Der Streit um den Schwanz

Schweinemäster Gustav Wortmann hält ein Ferkel mit gekürztem Ringelschwänzchen auf dem Arm
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(jd). Grüner Landwirtschaftsminister will das Kupieren bei Schweinen abschaffen / Opposition kritisiert die Pläne. Schwanz ab oder nicht? Um diese Frage ging es kürzlich im niedersächsischen Landtag: Die Opposition hegt Zweifel, ob die vom grünen Landwirtschaftsminister Christian Meyer geplante Ringelschwanz-Prämie sinnvoll ist. Diese Prämie soll an Schweinemäster ausgezahlt werden, die ihren Tieren nicht den Schwanz kürzen. Dieses Kupieren ist in der konventionellen Viehhaltung gang und gäbe. Es verhindert, dass die Tiere sich gegenseitig die Schwänze anknabbern. Meyer will hingegen, dass die süßen Ringelschwänzchen dran bleiben: In den niedersächsischen Ställen soll mehr Tierschutz praktiziert werden, so sein Credo. Doch eine Studie zu diesem Thema zeigt nun, dass die Zweifel von Meyers Kritikern berechtigt sind.

Auch viele Landwirte begegnen Meyers Vorhaben mit Skepsis. So wie Jürgen Koch aus dem Dörfchen Wedel bei Fredenbeck. Ihm ist die Problematik des Schwanzbeißens bestens bekannt. Inzwischen ist er zwar Altenteiler und hat den Hof seinem Schwiegersohn übergeben, doch er hatte rund 50 Jahre lang mit Schweinen zu tun und hält Kupieren für die beste Lösung. Das erledigt in dem Wedeler Betrieb, der sich auf die Schweinehaltung von der Ferkelaufzucht bis zur Mast spezialisiert hat, Gustav Wortmann.

Der Landwirtschaftsmeister ist auf dem Hof angestellt und hat den Sauenstall mitsamt der "Kinderstube" unter seiner Obhut. Gleich im zarten Alter von zwei Tagen kürzt er den Ferkeln die Schwänze: "Es ist ein schneller Schnitt, der in Sekundenschnelle erledigt ist." Wortmann verwendet eine heiße Schneidzange. Durch die Hitze werden die Gefäße verödet, sodass kaum Blut fließt. Etwa die Hälfte des Schwanzes wird abgetrennt. Die Wunde verheilt ganz schnell. "Das Kupieren ist laut EU-Recht nur noch per Sondergenehmigung des Tierarztes zulässig", so Wortmann. Doch diese Ausnahmeregelung sei gängige Praxis, weil es keine Alternativen gebe.

"Schweine finden oftmals das geringelte Ende ihrer Artgenossen äußerst verlockend", erläutert Koch: "Sie kauen darauf herum, ohne dass sich das malträtierte Tier wehrt." Die Kauerei bereite zunächst keine Schmerzen, da im äußersten Drittel keine Nerven verliefen. Dann fließe Blut, was Schweine besonders lecker fänden, Koch: "Diesem Kannibalismus fällt oftmals der ganze Schwanz zum Opfer." Die Folge seien Entzündungen, die schwer verheilen und oftmals zu Abszessen entlang des Rückgrats führen.

Untersuchungen hätten gezeigt, dass es offenbar eine ganze Reihe von Ursachen für das Schwanzbeißen gebe, so Koch: Als mögliche Faktoren kämen unter anderem eine Umstellung des Futters oder ein verändertes Klima im Stall in Betracht. Für Koch und Wortmann ist das Kupieren eine bewährte Methode, dem Schwanzbeißen vorzubeugen. Durch diese Maßnahme seien nur weit unter fünf Prozent des Bestandes von der Beißerei betroffen.

Anders sieht es hingegen aus, wenn der Ringelschwanz nicht gekürzt wird: Im Durchschnitt leiden dann 50 bis 60 Prozent der Schweine an zerbissenen Schwänzen. Diese Zahlen nennt eine Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover, die das Landwirtschaftsministerium in Auftrag gegeben hat. Dass Minister Meyer die Details der Studie noch unter Verschluss hält, ist für den agrarpolitischen Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Helmut Dammann-Tamke, bezeichnend: "Der Bericht passt dem Minister nicht in den Kram."

Der CDU-Agrarexperte befürchtet blutige Beißmassaker in den Schweineställen, wenn die Ringelschwanzprämie kommt. Er plädiert dafür, die 28 Millionen Euro, die bis 2020 für die Prämienausschüttungen vorgesehen sind, in die Beratung vor Ort zu investieren: "Das wäre wesentlich sinnvoller als diese Blutprämie zu zahlen", meint Dammann-Tamke: "Was Meyer jetzt mit seiner Prämie vorhat, ist ein Feldversuch auf Kosten des Tierschutzes."

Eine Prämie für "intakte" Schweine

Nach dem Willen des grünen Landwirtschaftsministers Christian Meyer soll spätestens Ende 2016 ein Kupier-Verbot für Schweineschwänze in Kraft treten. Das Verbot wird Bestandteil des Tierschutzplans sein, der die Haltungsbedingungen für Nutztiere verbessern soll. Gleichzeitig ist geplant, die sogenannte Ringelschwanzprämie einzuführen: Diese Prämie sollen Landwirte erhalten, wenn mindestens 70 Prozent der Schweine, die sie beim Schlachthof abliefern, intakte Schwänze aufweisen. Im Gespräch ist eine Prämie von 16 bis 18 Euro pro Schwein, das nicht "angeknabbert" wurde.

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