Sind die einstigen Dorfmittelpunkte nicht mehr zeitgemäß? Immer wieder schließen Traditionslokale
Landgasthöfe vor dem Aus?

Frisch gezapftes Bier gibt es inzwischen längst nicht mehr in jedem Dorf. Insgesamt haben in den vergangenen zehn Jahren rund 30 Gastronomiebetriebe im Landkreis Stade dichtgemacht
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  • Frisch gezapftes Bier gibt es inzwischen längst nicht mehr in jedem Dorf. Insgesamt haben in den vergangenen zehn Jahren rund 30 Gastronomiebetriebe im Landkreis Stade dichtgemacht
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(lt). Sind die Tage der Landgasthöfe gezählt? Dass ihre Zahl seit Jahren stetig zurückgeht, ist ein Fakt. Die traditionellen Kneipen und Gasthäuser scheinen immer weniger in unsere Zeit zu passen und müssen häufig aufgrund von Nachfolgermangel oder zugunsten neuer Entwicklungen weichen. So wie in Hammah. Die Mehrheit der Einwohner des Geest-Ortes hat kürzlich per Bürgerentscheid gegen den Weiterbetrieb des örtlichen Landhauses gestimmt und damit dem Gemeinderat den Rücken gestärkt, der das Landhaus abreißen will, um Platz für einen Supermarkt zu schaffen. Außerdem soll ein neues Gemeinschaftshaus gebaut werden (das WOCHENBLATT berichtete).
"Das ist ein Kult, der nicht wiederkommt", sagt Jürgen Gooßen, Mitinitiator des Bürgerentscheides zur Zukunft des ortsbildprägenden Gasthauses, das bislang kultureller Mittelpunkt des Dorfes war.
Gooßen räumt zwar ein, dass es sehr schwer werden könnte, Nachfolger für die jetzigen Pächter zu finden, wenn diese bald in den Ruhestand gehen. Er ist aber auch der Meinung, dass die Gemeinde als Eigentümerin des Gebäudes an dieser Stelle mehr Mut haben müsste und für den Erhalt des Landhauses kämpfen sollte.
Dass eine Gemeinde sich als Eigentümerin eines Gasthauses allerdings auch leicht verzetteln kann, wurde schon am Beispiel der "Schönen Fernsicht" im Alten Land deutlich. Höhepunkt des „Fernsicht“-Dramas war 2015 die Insolvenz der Pächter-GmbH, nachdem das Haus zuvor aufwendig mit einer Million Euro Steuergeld saniert worden war. Seitdem kam es zu häufigen Pächterwechseln.
Das Beispiel aus dem Alten Land scheint aber nicht gänzlich abschreckend zu sein. So gibt es derzeit im Geest-Ort Mulsum Überlegungen, zum Erhalt des "Deutschen Hauses" eine Genossenschaft zu gründen. Die Gaststätte, die sich in Privatbesitz befindet, soll im kommenden Jahr verkauft werden - ein neuer Pächter ist auch hier nicht in Sicht.
Eine Bürgerinitiative um Stefan Allers, der auch für die CDU im Gemeinderat sitzt, kämpft jetzt für den Erhalt der Gaststätte im Ort und hat zunächst eine Umfrage gestartet. Die Bürger sollen sich dazu äußern, ob sie sich vorstellen könnten, sich finanziell, organisatorisch oder auch handwerklich am Erhalt des "Deutschen Hauses" zu beteiligen. "Uns ist klar, dass das ein Mammutprojekt ist", sagt Stefan Allers - Ausgang ungewiss.
An dieser Stelle seien noch zwei Positiv-Beispiele aus dem Landkreis Stade erwähnt. Sowohl der Schützenhof in Ahlerstedt als auch das Fährhaus Kirschenland in Jork-Wisch schaffen den Spagat zwischen Tradition und Moderne und bieten Gästen aus der ganzen Region Raum für tolle Feste und Veranstaltungen - von der Bauernhochzeit mit mehreren 100 Leuten bis zum Familienbrunch.

Im Landkreis Stade haben nach Angaben der IHK Stade für den Elbe-Weser-Raum in den vergangenen zehn Jahren rund 30 Gaststätten ihren Betrieb eingestellt. Neu seien circa zehn hinzugekommen. Rund 350 Betriebe aus dem Bereich Hotel- und Gaststättengewerbe gibt es insgesamt.
Frank Dede, stellvertretender Vorsitzender des IHK-Tourismusausschusses und Hotelier, sieht als Ursache für den Rückgang insbesondere die Tatsache, dass viele Wirte trotz intensiver Bemühungen keinen Nachfolger finden. Hinzu komme ein möglicher Investitionsstau und das verstärkte Angebot von Dorfgemeinschaftshäusern, das zumindest teilweise zu einer Konkurrenzsituation mit etablierten Betrieben geführt habe.

Eine aussterbende Spezies
Ein Feierabendbier in der Kneipe um die Ecke zischen - ich kenne zwar ein paar Leute, die das noch regelmäßig tun. Doch der Zahn der Zeit nagt nicht nur an diesen wenigen verbliebenen treuen Kneipengängern, sondern auch an den Zapfhähnen und Herzblut-Kneipiers, die es noch gibt.
Die meisten Lokale sind in die Jahre gekommen, es herrscht Sanierungsstau, die Pächter finden keine Nachfolger, die dem Knochenjob gewachsen sind und die nötige Portion Idealismus und auch das nötige Kleingeld mitbringen.
Es ist gut und wichtig, dass es hier und da noch leidenschaftliche Gastronomen wie zum Beispiel in Ahlerstedt oder Jork-Wisch gibt, die mit neuen Ideen und einem zuverlässigen Team eine Brücke zwischen Dorftradition und Moderne schlagen können.
Doch leider gehören diese Vollblut-Gastwirte zu einer aussterbenden Spezies - und damit auch die Landgasthöfe.
Lena Stehr 

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