Tostedt
Bewegender Film über Stolpersteine, die Erinnerung und Mahnung sind

Vor den "Rollups" der Ausstellung (v. li.): Adolf Staack, Katrin Kludas und Christian Huland von der Arbeitsgruppe "Stolpersteine in der Samtgemeinde Tostedt" | Foto: bim
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  • Vor den "Rollups" der Ausstellung (v. li.): Adolf Staack, Katrin Kludas und Christian Huland von der Arbeitsgruppe "Stolpersteine in der Samtgemeinde Tostedt"
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Im Sitzungsraum des Tostedter Rathauses hätte man vor betroffener Stille eine Stecknadel fallen hören können, so bewegend sind die grausamen Schicksale der Männer und Frauen, die von den Nationalsozialisten hingerichtet wurden oder unter menschenverachtenden Umständen in Konzentrationslagern ihr Leben verloren. Viele von ihnen lebten mitten unter uns. Im Rathaus fand jetzt die Vorab-Präsentation des zweiten Films über die Stolpersteine in der Samtgemeinde Tostedt statt – als Dank an alle Beteiligten, Zeitzeugen sowie Stiftungen und Spender, die die Realisierung der beiden Filme ermöglichten.

Erinnerung an von Nazis
getötete Menschen

Stolpersteine erinnern an die von Nazis verfolgten, vertriebenen, deportierten oder ermordeten Menschen. Es sind vom Künstler Gunter Demnig seit dem Jahr 1992 geschaffene kleine Gedenktafeln aus Messing, die eines der größten dezentralen Mahnmale der Welt gegen Terror- und Gewaltherrschaft darstellen. Die Steine fordern auf zum Innehalten.

Christian Huland von der Arbeitsgruppe "Stolpersteine in der Samtgemeinde Tostedt" blickte auf die Historie des Projekts zurück. "Vor sieben Jahren machten sich drei Freunde Gedanken über die Erinnerungskultur: Wie war es mit dem jüdischen Leben in Tostedt?", berichtete er von seinen Mitinitiatoren Adolf Staack und dem im Mai 2023 verstorbenen Manfred Falke. Bei ihren Recherchen trafen sie in Tostedt auf die engagierte und fachkundige Archivarin Katrin Kludas, die sofort "Feuer und Flamme für das Projekt" war. Ergebnis: Auch in Tostedt fielen nicht nur jüdische Mitmenschen den Nazis zum Opfer, sondern auch Zwangsarbeiter, über deren Schicksale bereits Renate Dörsam (†) geforscht hatte, Homosexuelle und weitere Andersdenkende.

Im Juni 2021 besichtigten die Engagierten die ersten Orte für die ersten sechs Stolperstein-Verlegungen, die im folgenden Oktober in Tostedt und Heidenau vorgenommen wurden. Sechs weitere Stolpersteine folgten im September 2023 in Otter und in Tostedt. "Jeder Stein holt die Opfer des NS-Regimes aus der Anonymität", so Huland. Die Steine erinnern an deren Schicksale, sie geben diesen Menschen ihren Namen und damit einen Teil ihrer Würde zurück. Die Steine seien auch Zeugnis des millionenfachen Leids.

Schicksale hinter den
Stolpersteinen

Im ersten Film ging es um die Schicksale hinter den ersten Stolpersteinen. Im neuen Film stehen die weiteren Schicksale eines polnischen Zwangsarbeiters und einer großen jüdischen Familie im Mittelpunkt sowie Beiträge zu deren Verfolgung, Verbringung in KZ und Vernichtungslager.

Zu Wort kommen u.a. Zeitzeuge Erwin Heins aus Otter, der als Kind Nachbar des polnischen Zwangsarbeiters Tadeusz Forys war, der am 6. Mai 1945 in einer Auseinandersetzung mit drei Wehrmachtssoldaten in Zivil getötet wurde – und das einen Monat nach Ende der Kampfhandlungen in Otter und nur zwei Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Familienforscherin Corinna Wöhrl widmet sich im Film dem Schicksal der Familie Rosen, an die vier Stolpersteine in der Poststraße erinnern. Insgesamt seien 14 der Familienmitglieder verfolgt, gequält, getötet worden.

Rund 1,5 Millionen Menschen
in Auschwitz ermordet

Der Historiker Dr. Gottfried Lorenz aus Hamburg, Mitbegründer der Initiative „Denk-Ort für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt“, kommt im Film über Konzentrationslager zu Wort. Allein in Auschwitz seien rund 1,5 Millionen Menschen ermordet worden – so viele, wie etwa die Stadt München Einwohner hat. Dass in Hamburg-Neuengamme von 1938 bis 1945 das größte Konzentrationslager Nordwestdeutschlands war, sei lange nicht in der Erinnerungskultur der Hansestadt präsent gewesen.

Die Stolpersteine seien auch aktuell von Bedeutung angesichts "der Bestrebungen im Land, Geschichte umzuschreiben. Aber Geschichte ist Wahrheit", sagte Christian Huland. "Die Erinnerung ist Mahnung für die Zukunft und für diejenigen, die Zukunft gestalten wollen."

An den weiter täglich wichtigen Kampf für Demokratie erinnerte Tostedts Bürgermeisterin Nadja Weippert, u.a. mit Blick auf die Bestrebungen von US-Präsident Donald Trump auf Unterdrückung von Meinungsfreiheit und Vielfalt.

Um den Kreis derer, die sich durch die Stolpersteine angesprochen fühlen, zu erweitern, und auch jüngere Menschen darüber aufzuklären, gibt es nicht nur Rundgänge zu den Stolpersteinen, sondern rund um das Thema auch die zwei Filme und eine ausleihbare Ausstellung. 

• Der Film erscheint in den kommenden Wochen auf You Tube.
• Wer die Ausstellung ausleihen möchte, meldet sich bei Mit-Intitiatorin und Archivarin Katrin Kludas unter Tel. 04182-298150 oder per E-Mail an: archiv@tostedt.de.

• Eine interaktive Karte mit Lage der Stolpersteine ist zu finden auf der Seite der Töster Bürgerstiftung, die das Projekt ebenfalls unterstützt hat.: www.toester-buergerstiftung.de/stolpersteine-in-der-samtgemeinde-tostedt/

Alle Texte zu "Stolpersteine Tostedt“

Vor den "Rollups" der Ausstellung (v. li.): Adolf Staack, Katrin Kludas und Christian Huland von der Arbeitsgruppe "Stolpersteine in der Samtgemeinde Tostedt" | Foto: bim
Historiker Dr. Gottfried Lorenz aus Hamburg geht im Film auf die KZ ein | Foto: bim
Zwei der Stolpersteine vor dem Rathaus, die erinnern an den polnischen Zwangsarbeiter Boleslaw Marzec und an Landhelferin Anna Riepshoff, die "verbotenen Umgang" mit ihm hatte | Foto: bim
Redakteur:

Bianca Marquardt aus Tostedt

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