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Die hybriden Konsumenten: WOCHENBLATT-Interview mit Jens Nußbaum über Probleme und Chancen des Einzelhandels

Jens Nußbaum (Foto: Stadt+Handel)
WOCHENBLATT-Interview mit Jens Nußbaum über Probleme und Chancen des Einzelhandels

kb. Landkreis. Wie kann man den örtlichen Einzelhandel stärken? Welchen Einfluss hat der Online-Handel auf die Geschäfte vor Ort? Wie verändern sich die Konsum-Gewohnheiten? Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich Jens Nußbaum (36), Projektleiter beim Stadtplanungsbüro "Stadt+Handel" mit Sitz u.a. in Dortmund und Hamburg. "Stadt+Handel" hat kürzlich für die Gemeinde Seevetal eine Analyse der gegenwärtigen Einzelhandelslage erstellt. Im WOCHENBLATT-Interview erklärt Jens Nußbaum, welche Faktoren Einfluss auf einen funktionierenden Einzelhandel haben.
WOCHENBLATT: Die einen achten besonders auf den Preis, die anderen auf Marken oder eine bestimmte Qualität - wie kaufen Menschen heutzutage ein?
Nußbaum: Der heutige Kunde verhält sich situativ anders und wechselt seine Verhaltensmuster - er ist ein sogenannter "hybrider Konsument". Wenn er keine Zeit hat und einen möglichst günstigen Preis sucht, kauft er online. Ist der Preis zweitrangig und das Erlebnis steht im Vordergrund, fährt der Kunde in die Innenstadt und geht bummeln.
WOCHENBLATT: Das bedeutet, je nach Situation verhält sich derselbe Kunde anders - kauft beim Discounter wie im Bio-Markt?
Nußbaum: Genau. Das gilt aber auch für das Internet. Als Faustregel kann man sagen: Die Innenstadt steht eher für den emotionalen Einkauf, das Internet eher für den rationalen Einkauf. Möchte man sich berieseln lassen und vielleicht zwischendurch noch eine Tasse Kaffee trinken, geht man eher in die Stadt.
WOCHENBLATT: Welche Produkte werden vor allem online bestellt?
Nußbaum: Das sind tatsächlich die klassischen Innenstadt-affinen Sortimente wie Unterhaltungs-Elektronik, Bücher, Bekleidung und Schuhe. Weniger gern online gekauft werden derzeit noch große und sperrige Produkte, Lebensmittel, Drogerieartikel und Produkte, bei denen die Kunden auf Beratung angewiesen ist.
WOCHENBLATT: Wie wirken sich die veränderten Konsumgewohnheiten auf den Einzelhandel vor Ort aus?
Nußbaum: Natürlich zieht der Online-Handel Umsätze aus dem Einzelhandel ab. Die Geschäfte vor Ort müssen sich darauf konzentrieren, einen Zusatznutzen zu schaffen und nicht über den Preis zu konkurrieren. Guter Service über den bloßen Einkauf hinaus, kompetente Beratung, die Möglichkeit für die Kunden, Produkte anzufassen und auszuprobieren, vielleicht auch ein Kaffee aufs Haus - das alles schafft ein Einkaufserlebnis, das der Online-Handel so nicht bieten kann.
WOCHENBLATT: Wie kann man Innenstädte attraktiv machen und damit auch den Einzelhandel stärken?
Nußbaum: Gerade bei kleinen und mittleren Städten ist es sinnvoll, den Einzelhandel räumlich zu bündeln und nicht zu sehr zu streuen - das stärkt den Handel untereinander und das Einkaufserlebnis der Kunden. Es gibt aber natürlich kein Patentrezept. Einige Städte haben gute Erfolge mit einem City-Management, das als Ansprechpartner vor Ort ist, sich um die Belange des Einzelhandels kümmert und z.B. bei Leerstand vermittelt. Städte können Geld in die Hand nehmen, um Veranstaltungen zu organisieren, die die Menschen in die Innenstadt locken, oder um attraktive Einkaufszonen mit Aufenthaltsqualität zu schaffen und den Erlebnisfaktor zu erhöhen.
WOCHENBLATT: Und online?
Nußbaum: Städte können z.B. online kompakt und konsumentenfreundlich das Angebot vor Ort darstellen, auf Veranstaltungen und Aktionen hinweisen, das Image stärken. Auch Shopping-Führer fürs Smartphone sind eine Option.
WOCHENBLATT: Inwieweit kann eine Kommune überhaupt Einfluss auf die Entwicklung des örtlichen Einzelhandels nehmen?
Nußbaum: Planerisch kann die Kommune eigentlich nur die Nachfrage nach Flächen sinnvoll steuern – das heißt: Welche Betriebe sollen sich wo in der Stadt ansiedeln? Darüber hinaus kann jede Kommune entscheiden, ob sie durch Citymanagement, Wirtschaftsförderung oder Stadtmarketing das Innenstadterlebnis – auch jenseits des Einzelhandels – stärken möchte. Das fängt bei kleinen Festen und Aktionen an und kann bei der städtebaulichen Aufwertung der Einkaufsstraße aufhören. Aber: Gerade kleine und mittlere Städte müssen sich mit dem Gedanken anfreunden, dass die Geschäfte eher weniger als mehr werden und andere Nutzungen fokussieren, z.B. auch Gastronomie.
WOCHENBLATT: Vielen Dank für das Gespräch.