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Er geht an Bord der "Lifeline"

Kapitän Thomas Quast unterstützt die "Lifeline" Foto: jd
 
Die "Lifeline" auf ihrer Rettungsmission (Foto: Lifeline/Hermine Poschmann)
Pensionierter Kapitän aus dem Landkreis Stade unterstützt Hilfsaktion im Mittelmeer

(jd). Ein Seemann auf Rettungsmission im Mittelmeer: Thomas Quast (70), Kapitän im Ruhestand aus Kutenholz, ist am Donnerstag nach Malta geflogen, um dort an Bord des Rettungsschiffes "Lifeline" zu gehen. Das Schiff der Hilfsorganisation "Mission Lifeline" aus Dresden stand in den vergangenen Tagen bundesweit in den Schlagzeilen: Malta hatte dem Schiff mit 234 Flüchtlingen an Bord zunächst die Einfahrt in einen Hafen verweigert. Nach einem diplomatischen Hin und Her zwischen mehreren europäischen Staaten durfte die "Lifeline" am Mittwoch in den Hafen der maltesischen Hauptstadt La Valetta einlaufen. Dort will Quast zur Crew stoßen. Er möchte in den kommenden zwei Wochen dabei sein, wenn die "Lifeline" wieder im Mittelmeer kreuzt, um Menschenleben zu retten.

Für den Kapitän, der knapp 40 Jahre auf den Weltmeeren schipperte, ist diese Hilfsaktion Ehrensache: "Es ist eine seemännische Pflicht, Menschen aus Seenot zu retten. Darüber muss nicht diskutiert werden." Den Vorwurf, mit ihren Rettungsaktionen würden sich die freiwilligen Helfer zu Handlangern der gewissenlosen Schlepper machen, hält Quast für unsinnig: "Die Menschen begeben sich so oder so auf den höchst riskanten Fluchtweg übers Mittelmeer. Da ist es doch ein Gebot der Menschlichkeit, ihnen zu Hilfe zu kommen und sie vor dem Ertrinken zu retten, wenn ihre nicht seetüchtigen Boote untergehen."

Quast weiß, wovon er spricht: Er selbst hat auch schon Schiffbruch erlitten. "Das war vor 50 Jahren in der Ostsee vor der schwedischen Küste." Gerade noch rechtzeitig sei Rettung gekommen, so der Kapitän: "Dieses Erlebnis hat mich natürlich geprägt."
Quast hatte hat schon vor Wochen seine Teilnahme an dem Hilfsprojekt zugesagt.

"Ob die Lifeline gleich wieder auslaufen darf, ist allerdings mehr als fraglich", erklärt Quast. Er befürchtet, dass die Mannschaft zunächst im Hafen festgehalten wird. Die Behörden auf Malta haben den derzeitigen Schiffsführer bereits zweimal verhört. Er soll sich bereits am Montag vor Gericht gestellt werden. Malta droht, das Schiff zu beschlagnahmen. Der Besatzung wird vorgeworfen, sich angeblich Anweisungen der italienischen Küstenwache widersetzt zu haben.

"Dass ist völliger Unsinn", erklärt Quast, der in den Tagen zuvor mit der Schiffsbesatzung in E-Mail-Kontakt stand: Die "Lifeline"-Crew könne anhand der gespeicherten Schiffspositionen belegen, dass die Menschen in internationalen Gewässern gerettet worden seien.

Mittlerweile ist das Rettungsdrama um die "Lifeline" zu einem Politikum in Deutschland geworden: Im Bundestag wurde kontrovers darüber debattiert und Innenminister Horst Seehofer (CDU) hat angekündigt, die deutsche Schiffsbesatzung zur Rechenschaft ziehen zu wollen. Diese Hilfsaktion dürfe nicht zu einem Präzedenzfall werden, so der Minister. Seehofers italienischer Amtskollege Matteo Salvini bezeichnete die Lifeline, von der es zunächst hieß, sie fahre unter niederländischer Flagge, sogar als "gesetzloses" Schiff.

Quast findet solche Aussagen völlig unangemessen: "Auf dem Schiff befinden sich viele engagierte junge Menschen, die voller Idealismus sind und einfach nur helfen wollen. Sie als Kriminelle abzustempeln und als Gehilfen der Flüchtling-Schleppern zu bezeichnen, finde ich verwerflich." Er selbst betrachtet seine Teilnahme als absolut unpolitisch: "Es geht doch um Menschenleben. Da darf man nicht wegschauen." Hilfsorganisation würden mit Schiffen wie der "Lifeline", "Sea-Watch" oder "Aquarius" da einspringen, wo die Regierungen versagen.

Quast hofft, dass das Schiff wieder freikommt und er seine Erfahrungen einbringen kann, die er auf seinen Fahrten als Kapitän eines Stückgutfrachters gesammelt hat: "Ich werde wohl zunächst als 1. Offizier mitfahren und erst auf einer späteren Tour den Posten des Kapitäns übernehmen." In der betreffenden Mittelmeer-Region kennt Quast sich bestens aus: "Mein Frachter hat damals häufig Häfen in Algerien, Libyen und Tunesien angelaufen."

Der Kontakt zur Hilfsorganisation ist übrigens durch einen Zufall zustande gekommen: Seit er in Rente ist, unternimmt Quast mit seiner Frau ausgiebige Wohnmobil-Touren. Im vergangenen Jahr war das Ehepaar auf Sizilien. In der Hafenstadt Licata habe die "Lifeline" in der Werft gelegen, so Quast: "Dort habe ich die Besatzung kennengelernt und mich entschlossen: Diese gute Sache will ich aktiv unterstützen."

• Die Hilfsorganisation hat jetzt einen offenen Brief an Seehofer veröffentlicht, in dem sie die Hardliner-Position des Innenministers scharf kritisiert: www.mission-lifeline.de/de/presse