Ärger wegen der Herdenschutzhunde
Das Dilemma der Deichschäfer - ein Beispiel aus Nordkehdingen (Kreis Stade)
- Deichschäfer Benjamin Heinz lässt einen Teil seiner Herde am Elbdeich bei Freiburg grasen
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Die beiden Kangals haben alles im Blick. Schon auf mehrere hundert Meter Entfernung registrieren sie jeden Spaziergänger, jeden Radfahrer und jeden fremden Hund. Ruhig liegen sie zwischen den Schafen auf der Weide am Elbdeich bei Freiburg. Erst wenn sich jemand nähert, stehen sie auf und beobachten aufmerksam jede Bewegung. Das ist ihr Job. Denn sie schützen die Herde vor Wölfen. Und damit schützen sie jene Tiere, die wiederum den Deich sichern. "Diese Hunde schützen die Deichschützer", sagt Schäfer Benjamin Heinz.
Was viele Spaziergänger und Ausflügler nicht wissen: Die Schafe auf den Elbdeichen sind weit mehr als ein idyllischer Anblick. Sie leisten Tag für Tag einen unverzichtbaren Beitrag zum Küstenschutz. Ohne Deichschäfer wie Benjamin Heinz wäre der Hochwasserschutz an der Elbe kaum in der heutigen Form denkbar.
- Der Kangal hält Wache
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Schafe leisten aktiven Küstenschutz
Seit rund zwölf Jahren betreut Benjamin Heinz die Deiche zwischen Freiburg und Wischhafen. Seine derzeit rund 450 Schafe sind auf mehrere Herden verteilt. Sie beweiden die Hauptdeichlinie der Elbe im Auftrag des Deichverbandes Kehdingen-Oste sowie Naturschutz- und Ausgleichsflächen des Landkreises Stade.
Dabei verrichten die Tiere eine Arbeit, die keine Maschine besser erledigen kann. Sie halten die Grasnarbe kurz und dicht. Mit ihren unzähligen kleinen Tritten – den sogenannten Trippelschritten – verdichten sie den Boden und sorgen dafür, dass die Grasnarbe fest mit dem Deichkörper verwächst. Genau diese dichte Grasdecke schützt den Deich bei Sturmfluten vor Erosion und Ausspülungen.
Gleichzeitig trägt Heinz zum Erhalt alter Nutztierrassen bei. In seinen Herden finden sich unter anderem Coburger Fuchs, Bentheimer Landschafe, Texel, Pommersche Landschafe und Bergschafe. Weil die Tiere ganzjährig draußen leben, sind sie besonders robust und widerstandsfähig. So verbindet seine Arbeit Küstenschutz, Landschaftspflege und den Erhalt wertvoller genetischer Vielfalt.
- Benjamin Heinz kann seine Kangals jetzt auch wieder tagsüber einsetzen
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Warum der Schäfer nach einem Wolfsriss an die Öffentlichkeit geht
Doch dieses bewährte System gerät in Gefahr – durch den Wolf. Erst vor Kurzem wurde auch die Herde von Benjamin Heinz Opfer eines Wolfsangriffs. Sechs Schafe starben. Zwei Tiere mussten wegen ihrer schweren Verletzungen vom Tierarzt eingeschläfert werden. Weitere Schafe wurden verletzt. "Der Anblick der toten Tiere nimmt einen natürlich mit", sagt Heinz. Besonders belastend sei gewesen, die schwer verletzten Tiere leiden zu sehen, bis endlich der Tierarzt kam und sie von ihren Qualen erlöst hat.
Noch vor einigen Jahren sorgte nahezu jeder Wolfsriss für Schlagzeilen. Heute berichten viele Schäfer und Tierhalter bewusst nicht mehr öffentlich über solche Vorfälle. Zu groß ist die Sorge vor Anfeindungen. Heinz erzählt von Kollegen, die von vermeintlichen Tierschützern bedroht wurden. Auch in sozialen Netzwerken seien Betroffene wüsten Beschimpfungen ausgesetzt. Dennoch entschied er sich diesmal bewusst, den Vorfall öffentlich zu machen. "Ich möchte, dass die Menschen verstehen, in welchem Dilemma wir Schäfer stecken."
