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"Die Zeit ist besonders wertvoll"

Bernd Lingsteding und sein Pflegesohn Vincent (Foto: Johanniter)
Bernd Lingsteding und seine Partnerin kümmern sich um zwei schwerstbehinderte Pflegekinder

kb/nw. Seevetal. 13 Uhr, Feierabend für Bernd Lingsteding in Meckelfeld. Der Fahrer bei den Johannitern im Regionalverband Harburg tauscht seinen weißen Johanniter-Bus gegen seinen Privatwagen und fährt zu seiner Familie. Hier warten seine Lebensgefährtin Birte Wiebeck und zwei Pflegekinder auf ihn. Besondere Kinder: "Die beiden sind schwerstbehindert und nur begrenzt lebensfähig. Wenn wir Glück haben, erreichen sie die Pubertät", sagt Lingsteding. Es sei eine bewusste Entscheidung gewesen, diesen Kindern eine Chance zu geben. "Kein Kind soll in einem Heim sterben", sagt Birte Wiebeck. Zweieinhalb Jahre und sechs Monate alt sind Vincent und Lara*. Sprechen oder laufen werden beide nie lernen.
Die Zeit, die ihm mit seinen beiden Pflegekindern bleibt, möchte Lingsteding nutzen und setzt deshalb Prioritäten. Er hat bei seinem Arbeitgeber ein Jahr Elternteilzeit beantragt - auch wenn ihm der abwechslungsreiche Fahrdienst viel Spaß macht. Für diesen Schritt habe er viel positives Feedback von Kollegen erhalten. Seit Kurzem arbeitet der 53-Jährige nur noch 30 Stunden in der Woche. "So bin ich schon um 13.30 Uhr zu Hause, wenn Vincent aus dem Integrationskindergarten nach Hause kommt und wir können die Zeit als Familie nutzen", erzählt er.
Zeit ist ganz besonders wertvoll für Birte Wiebeck und Bernd Lingsteding. "Andere Eltern denken in anderen zeitlichen Dimensionen – dass ihre Kinder später in der Schule nicht gemobbt werden und keine Drogen nehmen. Für uns zählt, dass unsere Kinder am Leben bleiben und möglichst wenig Schmerzen dabei haben. Jeder einzelne Tag ist ein Geschenk", sagt Birte Wiebeck. Unterstützt werden sie von einem Pflegedienst, der rund um die Uhr mit in der Wohnung ist.
Einen schmerzlichen Verlust musste das Paar bereits verkraften. Im November 2017 starb Pflegekind Kiara im Alter von acht Jahren. Das blonde Mädchen war der Grund, weshalb sich das Paar vor fünf Jahren überhaupt kennenlernte: "Ich habe damals schon im Fahrdienst gearbeitet und habe Kiara jeden Tag vom Integrationskindergarten abgeholt und nach Hause zu Birte gefahren", erinnert sich Lingsteding. Aus den kurzen Gesprächen an der Haustür wurde bald mehr – inzwischen sind die beiden seit vier Jahren ein Paar. Weil sie keine eigenen Kinder bekommen können, trafen sie die Entscheidung, gemeinsam Pflegekinder aufzunehmen.
Dass Bernd Lingsteding mal bei den Johannitern arbeitet, war so nicht geplant. Seine große Leidenschaft gehört dem Backen, weshalb er eine Konditorlehre absolvierte. Doch die Diagnose eines Lungenfacharzt brachte 1989 das Aus für seinen Traumberuf: "Ich hatte eine Mehlallergie entwickelt." Bei den Johannitern engagierte sich der hilfsbereite Mann bereits ehrenamtlich, bevor er dort auch beruflich Wurzeln schlug. Was ihn am meisten fasziniert, ist der tägliche Kontakt mit vielen unterschiedlichen Menschen: "Ich fahre Kinder im Landkreis Harburg in die Schule, Erwachsene zur Arbeit und Senioren zur Tagespflege – kein Tag ist wie der andere. Und das macht den Beruf so spannend."
Bei seiner Arbeit profitiert er davon, dass ihn seine Pflegekinder gelehrt haben, auch in Krisensituationen ruhig zu bleiben und sich nicht stressen zu lassen. Die Pflege der Kinder kostet das Paar viel Zeit und Kraft. "Aber wir bekommen so viel von ihnen zurück", sagt Bernd Lingsteding und blickt dabei liebevoll seine Lebenspartnerin an.
• Wie viele Unternehmen in der Sozialwirtschaft ist auch die Johanniter-Unfallhilfe vom Fachkräftemangel betroffen. Infos zur Arbeit und ehrenamtlichem Engagement bei den Johannitern unter www.besser-für-alle.de.
*Name von der Redaktion geändert