschaft der Universität Hamburg. Demnach ist ein bewirtschafteter Wald auf lange Sicht klimafreundlicher als ein Urwald. Jan-Hendrik Hofmann erläutert dazu: Bei einem unbewirtschafteten Wald stagniere irgendwann die Kohlenstoffaufnahme dauerhaft, während ein bewirtschafteter Wald zwar durch den Einschlag Speicherleistung verliere, aber langfristig durch das Nachwachsen neuer Bäume mehr CO2 speichere. Noch größer werde der Effekt, wenn man das Holz als Baustoff nutzt. Das Optimum sei die sogenannte Kaskadennutzung. Das bedeutet: Der Baum speichert CO2, das Holz wird als Alternative zu CO2-intensiveren Baustoffen verarbeitet und am Ende seiner Lebensdauer zur Energiegewinnung verbrannt. Das dabei freigesetzte CO2 kann dann wiederum in Bäumen gespeichert werden.

Der Wald ist mehr als Holzquelle und CO2-Senke

Doch ist der Wald nur Holzlieferant und Kohlenstoffspeicher? Nein. Vor allem ist er ein komplexes Ökosystem. Eine Heimat für unzählige Tiere und Pflanzen und nicht zuletzt ein attraktives Freizeitgebiet. Spielt das bei dem Projekt überhaupt eine Rolle?
„Wir streben eine ganzheitlichen Betrachtung an“, sagt dazu Hofmann. Der Wald als Ökosystem sei dabei genau so wichtig, wie die Holznutzung. Die Belange anderer Interessengruppen sollen in einem Beirat Berücksichtigung finden.
Noch befinde sich das Projekt am Anfang. Derzeit sei man dabei, die CO2-Senkleistung der Wälder im Landkreis Harburg zu berechnen und durch „3N“, einem halbstaatlichen Thinktank für die Vermarktung nachwachsender Rohstoffe, eine Analyse des Holzmarktes in der Region zu erstellen.

Kommentar:

Geht es wirklich nur ums Klima - Zweifel bleiben

Klimaschutz durch Holznutzung, das hört sich zunächst gut an. Eine Win-Win-Situation für Umwelt und (Forst-)Wirtschaft. Vieles klingt plausibel und lässt sich durch Zahlen belegen. Dennoch: Zweifel gibt es. Wie ernst meinen es Forst- und Landwirtschaftskammer mit ihren Aussagen, den Wald nicht nur in eine klimaschonende hocheffiziente Holzplantage umzubauen, wirklich? Betrachtet man den Thinktank „3N“ genauer, wird aus Zweifel schnell Sorge: Ziel von „3N“ ist Vermarktung. Klimaschutz ist nur die Strategie. Naturschutz spielt keine Rolle. Kleines Beispiel: Obwohl stark in der Kritik stehend, singt man beim „3N“ weiter ein Loblied auf die Biogasanlage. Kein Wort über Vermaisung und Artensterben. Bleibt zu hoffen, dass dem Wald nicht ein ähnlicher Ausverkauf bevorsteht wie ihn Feld und Flur derzeit durch den Biogas-Boom erfahren.
Mitja Schrader