Tierversuchslabor-Skandal
Tausende demonstrieren gegen das LPT

700 Menschen nahmen an der Mahnwache vor den Toren des Tierschutzlabors LPT in Mienenbüttel teil
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  • hochgeladen von Alexandra Bisping

ab/bim. Mienenbüttel. Tausende Menschen gingen am Samstag in Hamburg-Neugraben vor dem LPT-Hauptsitz auf die Straße, um gegen die Tierversuchsanstalt "Laboratory of Pharmacology and Toxicology" (LPT) in Neu Wulmstorf-Mienenbüttel nach dem jüngst von der "Soko Tierschutz" und "Cruelty Free International" aufgedeckten Tierlabor-Skandal zu demonstrieren. Am Abend gab es eine friedliche Mahnwache vor dem Gelände des LPT in Mienenbüttel: 700 Menschen nahmen daran teil. Friedrich Mülln von der "Soko Tierschutz" war überwältigt. Zum WOCHENBLATT sagte er: "Ich habe den ganzen Tag lang schon Gänsehaut. Eine Tierschutz-Demo mit rund 7.500 Teilnehmern und eine Mahnwache mit 700 Teilnehmern - damit habe ich nicht gerechnet."
Trotz des Regens fanden sich die zahlreichen Tierfreunde mit Plakaten, Kerzen und Lichtern zur Mahnwache vor den Toren des Tierversuchslabors ein. Dafür waren sie aus unzähligen Landkreisen nach Mienenbüttel angereist, u.a. von Cuxhaven über Schleswig-Holstein bis hin zu den Landkreisen Stade, Harburg und der Hansestadt Hamburg.
"Wenn Tiere so sind wie wir, sind Tierversuche untragbar. Wenn sie nicht so sind wie wir, sind Tierversuche sinnlos", stand auf einem der Schilder. Auch in unmittelbarer Nähe des mit Natodraht gesicherten Gelände des Labors blieben die Teilnehmer friedlich, zündeten Kerzen an. Friedrich Mülln zeigte sich beeindruckt. "Die Menschen hier haben eine Riesenwut im Bauch und bleiben ruhig, obwohl sie sich nur wenige Meter von den gequälten Hunden entfernt befinden. Davor habe ich totalen Respekt."
Rund 7.500 Menschen protestierten am Samstag vor dem LPT-Hauptsitz in Hamburg-Neugraben, 700 versammelten sich trotz Regens vor dem LPT in Mienenbüttel zur Mahnwache. Er blicke auf 25 Jahre Demo-Erfahrung zurück, "aber so groß und eindrucksvoll wie an diesem Tag habe ich noch keine erlebt", sagte Friedrich Mülln von der "Soko Tierschutz" beeindruckt.
Wie berichtet, hatte die "Soko Tierschutz" von Dezember 2018 bis März 2019 einen Undercover-Mitarbeiter in das Labor in Mienenbüttel eingeschleust und mit Fotos, Videos und Berichten die grausamen Tierversuche und vermutlich einen Betrug aufgedeckt. Inzwischen wurden vom Landkreis, dem Tierschutzbund, der "Soko Tierschutz" sowie dem Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) Strafanzeigen gegen das Labor wegen Verstößen gegen den Tierschutz gestellt sowie von der "Soko" eine weitere Anzeige wegen des Verdachts auf versuchten Betrug, weil der Undercover-Ermittler auch mitbekommen habe, dass ein Affe während einer Versuchsreihe gegen ein anderes Tier ausgetauscht worden sei.
Bei der Demonstration in Neugraben war auch ein Teil des Teams des Buchholzer Tierheims dabei: "Ich war überwältigt von der Masse an Menschen. Für uns war die Teilnahme an der Demo eine Herzensangelegenheit. Die Bilder, die die 'Soko Tierschutz' veröffentlicht hat, wird man nie wieder los. Vor dem Undercover-Ermittler, der die Grausamkeiten im LPT aufgedeckt hat, habe ich größten Respekt", so Tierheimleiterin Melanie Neumann. "Wir finden, dass diese Tests abgeschafft gehören, da es bereits Möglichkeiten gibt, ohne Tiere zu quälen und zu Tode zu foltern!", sagt Melanie Neumann von sich und ihren Mitstreiterinnen Denise Ermisch und Judith Hein.
Staatsanwaltschaftermittelt
Oberstaatsanwalt Johannes Kiers, stellvertretender Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Stade, bestätigt, dass mehrere Anzeigen gegen das LPT vorliegen, sowohl von öffentlichen Stellen als auch von Tierschützern. "Die Staatsanwaltschaft wird die Ermittlungen fortsetzen, Beweise sichern und bewerten. Dies wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen", so Kiers. Primär gehe es bei den Vorwürfen um den Verstoß gegen das Tierschutzgesetz. "Sofern aber Anhaltspunkte für andere Straftatbestände wie z. B. Betrug vorliegen, werden auch diese in die Ermittlungen mit einbezogen. Da die Ermittlungen noch andauern, ist noch nicht abzusehen, wann mit einer abschließenden Entscheidung der Staatsanwaltschaft zu rechnen ist." Straftaten nach Paragraf 17 Tierschutzgesetz werden mit Geldstrafe oder Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren bestraft.
Landkreis zu Käfigen und Kontrollen
Im Nachgang zur ersten WOCHENBLATT-Berichterstattung hat Ruth Alpers, Fraktionsvorsitzende der Kreistagsfraktion der Grünen Anfragen an den Landkreis gestellt, die das WOCHENBLATT weiterleitete und auf die Kreissprecherin Katja Bendig wie folgt antwortete:
