Zwischen Freiheit, Sicherheit und Wandel
Petition kämpft für das Bargeld
- Mit einer Petition machen Bürger sich für den Erhalt von Bargeld stark
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In Europa wird am Geld gearbeitet – ganz wörtlich: Die Europäische Zentralbank (EZB) treibt die Einführung eines digitalen Euro voran. Ab Ende Oktober soll die interne Vorbereitungsphase abgeschlossen sein, dann könnten die Weichen für eine neue Ära des Bezahlens gestellt werden. Der E-Euro wäre eine digitale Ergänzung zu Scheinen und Münzen, aber kein Ersatz, so betont es die EZB. Doch genau daran zweifeln viele. Eine Petition zum Schutz des Bargelds hat bereits 220.000 Unterschriften gesammelt – und der Protest wächst.
Warum Bargeld wichtig bleibt
Doris Rohde aus Neu Wulmstorf ist eine von vielen Engagierten, die sich für den Erhalt des Bargelds starkmachen. Sie informiert, mit Erlaubnis der Gemeinde, Bürgerinnen und Bürger auf dem Wochenmarkt über das Thema und sammelt auch vor Ort Unterschriften. „Ich habe nichts gegen Online-Banking, es bietet auch viele Vorteile“, sagt die 58-jährige Sozialökonomin, „aber Bargeld sollte überall weiter akzeptiert werden.“ Für sie geht es um Wahlfreiheit, denn eine Gesellschaft, die breit aufgestellt ist, sei widerstandsfähiger. Schwächere, Kinder oder Menschen ohne Girokonto profitierten davon, dass Bargeld unkompliziert verfügbar ist. Auch kleine Händler und Marktbeschicker, betont Rohde, seien auf baren Zahlungsverkehr angewiesen – aus Kostengründen, aber auch aus Praktikabilität.
"Bargeld ist die weit überwiegende Bezahlart auf Festplätzen und Märkten", sagt Werner Hammerschmidt, Bundesgeschäftsführer des Bundesverbandes der Schausteller und Marktkaufleute auf WOCHENBLATT-Anfrage. Man befürchte Einnahmeverluste bei nicht funktionierender Technik oder eine Verkomplizierung bspw. bei der Rückgabe von Pfand auf dem Weihnachtsmarkt.
Die Sorge, dass Bargeld nach und nach verdrängt werden könnte, treibt viele um. So sollen in manchen Regionen die Möglichkeiten zur Bargeldabhebung bereits zurückgehen, etwa durch den Abbau von Geldautomaten. Auch die EZB hat in Studien festgestellt: Ein sich selbst verstärkender Trend könnte entstehen: Weniger Nutzung führt zu geringerer Verfügbarkeit, was wiederum die Nutzung weiter senkt.
- Doris Rohde aus Neu Wulmstorf macht sich für den Erhalt des Bargeldes stark
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Die andere Seite: Digitalisierung als Chance
Die EZB widerspricht den Sorgen vor einer „Abschaffung“ des Bargelds. EZB-Präsidentin Christine Lagarde bekräftigte, dass der digitale Euro als Ergänzung, nicht als Ersatz zum Bargeld eingeführt werde. Der E-Euro sei eine zeitgemäße Antwort auf verändertes Zahlungsverhalten: Immer mehr Menschen kaufen online ein oder nutzen kontaktlose Zahlungen. Der digitale Euro würde als öffentliches Zahlungsmittel kostenlos nutzbar sein, höchste Datenschutzstandards einhalten und auch Menschen ohne Bankkonto einbezogen werden, etwa durch Offline-Zahloptionen.
Karte statt Kleingeld – kommt jetzt die Pflicht?
Und auch die Kritik an Bargeld ist nicht neu: Es erleichtere Steuerhinterziehung, sei Ziel von Überfällen, verursache Kosten und sei langsamer als digitale Zahlungen. Dennoch zeigte eine aktuelle Befragung der Bundesbank, dass mehr als zwei Drittel der Bevölkerung Bargeld für wichtig halten, vor allem wegen der Unabhängigkeit von Technik und als Lernmittel für Kinder.
Was die Initiative gegen den digitalen Euro besonders umtreibt, ist ein Aspekt: die Angst vor vollständiger Überwachung. „Wenn Bargeld schwindet, schwindet ein entscheidender Teil unserer Freiheit. Jeder Austausch kann überwacht werden“, schreibt Hansjörg Stützle, Initiator der Petition. Dabei weist die EZB explizit darauf hin, dass Transaktionen im digitalen Euro höchsten Datenschutzanforderungen genügen und keine personenbezogenen Bewegungsdaten erhoben werden. Dennoch bleibt die Sorge bestehen, dass der E-Euro eines Tages Bargeld „verdrängt“, etwa durch fehlende Akzeptanz im Handel oder durch unattraktive Rahmenbedingungen.
Ein Balanceakt
Bargeld hat nach wie vor einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert – als frei nutzbares Zahlungsmittel, als Symbol für Selbstbestimmung und als Sicherheitsanker in Krisenzeiten. Der digitale Euro dagegen bietet Chancen für Effizienz, Inklusion und eine souveränere europäische Zahlungsinfrastruktur. Zu einem Ersatz von Bargeld soll er aber offiziell nicht werden.
