Aufreger mit Wirkung
Neu Wulmstorf geht neue Wege gegen Müll

"Wer seinen Müll nicht im Griff hat, bleibt am Besten zu Hause!"  Tobias Handtke fand klare Worte, um seinen Unmut auszudrücken | Foto: facebook/Tobias Handtke
  • "Wer seinen Müll nicht im Griff hat, bleibt am Besten zu Hause!" Tobias Handtke fand klare Worte, um seinen Unmut auszudrücken
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Ein Facebook-Post mit deutlichen Worten, ein Bürgermeister, der persönlich Stellung bezieht, und eine Gemeindeverwaltung, die reagiert: Das Thema Müll beschäftigt Neu Wulmstorf derzeit auf mehreren Ebenen.
Vergangene Woche hatte Bürgermeister Tobias Handtke auf seiner Facebook-Seite einen Appell veröffentlicht, der für Diskussionen sorgte. Unter der Überschrift „Achtlos irgendwo hinschmeißen" postete er ein Foto von sich vor einer Feldlandschaft, versehen mit klaren Worten: „Wer seinen Müll nicht im Griff hat – bleibt am besten zu Hause. Mehr Respekt!" Der Beitrag löste zahlreiche Reaktionen aus.
Unter dem Beitrag sammelten sich die Kommentare – von Zustimmung bis zu kritischen Nachfragen. Nutzer Oliver Dietrich brachte den Grundgedanken kurz auf den Punkt: „Es ist keine schlechte Idee, die Dinge etwas besser zu hinterlassen, als man sie vorgefunden hat." Andere lieferten differenziertere Rückmeldungen: Le Fokk etwa berichtete, dass ihm beim Spazierengehen mit seinem Hund auffalle, wie in den vergangenen Jahren fast überall öffentliche Mülleimer abgebaut worden seien – selbst an Bänken in der Natur fehlten sie inzwischen. Seine Hundekotbeutel trage er deshalb mitunter kilometerweit mit sich, weil es schlicht keine Entsorgungsmöglichkeit gebe. Weitere Nutzerinnen und Nutzer berichteten von Müllsäcken, die aus Hochhausfenstern geworfen würden, oder einer alten Waschmaschine, die auf dem Parkplatz am Freibad abgestellt worden sei.
Dass der Unmut nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigen nun auch Zahlen der Gemeindeverwaltung: Die Müllmenge in den öffentlichen Mülleimern stieg 2025 auf 66 Tonnen – ein Plus von rund zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Hinzu kommt ein praktisches Problem: Veraltete Mülleimermodelle brechen unter der Last immer wieder auf, Abfälle verteilen sich auf dem Boden.
Reagiert hat darauf die SPD-Fraktion. Jürgen Waszkewitz, SPD-Mitglied im Ausschuss für öffentliche Ordnung, hatte die Entwicklung eines umfassenden Müllkonzepts beantragt. Die Gemeindeverwaltung griff den Vorschlag auf und stellte dem Ausschuss am 19. August ein entsprechendes Maßnahmenpaket vor.
Vorgesehen sind der Austausch alter Abfallbehälter, größere Mülleimer an besonders belasteten Standorten sowie ein neues, modernes Müllfahrzeug. Dadurch soll künftig mehr Müll in kürzerer Zeit eingesammelt werden können – ohne zusätzliches Personal. Die notwendigen Mittel sind bereits im Doppelhaushalt 2025/2026 eingeplant, die Umsetzung soll im Laufe des Jahres 2027 abgeschlossen sein.
„Mit diesem Konzept werden wir der gestiegenen Müllmenge gerecht, sparen Fahrten und entlasten gleichzeitig unsere Mitarbeitenden durch moderne Technik", sagt Bürgermeister Handtke.
Waszkewitz appelliert unterdessen an die Bürgerinnen und Bürger, den Ärger über liegen gebliebenen Müll nicht an der Verwaltung auszulassen: „Das eigentliche Problem sind diejenigen, die Hausmüll in öffentlichen Mülleimern entsorgen oder Müll achtlos wegwerfen oder liegen lassen." Die Kosten dafür trage am Ende die gesamte Gemeinschaft – finanziell wie im Erscheinungsbild der Gemeinde.

Kommentar: Wir haben verlernt, wütend zu sein
Ich erinnere mich an eine Szene aus meiner Kindheit, die sich mir eingebrannt hat. Meine Mutter blieb mitten auf dem Weg stehen und schimpfte einen fremden Mann aus – er hatte gerade eine leere Coladose ins Gebüsch geworfen. Kein höfliches Räuspern, kein vielsagender Blick. Sie hat ihn zur Rede gestellt. Vor allen Leuten. Weil sie es nicht ertragen konnte, dass jemand so mit unserer gemeinsamen Umgebung umgeht.
Ein paar Jahre später war ich diejenige, die schimpfte – mit meiner eigenen Mutter, weil sie FCKW-haltiges Haarspray benutzte. Das Ozonloch war für mich als Kind kein abstraktes Thema aus dem Erdkundeunterricht, sondern ein persönlicher Grund, am Frühstückstisch die Stimme zu erheben -  LOGO sei Dank. Ich glaubte fest daran: Wenn genug Menschen aufhören, solche Sprays zu benutzen, ändert sich etwas. Und ich glaubte, dass meine Wut dabei zählt.
Woran ich mich heute, Jahrzehnte später, mit einem gewissen Unbehagen erinnere: Wann habe ich eigentlich zuletzt jemanden wegen einer weggeworfenen Coladose zur Rede gestellt? Wann habe ich zuletzt aus echter Überzeugung gestritten, weil ich dachte, mein Ärger könnte etwas bewegen?
Was mich heute wirklich ärgert, ist meistens etwas viel Kleineres: wenn die eigene Mülltonne mal nicht pünktlich geleert wird. Ja genau – das nervt mich auch, das gebe ich unumwunden zu. Aber ist das nicht bezeichnend? Wir echauffieren uns über den Service vor unserer eigenen Haustür und schweigen zu fast allem, was dahinter liegt. Heute produziere ich selbst zu viel Müll und trauere an manchen Tagen meiner kindlichen Entschlossenheit hinterher.
Ich glaube, ich habe - oder wir haben - irgendwo unterwegs verlernt, an unsere eigene Selbstwirksamkeit zu glauben – die Überzeugung, dass ein einzelner Mensch, der laut wird, tatsächlich etwas verändern kann. Stattdessen haben wir uns angewöhnt, Verantwortung zu delegieren: an Verwaltungen, an „die Politik", an irgendwen, der zuständig ist. Der Unmut, den manche heute den Mitarbeitenden der Verwaltung entgegenbringen, wenn ein Mülleimer mal nicht rechtzeitig geleert wird, richtet sich damit eigentlich an die Falschen. Es ist der verwässerte Nachhall einer Wut, die woanders hingehört.
Neue Mülleimer und ein modernes Fahrzeug werden das nicht alleine lösen können. Was es braucht, ist etwas, das keine Verwaltung beschaffen kann: Menschen, die wieder bereit sind, stinksauer zu werden. Nicht kleinlich, nicht nur wegen der eigenen Tonne – sondern grundsätzlich, laut und öffentlich, wenn jemand achtlos mit dem umgeht, was uns allen gehört. Vielleicht beginnt Eigenverantwortung genau dort: bei dem Mut, wieder hinzuschauen, den Mund aufzumachen – und nicht wegzusehen. Tina Lüecke

Redakteur:

Tina Lüecke aus Buchholz

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