Tostedt
Wenn der nette Nachbar ein rechtsextremer Nationalist ist
- Foto: bim
- hochgeladen von Bianca Marquardt
Sie sind unter uns - Reichsbürger, Querdenker, Verschwörungstheoretiker. Sie eint: Sie wollen die freiheitlich-demokratische Grundordnung abschaffen und wenden sich gegen die im Grundgesetz verbrieften Menschenrechte. Was bei manchen Gruppierungen nach Heimatliebe, ländlicher Idylle und alternativen Lebensentwürfen anmutet, hat mitunter eine krude rechtsextreme Ideologie. Über die "völkische Landnahme" und die Verbreitung dieses Gedankengutes in Nordostniedersachsen informierte Pastor i. R. Martin Raabe (72) rund 150 Zuhörerinnen und Zuhörer jetzt auf Einladung des Forums für Zivilcourage im Tostedter Gymnasium.
Immer wieder bestimmen Straftaten von Reichsbürgern die bundesweiten Schlagzeilen. Am Mittwoch hat das Oberlandesgericht Stuttgart einen sogenannten Reichsbürger (55) zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt, nachdem er im Jahr 2022 in Boxberg (Baden) auf Polizisten geschossen hatte. Im Haus des Schützen war ein Waffenlager mit Gewehren, Maschinenpistolen und tausenden Schuss Munition entdeckt worden.
Umsturzpläne von Reichsbürgern
Weitere Reichsbürger, deren Umsturzpläne im April 2022 aufgeflogen sind, sollen u.a. geplant haben, Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) zu entführen. Ziel ihrer dreistufigen Aktion war letztlich die Absetzung der Bundesregierung. Einer der festgenommenen mutmaßlichen Reichsbürger kam aus dem Landkreis Harburg.
Aus völkischer Sicht und aus Sicht der Reichsbürger besteht das Deutsche Reich bis heute, die Bundesrepublik sei verfassungsrechtlich illegitim und lediglich eine GmbH. Deutschland verfüge über keine gültige Verfassung.
30 Prozent der Befragten lehnen Diktatur nicht mehr ab
Laut der aktuellen „Mitte-Studie“ der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung vom September 2023 haben bei den 18- bis 24-Jährigen mehr als zwölf Prozent ein manifestes rechtsextremes Weltbild. In der Gruppe der über 65-Jährigen sind es nur 4,4 Prozent. Sehr viele Menschen sehen sich aber nicht als rechtsextrem, sondern zählen sich selbst zur politischen Mitte. "Die Mitte rückt immer weiter nach rechts, fast 30 Prozent der Befragten lehnen eine Diktatur nicht mehr ab", sagte Raabe.
Gemäß einer Studie der CDU-nahen Konrad Adenauer Stiftung sei jeder 20. Deutsche überzeugt, dass Deutschland immer noch von Besatzungsmächten regiert werde. Fünf Prozent der Deutschen zeigten eine Nähe zu völkischem Reichsbürger-Gedankengut.
Mit Zöpfchen und im Trachtenlook statt mit Bomberjacken
Martin Raabe machte deutlich, wie weit verbreitet völkisch-nationalistisches Gedankengut auch in unserer unmittelbaren Umgebung ist. "Mit Bomberjacken und Springerstiefeln treten die hier nicht auf", betonte Raabe. Vielmehr kämen die Anhänger völkisch-nationalistischen Gedankenguts - meist mit einer hohen Affinität zu Selbstverteidigung, Kampfsport und Waffen - als nette Nachbarn daher, deren Kinder mit Zöpfchen und im Trachtenlook manche als "ordentlich gekleidet" loben würden. Sie inszenieren sich zum Beispiel am Gedenkstein des Heidedichters Hermann Löns bei Walsrode mit Flaggen und Trommeln, feiern Sommer- und Wintersonnenwendfeiern in Edendorf (Kreis Uelzen). Eine der einschlägig als völkisch bekannten Familien hat in ganz Norddeutschland Liegenschaften, u.a. auch in Seevetal.
Im Niedersächsischen Verfassungsbericht 2022 heißt es mit Blick auf den "Sitz und die Verbreitung Völkischer Personenzusammenschlüsse / Völkischer Siedler": "Der regionale Schwerpunkt liegt im Großraum Lüneburg-Uelzen-Lüchow-Dannenberg".
"Sie engagieren sich in Kindergärten und Schulen, Elternbeiräten, Einrichtungen von Dorfgemeinschaften, Feuerwehren, Schützenvereinen, Jägerschaften, Kirchengemeinden und in der Kommunalpolitik", so Raabe.
"Rassenerhalt" als oberstes Ziel
Oberstes politisches Ziel der völkischen Nationalisten: der Rassenerhalt. Deutsches Blut und Erbgesundheit seien reinzuhalten. Die Ehe gilt als Grundlage des völkischen Gemeinschaftslebens und dient dem höheren Ziel der Erhaltung und Mehrung von Art und Rasse.
Die "Völkischen" sähen in allen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte wie zum Beispiel Industrialisierung, Liberalismus, Individualismus oder Kosmopolitismus sowie in allem Internationalen - von der Frauenrechtsbewegung bis zur EU - Zeichen für gefährliche Fehlentwicklungen der Gegenwart. Diese würden sie in bizarren Untergangsszenarien grell ausmalen. Dafür würden andere vermeintliche Rassen verantwortlich gemacht.
Einige Beispiele aus Büchern der Anhänger völkischen Gedankenguts und ihrer Symbolik rundeten den informativen Vortrag ab.
Redakteur:Bianca Marquardt aus Tostedt |
|
| Webseite von Bianca Marquardt | |
| Bianca Marquardt auf Facebook | |
| Bianca Marquardt auf YouTube | |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.