Doris Rohde betont: Die Petition richtet sich nicht gegen den E-Euro, sondern vielmehr für das Bargeld. Es brauche klare gesetzliche Rahmenbedingungen, die den Erhalt und die Nutzbarkeit von Bargeld sichern. „Es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um die Freiheit, selbst zu entscheiden“, sagt sie. Bis Oktober können Unterschriften gesammelt werden. Dann beginnt für die EU die nächste Phase in einer Debatte, die Europa weit über die Einführung des E-Euro hinaus beschäftigen dürfte.
Mehr zur Petition gibt es hier: https://bargeldverbot.info/petition
Soll Bargeld abgeschafft werden?
Pro und Contra: Für oder gegen die Abschaffung des Bargeldes?
Pro:
Digitales Zahlen macht mir das Leben leichter. Kein Kleingeld, kein verlorener Schein – und ich muss nicht überlegen, ob ich genug Bargeld dabeihabe.
Der Alltag zeigt längst, wo es hingeht: Geldautomaten verschwinden, und in Städten wie Hamburg ist Bargeld im Bus keine Option mehr. Ein Bargeldverbot? Muss nicht sein. Aber ich glaube: Was praktisch ist, setzt sich durch. Für viele noch ungewohnt – für andere längst Alltag. Für mich ein Plus: Auch das Haushaltsbuch lässt sich digital schneller und übersichtlicher führen.
Wichtig ist nur, dass alle mitziehen können – unabhängig von Alter oder Technikaffinität. Und: Bedenken und Kritik sollten schon während der Entwicklung ernst genommen werden – sonst scheitert das System, bevor es richtig startet. Pauline Bellmann
Contra:
Ich bin niemand, der sich Neuerungen gegenüber verschließt – im Gegenteil: Ich liebe es, mit Karte zu zahlen. Aber ich bin auch jemand, der immer auch Bargeld dabei hat. Warum? Für den Notfall. Für den Fall der Fälle, der schon oft vorkam, für eine kleine Spende an den Obdachlosen, für den spontanen Flohmarktkauf und auch, weil sich Bargeld eben „echter“ anfühlt. Die 60 Euro für eine Jeanshose tun mir eben mehr weh, wenn sie aus meinen Händen in die Hände des Verkäufers wandern und ich dabei zusehen kann, wie mein Portemonnaie dünner wird. Bargeld hält Geschichte in sich, ist Zeugnis einer ganzen Gesellschaft.
Und wie wäre ich ohne Bargeld überhaupt zu irgendwelchen Entscheidungen fähig? Kopf oder Zahl geht eben nicht digital. Pauline Meyer
Pfandbon
Lidl verabschiedet sich vom Pfandbon – zumindest auf Papier. Ab dem 4. August 2025 stellt der Discounter bundesweit auf ein digitales System um, das direkt in der Lidl Plus App integriert ist. Die klassische Zettelvariante gibt es zwar weiterhin, doch wer die App nutzt, erhält sein Pfandguthaben künftig automatisch digital. Damit geht Lidl als erster großer Lebensmittelhändler in Deutschland einen flächendeckenden Schritt in Richtung digitale Rückgabe – mit spürbaren Folgen für den Alltag vieler Kundinnen und Kunden.
Ab dem 4. August 2025 führt Lidl den digitalen Pfandbon bundesweit in allen Filialen ein. Die Umstellung ist Teil der Lidl Plus App und soll den Pfandprozess für Kundinnen und Kunden deutlich vereinfachen. Wer seine Leergutflaschen abgibt, kann den Betrag künftig direkt digital in der App speichern lassen – ganz ohne Papier.
Lidl ist damit der erste große Lebensmittelhändler in Deutschland, der eine solche Funktion flächendeckend anbietet. Ziel ist es laut Unternehmen, alltägliche Prozesse nachhaltiger zu gestalten und gleichzeitig mehr Komfort im Einkauf zu bieten. Kunden, die beim Leergutautomaten den digitalen Weg wählen, bekommen ihren Pfandbetrag automatisch in der App gutgeschrieben – ganz ohne zusätzlichen Bon-Ausdruck.
Weniger Filialen und Automaten
Mehr als 1.500 Bankfilialen haben 2024 in Deutschland dichtgemacht. m vergangenen Jahr verringerte sich die Zahl der Zweigstellen bei den Kreditinstituten um 1631 (8,4 Prozent) auf 17.870 Standorte, wie die Bundesbank mitteilte.
Und auch die Zahl der Geldautomaten in Deutschland sinkt. Im vergangenen Jahr sank die Zahl der Geldautomaten erneut um drei Prozent auf rund 49.750, wie die Bundesbank heute mitteilte. Im Vorjahr waren es noch etwa 51.300 Automaten.
Für Verbraucher wird damit der Weg zum Geldabheben oft länger. Bundesweit wohnen Bürgerinnen und Bürger im Schnitt 1,4 Kilometer vom nächsten Geldautomaten oder Bankschalter entfernt, schrieb die Bundesbank im März.
Redakteur:Pauline Meyer aus Neu Wulmstorf |
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