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"Kölner Dom" ist abgerissen

Ein letztes Erinnerungsfoto vor dem Retabel (v.li.): Kirchenvorstandsvorsitzende Silke Jeske, Bauausschussvorsitzender Frank Fohrmann sowie das Pastorenehepaar Hanna und Axel Rothermundt

jd. Harsefeld. Neue "Perspektiven" in der Harsefelder Kirche nach Ausbau der mehr als 150 Jahre alten Altarwand.

Der Kölner Dom ist abgerissen: Gemeint ist nicht der altehrwürdige Kirchenbau am Rhein, sondern die im neugotischen Schnörkelstil ausgeführte Altarwand in der Harsefelder Kirche, die mehr als 150 Jahre lang den Gläubigen den Blick in den Chorraum verwehrt hatte.

In der Gemeinde kam für die hölzerne Wand mit ihren verzierten Türmchen, Säulen und Spitzbögen irgendwann die spöttische Bezeichnung "Kölner Dom" auf. Tatsächlich erinnert die ganze Konstruktion an die Fassade einer gotischen Kathedrale. Nun ist dieses "Bauwerk" Geschichte: In der vergangenen Woche wurde die Altarwand - in der Fachsprache Retabel genannt - von einer Tischlerei aus Sachsen Stück für Stück abgebaut.

Wer am Sonntag den Gottesdienst besuchte, hatte erstmals Gelegenheit, die Kirche in einem ganz neuen Licht zu betrachten: Der dreischiffige Innenraum mit seinem mächtigen Gewölbe erstrahlt durch die nun freiliegenden Chorfenster in ungewohnter Helligkeit. "Es ist ein toller Anblick", sagt Pastor Gerald Flade: "Darauf habe ich mich seit Jahren gefreut."

Und er hat auch lange dafür gekämpft: Dabei waren es weniger die Gemeindemitglieder, die davon überzeugt werden mussten, dass die 1861 eingebaute Altarwand keinerlei kunsthistorischen Wert besitzt. Deutlich schwieriger war es, die Widerstände der staatlichen und kirchlichen Denkmalpflege zu überwinden.

Der hölzerne Kirchen-Kitsch galt in den Augen der Denkmalschützer als erhaltenswert, weil er einmalig in ganz Deutschland war. Andere Gemeinden hatten ihre Gotteshäuser längst von ähnlichem Ballast befreit. Sogar die Wochenzeitung "Die Zeit" lästerte bereits 1966 über den "pseudogotischen Pseudo-Dom".

Auch Flades Amtskollegen Hanna und Axel Rothermundt betrachten die Wand als "Kuriosum". Für sie ist es "kein Sakrileg", das Retabel zu entfernen. Dessen Sinn habe jahrzehntelang einzig und allein darin bestanden, dass der abgetrennte Chorraum als Sakristei genutzt werden konnte, so das Pastoren-Ehepaar. Doch längst sei eine neue Sakristei angebaut worden.

"Mit dem Ausbau der Altarwand ist der Startschuss für eine Neugestaltung des Kircheninneren gefallen", erklärt die Kirchenvorstandsvorsitzende Silke Jeske. Durch den zusätzlichen Platz zwischen Altar und Apsis würden sich ganz neue Möglichkeiten ergeben. Fest eingeplant sei bereits die Modernisierung des Fußbodens. Alles andere sei noch völlig offen - wie etwa der Einbau neuer Chorfenster. "Wir wollen die neugeschaffene Optik erst einmal auf uns wirken lassen und dann gemeinsam mit der Gemeinde den Blick nach vorne richten."