- Diese Schafe wurden bei der jüngsten Wolfsattacke getötet
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Ärger wegen der Kangals
Zum Schutz seiner Herden setzt Benjamin Heinz seit Jahren Kangals ein. 2017 gehörte er zu den ersten Deichschäfern, die auf diese Herdenschutzhunde setzten. Dabei machen die Hunde genau das, was sie sollen: Sie schützen die Schafe. Für die Kangals spielt es aber keine Rolle, ob eine mögliche Gefahr vier oder zwei Beine hat. Alles, was ihrer Herde zu nahe kommt, wird aufmerksam beobachtet und notfalls lautstark auf Abstand gehalten.
- Der Herdenschutzhund schützt die blökenden Deichschützer
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Wer die Hunde gemeinsam mit ihrem Halter erlebt, begegnet ruhigen und ausgeglichenen Tieren. Sie zeigen sich neugierig und friedlich. Doch sobald sie allein die Herde bewachen, befinden sie sich im Arbeitseinsatz. Dann übernehmen sie genau die Aufgabe, für die sie gezüchtet wurden. "Kangals sind nun mal keine Plüschhunde", sagt Heinz. Es seien Arbeitshunde mit einem klaren Auftrag. Alle seine Tiere haben erfolgreich eine Herdenschutzprüfung abgelegt.
- Die Nordkehdinger Idylle trügt: Hier ereigneten sich die Wolfsrisse
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Das Problem sind meist die Menschen
Probleme bereiten auch nicht die Hunde, sondern die Menschen durch ihr unvernünftiges Verhalten. So beobachtet Heinz immer wieder Radfahrer, die beim Vorbeifahren pfeifen, klingeln oder rufen, um die Kangals anzulocken. Andere füttern die Hunde sogar. Hundebesitzer lassen ihre Vierbeiner direkt am Zaun entlanglaufen oder missachten die Leinenpflicht. Für die Herdenschutzhunde ist das eine potenzielle Bedrohung ihrer Schafe. Entsprechend reagieren sie mit lautem Bellen.
- Dieses Schaf wurde bei der Wolfsattacke schwer verletzt. Es musste eingeschläfert werden
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Dieses Bellen führt wiederum regelmäßig zu Beschwerden beim Ordnungsamt. Zeitweise durfte Heinz seine Kangals deshalb nur nachts bei den Herden einsetzen. Erst nach dem jüngsten Wolfsriss darf er die Hunde nun wieder auch tagsüber zum Schutz der Schafe auf den Deich schicken. Der Schäfer hat Warnschilder aufgestellt, die auf die Herdenschutzhunde hinweisen und um Abstand bitten. Doch diese werden immer wieder ignoriert oder sogar mutwillig entfernt. Manche Radfahrer umfahren Sperren und radeln verbotenerweise auf der Außendeichsseite entlang. Heinz hat dafür keinerlei Verständnis. Denn die Sicht ist dort auch nicht besser. Die Elbe lässt sich in der Ferne nur als dünnes blaues Band erahnen.
Mobile Zäune stoßen an ihre Grenzen
Natürlich schützt Heinz seine Herden zusätzlich mit Elektrozäunen. Die mobilen Herdenschutzzäune erfüllen hinsichtlich der Höhe die vorgeschriebenen Anforderungen. Doch offenbar gelingt es Wölfen inzwischen, selbst solche Zäune zu überwinden. Höhere Zäune wären für einen wandernden Deichschäfer aber kaum praktikabel. Heinz könnte sie wegen ihres Gewichts gar nicht allein auf- und abbauen.