Ruth Alpers: Warum wurden diese unhaltbaren, jetzt öffentlich dokumentierten Zustände im LPT Mienenbüttel bei den unangekündigten Kontrollen nicht bemerkt?
Katja Bendig: Hinsichtlich der Ein-Kubikmeter-Käfige ist zu sagen, dass die entsprechenden Regelungen zur Käfiggröße von Makaken erst seit dem 1. Januar 2017 gelten (Tabelle 6.3 zur Verordnung EU2010/63). Vorher war dieser zu kleine Käfig also kein Verstoß gegen die Tierschutz-Versuchstier-Verordnung. Die seitdem erfolgten Kontrollen haben diesen Verstoß nicht zu Tage gefördert.
Grundsätzlich ist zu sagen, dass eine Kontrolle immer nur eine Momentaufnahme darstellt. Ein im Betrieb tätiger Informant verfolgt die Ereignisse über einen längeren Zeitraum und hat dadurch einen anderen Einblick.
Bei den aktuellen Kontrollen wurden Verstöße bei den Haltungsbedingungen festgestellt, wie schon bei den zurückliegenden Kontrollen wurden aber keine kranken oder verletzten Tiere vorgefunden. Die zu kleinen Affenkäfige wurden inzwischen abgebaut.
Ruth Alpers: Warum hat der Landkreis vor zehn Jahren sechs bis acht teilweise unangekündigte Kontrollen jährlich durchgeführt und jetzt nur noch neun in fünf Jahren?
Katja Bendig: Ohne die beiden letzten Kontrollen gab es in den vergangenen zehn Jahren 31 Kontrollen, davon neun seit dem 1. Januar 2015. Von 2010 bis 2014 gab es jeweils vier bis fünf Kontrollen pro Jahr. Von den neun Kontrollen seit 2015 waren sieben ebenfalls unangekündigt. Gesetzlich vorgeschrieben ist eine Kontrolle jährlich bei Tierversuchen mit Affen, bei anderen Tieren wie Hunden oder Katzen sogar nur alle drei Jahre.
Ruth Alpers' Fazit: „Fest steht, dass die staatlichen Kontrollen versagt haben. Warum das so war und ist, gilt es jetzt schonungslos zu klären und das auf allen Ebenen. Der Schutz eines florierenden Wirtschaftsunternehmens darf nicht so weit gehen, dass derart skandalöse Verhältnisse wie in Mienenbüttel möglich sind.“
Der Landkreis teilt in einer aktuellen Pressemitteilung mit, dass die durch die "Soko" aufgedeckten Missstände für die Veterinärbehörde nun Anlass seien, die Kontrollpraxis in Bezug auf das LPT zu verschärfen. Die Kontrollen würden künftig engmaschiger und weit über das gesetzlich vorgeschriebene Maß stattfinden. Außerdem werde das LPT aufgefordert, dem Veterinäramt detaillierte Informationen zu anstehenden Versuchsreihen und deren Durchführung vorzulegen.
Nach dem bundesweiten Medieninteresse und den vom Veterinäramt bemängelten Affenkäfigen wurden diese vergangene Woche abtransportiert. Das zeigen Videoaufnahmen, die die "Soko Tierschutz" auf Facebook postete. Sabine Brauer von der "Lobby pro Tier", die seit zehn Jahren für die Schließung des LPT und den Stopp der dortigen Tierversuche kämpft, äußerte die Befürchtung, dass die Käfige womöglich an anderen LPT-Standorten in Neugraben oder Löhndorf zum Einsatz kommen könnten. "Das LPT sagt, diese Käfige würden ins Altmetall gehen", teilt Katja Bendig auf WOCHENBLATT-Nachfrage mit. Deren Entsorgung werde sich der Landkreis bestätigen lassen und auch die anderen zuständigen Behörden informieren, damit diese Käfige nicht weiter genutzt werden.
Petition
• Der ehemalige Landtagsabgeordnete Georg M. Fruck aus Brietlingen (Kreis Lüneburg) berichtet: "Tierschützer fordern seit Langem eine Stilllegung des Betriebs. 1981 befreiten Aktivisten 48 Beagles aus dem Labor in Mienenbüttel." Der Landtag habe sich schon 1982 auf seine parlamentarische Initiative hin mit der Anlage im Landkreis Harburg beschäftigt - ohne Erfolg. Fruck hat nun eine Petition an die Präsidentin des Niedersächsischen Landtags geschickt, in der er die unverzügliche Schließung des LPT fordert.

Das sagt das LPT

Auf eine WOCHENBLATT-Anfrage, welche Art von Tierversuchen auf welcher Grundlage vorgenommen werden, wie viele Tiere und welche Tierarten es im LPT für Versuchszwecke gibt, wozu Giftigkeitstests dienen und wer diese an ordnet, antwortete die LPT-Pressestelle wie folgt:
"Im Zuge der Arzneimittelzulassung führen wir Auftragsstudien für Kunden durch. Dabei handelt es sich um präklinische Prüfungen einer Substanz auf Toxizität, bevor diese in die klinische Prüfung geht, das heißt am Menschen getestet wird.
Diese Studien sind vom Gesetzgeber vorgeschrieben und werden von den Behörden genehmigt und begleitet.
Auch die Tierhaltung ist vom Gesetzgeber vorgeschrieben und wird von den Behörden, unter anderem durch unangemeldete Kontrollen, überprüft.
Bei der aktuellen Untersuchung kooperieren wir vollumfänglich mit den Behörden.
Wir bitten um Verständnis, dass wir uns zu laufenden Untersuchungen nicht weiter äußern können."

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