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Abrechnung in Buchform

 

Prosper Christian Otto schreibt ein Buch über den jahrelangen Rechtsstreit und den Abriss seines Wohnhauses

os. Buchholz. Der Fall Otto sorgte im Jahr 2013 bundesweit für Aufsehen: Erstmals wurde einer Familie ihr Wohnhaus quasi unter dem Hintern abgerissen. Der spektakuläre Vorgang markierte das Ende eines ca. zehnjährigen Rechtsstreits zwischen der Stadt Buchholz sowie Prosper Christian Otto (67) und seiner Frau Christiane. Das Gezerre vor Gericht hat der Berufssänger jetzt in dem Buch „Entgleist! Wie der Rechtsstaat in Deutschland unter die Räder gekommen ist“ zusammengefasst.
Otto beschreibt in dem Buch den Kauf des ehemaligen, beinahe baufälligen Wochenendhauses im Landschaftsschutzgebiet Sprötze-Höllental Anfang der 1980er Jahre und den Ausbau zu einem kapitalen, 177 Quadratmeter großen Wohnhaus, in dem die vierköpfige Familie lebte. Das Problem: Für das Wohnhaus existierte, wie für die allermeisten der rund 200 Häuser in dem Waldgebiet, keine Baugenehmigung. Das versuchte die Stadt mit einem Bebauungsplan zu heilen, der die Reduzierung der Grundfläche auf maximal 90 Quadratmeter vorsah. Hiergegen klagte Otto und war letztlich beim Bundesverfassungsgericht erfolgreich. Andere Hausbesitzer reagierten und verkleinerten ihre Wohnhäuser.
Die Stadt Buchholz veranlasste nach der Abweisung des B-Planes den Abriss von Ottos Wohnhaus. Der Sänger wehrte sich dagegen mit allen Mitteln vor Gericht, führte u.a. die Verletzung des Gleichheitsgrundsatzes ins Feld. Auch die Unterbringung des Büros der Musikschule für die Stadt Buchholz, deren Leiterin Christiane Otto lange Zeit war, in Ottos Wohnhaus war Gegenstand von Klagen vor Gericht. Sie nützten nichts: Ende September 2013 wurde das Haus abgerissen. Nur ein Carport blieb stehen. Die Ottos wohnen seitdem in einer Mietwohnung in Wenzendorf.
In seinem Buch schießt Otto unter namentlicher Nennung scharf gegen die Buchholzer Stadtverwaltung und gegen die beteiligten Gerichte. Dabei zieht er mehrfach den Vergleich zur Gerichtsbarkeit zur Zeit des Nazi-Regimes. U.a. schreibt Otto: „Spätestens jetzt wird zur Gewissheit, was sich im Verlauf der zurückliegenden Jahre herauskristallisiert hat, nämlich dass es sich bei einigen Lüneburger Verwaltungsrichtern um eine Art von Richtern handelt, deren berufliche Existenz in ihren Positionen in einem geordneten Rechtsstaat nicht möglich sein dürfte“ oder „Die Erinnerung an vergleichbare Vorgänge im Dritten Reich zur Zeit des nationalsozialistischen Terrors wird bei uns wach“ oder „Im Bereich der Bürokratie herrscht dasselbe menschenverachtende Gedankengut vor, dass heute den Boden für die Ausbreitung von Links- und Rechtsradikalismus in unserem Land bereitet und 1933 die braune Diktatur erst möglich gemacht hat“.
Derweil geht der Rechtsstreit in die nächste Runde. Vor dem Landgericht Stade geht es um die Frage, wer die Abrisskosten für das Haus zahlen muss. „Ich habe rund 30.000 Euro vorgestreckt“, erklärt Otto. „Wenn der Abriss rechtswidrig war, werde ich das Geld natürlich zurückfordern.“ Der für den 28. September vorgesehene Termin wurde verschoben. Ein neuer Termin steht noch nicht fest.
• Prosper Christian Otto: Entgleist! Wie der Rechtsstaat in Deutschland unter die Räder gekommen ist; BoD Books on Demand; 196 Seiten; ISBN 9-783738-639148; 12,99 Euro.

AUF EIN WORT

In dem Buch fehlt Selbstkritik

Ich kann den Frust von Prosper Christian Otto über den Verlust des Familien-Wohnhauses, das für rund 30 Jahre eine Heimat war, gut verstehen. Ein Buch über einen jahrelangen, teuren und kräftezehrenden Rechtsstreit zu schreiben, ist Ottos gutes Recht. Aber: Der Stil muss passen. Das tut er meiner Meinung nach nicht.
Das Buch ist eine einzige Anklage gegen Bürokraten und Richter. Tenor: Sie sind alle rechtsradikal, korrupt und unfähig. Klar, die Buchholzer Stadtverwaltung um den damaligen Bürgermeister Wilfried Geiger hat Fehler gemacht. Ich bin mir sicher: Wenn beide Seiten weniger verbissen an die Sache herangegangen wären, hätte man einen Kompromiss finden können - und die Familie Otto würde heute noch in Sprötze wohnen. Mir fehlt in dem Buch ein Kapitel, in dem Otto Selbstkritik übt und Fehler auch bei sich sucht. Vielleicht war es genau der Ton, den der Sänger in seinem Buch anschlägt, der zur Eskalation des Rechtsstreits entscheidend beigetragen hat. Und wenn der deutsche Rechtsstaat wirklich so autokratisch und rechtsradikal ist, wie Otto unterstellt, hätte er sein Buch in dieser Form nicht veröffentlichen können. Oliver Sander