- Außer Kangals und Eseln soll ein Elektrozaun die Wölfe fernhalten
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Zwei Esel als lebende Alarmanlage
Deshalb hat sich Heinz nach weiteren Möglichkeiten umgesehen, um Wölfe von seinen Schafen fernzuhalten. Seit Kurzem laufen nun zwei Esel inmitten der Schafherde umher. Andere Schäfer hätten mit den störrischen Gesellen bereits gute Erfahrungen gemacht, berichtet Heinz. Entdecken die Tiere einen Wolf, schlagen sie lautstark Alarm. Ihr markantes I-A könnte Angreifer abschrecken. Zudem teilen Esel mit ihren Hufen kräftig aus. Gegen ein ganzes Wolfsrudel wären allerdings auch sie machtlos.
- Jetzt fungieren zusätzlich zwei Esel als "Wolfswächter"
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Küstenschutz geht vor
Deichschäfer Heinz weiß, dass die Elbdeiche jedes Jahr Tausende Spaziergänger, Radfahrer und Touristen anziehen. Dennoch müsse klar sein, dass der Küstenschutz Vorrang habe. Die Deiche schützen vor Sturmfluten. Und wer die Schafe schützt, schützt den Deich.
- Die Hinweisschilder auf die Herdenschutzhunde werden ignoriert oder sogar zerstört
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Genau darauf weisen inzwischen die Landräte der Landkreise Stade, Cuxhaven und Harburg hin. Sie fordern wolfsfreie Elbdeiche und machen deutlich, dass funktionierende Deichschäfereien ein unverzichtbarer Bestandteil des Hochwasser- und Küstenschutzes sind. Geht immer mehr Schäfern die Existenzgrundlage verloren, gerät langfristig auch dieses seit Jahrhunderten bewährte System in Gefahr.
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Statement des Stader Landrates Kai Seefried zu den Wolfsrissen:
„Wieder mussten sechs Schafe sterben, die eine wichtige Aufgabe für unseren Hochwasserschutz übernehmen. Wir müssen der Gefahr durch Wölfe endlich wirksam begegnen können“, sagt Landrat Kai Seefried in einer ersten Reaktion. „Wir benötigen wolfsfreie Zonen an den Deichen. Diese Forderung habe ich gemeinsam mit meinem Landratskollegen aus Cuxhaven und Harburg gerade erst wieder gegenüber der Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte zum Ausdruck gebracht.“ Schafe auf den Deichen böten nicht nur ein idyllisches Bild, die Tiere seien vor allem für die Pflege der Anlagen und den Hochwasserschutz unverzichtbar, betont Seefried.
Bestmögliche Form der Deichpflege ist die Schafbeweidung. Darin sind sich die Landkreise mit Küstenschutzexperten einig. Denn die Schafe halten die Grasnarbe kurz und festigen den Boden. Dabei belasten aber die Herausforderungen rund um den Wolf die Deichschäfereien insbesondere im Hinblick auf den Hüteaufwand und die Konflikte, die durch die Haltung von Herdenschutzhunden in stark touristisch geprägten Bereichen entstehen, ganz erheblich. „Unsere Schäferinnen und Schäfer haben jede Wertschätzung und Unterstützung verdient. Wenn Wölfe Schafe reißen, ist das von der Landesregierung verordnetes Tierleid.“
Um diesen Herausforderungen zu begegnen, fordern die drei Landräte die Ausweisung von Weidegebieten. Nach einer Änderung des Bundesjagdgesetzes und der Aufnahme des Wolfs in Jagdrecht können Anordnungen zu Weidegebieten getroffen werden, in denen eine Ausbreitung des Wolfs aus übergeordneten Gründen nicht erwünscht wird. „Mit dem Küsten- und Hochwasserschutz liegt ein solcher übergeordneter Grund vor, der es rechtfertigt und auch erforderlich macht, wolfsfrei zu haltende Weidegebiete entlang der Elbdeiche und der Deiche der Nebenflüsse unverzüglich auszuweisen“, sagt Seefried. Die Landräte fordern daher Ministerin Staudte und ihr Ministerium auf, die drei Landkreise bei der Ausweisung von Weidegebieten entlang der Deiche fachlich wie politisch zu unterstützen und so einen Beitrag des Landes Niedersachsen zur Sicherung des Küsten- und Hochwasserschutzes in der Elbe-Weser-Region zu leisten.
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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