Bitte klicken Sie zur Auswahl auf eines der folgenden vier Logos:

"Unsere Patienten werden immer jünger" - Interview mit Dr. med. Maria Anna Deters, Chefärztin im Psychosomatischen Krankenhaus Ginsterhof

Geht nach 24 Jahren im Ginsterhof in den Ruhestand: Dr. med. Maria Anna Deters
as. Tötensen.Dr. med. Maria Anna Deters (63), Chefärztin im Psychosomatischen Krankenhaus Ginsterhof in Rosengarten-Tötensen, geht in den Ruhestand. Seit 24 Jahren arbeitet sie in der Klinik, seit zehn Jahren ist sie Chefärztin der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie. Vor ihrer Verabschiedung am gestrigen Freitag hat sie mit WOCHENBLATT-Redakteurin Anke Settekorn über ihre Arbeit gesprochen.
WOCHENBLATT:
Gibt es mehr Menschen, die an psychischen Erkrankungen leiden, als zu Beginn Ihrer Tätigkeit?
Dr. Maria Anna Deters:
Diese Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Vermutlich haben psychische Erkrankungen nicht wesentlich zugenommen, sondern sie werden heute eher diagnostiziert.
WOCHENBLATT:
Was hat sich geändert?
Deters:
Unter einer Depression zu leiden, ist heute nicht mehr so stigmatisierend. Früher wurde vermutlich eher der Rückenschmerz oder die Schlafstörung als Krankschreibung genommen. Diese Symptome können aber auch Ausdruck einer Depression sein. Psychische Erkrankungen führen heute zu den häufigsten Krankschreibungen und sind auch eine der häufigsten Ursachen bei der Frühberentung.
WOCHENBLATT:
Was sind die Gründe dafür?
Deters:
Vermutlich war es früher leichter, mit einer mittelgradigen Depression und Angststörung im beruflichen Alltag eine Nische zu finden und das Rentenalter zu erreichen. Dieses ist heute unter der zunehmenden Arbeitsbelastung, dem erhöhten Druck und den Erwartungen nicht mehr möglich und daher werden Patienten eher arbeitsunfähig.
WOCHENBLATT:
Woran leiden Ihre Patienten?
Deters:
Die Menschen, die zu uns kommen, haben häufig viele Jahre Krankheitsgeschichte hinter sich. Sie leiden z. B. unter Depressionen und Ängsten, Reifungskrisen im jungen Erwachsenenalter oder psychosomatischen Erkrankungen, bei denen Stress, Überforderung, Krisen und depressive Symptome zu körperlichen Reaktionen wie beispielsweise Rückenschmerzen führen. Häufig führt ihre Krankheit auch zu Konflikten im privaten Umfeld oder auf der Arbeit.
WOCHENBLATT:
Wie setzen sich Ihre Patienten zusammen?
Deters:
Im vergangenen Jahr haben wir in meiner Abteilung und der Tagespflege 560 Patienten behandelt. Knapp 40 Prozent der Patienten kommt aus dem Landkreis Harburg und den vier Nachbarkreisen. 60 Prozent der Patienten kommen aus dem übrigen Norddeutschland. Der Anteil der jungen Patienten steigt, ein Drittel ist unter 30 Jahre alt. Viele sind zwischen 18 und 20 Jahre alt. Diese Patienten kommen zum Teil aus überengagierten, überkontrollierten Elternhäusern, zum anderen haben sie in ihrer Kindheit und Jugend schon Gewalt oder Verwahrlosung erfahren. Wer hierher kommt, hat schon ein gewisses Ausmaß von Problemen durchlebt, sei es Mobbing, Todesfälle oder ähnliches.
WOCHENBLATT:
Was ist die Ursache für den Anstieg der jungen Patienten?
Deters:
Das Bildungssystem ist leistungsorientierter geworden, die jungen Menschen sollen funktionieren. Zum Teil sind sie überbehütet, stehen unter ständiger Kontrolle, werden verwöhnt und verschont und damit lebensuntüchtiger. Es gibt so viele Möglichkeiten, zwischen denen sich junge Menschen heute entscheiden können. Welcher Abschluss oder welche Ausbildung ist die richtige? Sie fragen sich permanent: Was ist der richtige Weg? Das alles fällt in eine eh' fragile Zeit, die bis 25 Jahren von großen Unsicherheiten geprägt ist: Wer bin ich? Wo will ich hin? Da verliert manch junger Mensch die Orientierung und reagiert depressiv mit Angststörungen, zwanghaftem Verhalten, Störungen im Sozialverhalten oder riskanten Verhaltensweisen.
WOCHENBLATT:
Wie hat sich in den letzten 24 Jahren Ihre Arbeit entwickelt?
Deters:
Wir haben ein psychodynamisches Behandlungsmodell weiterentwickelt, d. h. wir versuchen die Symptome und Beschwerden des Patienten mit den inneren Gründen für sein Krankwerden, sein Tun oder Nichttun in Verbindung zu bringen und vor dem Hintergrund seiner lebensgeschichtlichen Erfahrungen zu verstehen.
WOCHENBLATT:
Gibt es Patientenschicksale, die Ihnen noch im Gedächtnis geblieben sind?
Deters:
Ein junges Mädchen ist mit Anfang 20 zu mir gekommen. Sie war schon viele Jahre in kinderpsychiatrischer Behandlung, mit dem Übergang in das Erwachsenenalter ist sie in den Ginsterhof gekommen. Sie wurde früh mit chronischer Krankheit und dem Tod konfrontiert. Als sie acht war, ist ihre Mutter an Krebs erkrankt, als sie 15 war, ist ihre Mutter an der Krankheit gestorben. Diese Patientin hat mit Anfang 20 ihre fehlende Mutter in der Therapie thematisiert. Es ist dabei eine starke Bindung entstanden. Die Patientin meldet sich auch heute, mit Anfang 30, noch gelegentlich und lässt mich an ihrem Leben teilhaben.
WOCHENBLATT:
Wird Ihnen Ihre Arbeit fehlen?
Deters:
Als ich vor zehn Jahren von der Position der leitenden Oberärztin in die Chefarztrolle wechselte, dachte ich 'Oh je, schaffe ich das denn überhaupt?' In diesem Krankenhaus war ich die erste Frau in ärztlicher Leitung. Ich glaube, ich habe es im Rückblick ganz gut hinbekommen. Ich bin dankbar für die vielen Jahre, die ich mit den Patienten, den einweisenden Kollegen, den Teams, den unzähligen Menschen, die mir im Krankenhaus begegnet sind, zusammenarbeiten durfte. Aber ich freue mich auch auf den Ruhestand. Ich werde mit meinem Mann erst mal Urlaub machen und viel Zeit mit meinen Enkelkindern verbringen. Früher habe ich wenig gekocht, das würde ich jetzt gern nachholen.