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Streit um Stader Ambulanz: Sind junge Patienten die Leidtragenden?

Viele Jugendliche sind verzweifelt, wenn sie unter psychischen Problemen leiden. Hier ist schnelle Hilfe erforderlich
 
Die kinder- und jugendpsychiatrische Ambulanz ist geschlossen
jd. Stade. Wegen eines Verfahrens vor dem Sozialgericht ist die kinder- und jugendpsychiatrische Ambulanz geschlossen. Immer häufiger leiden Kinder und Jugendliche unter psychischen Störungen. Laut Experten ist in Deutschland jedes fünfte Kind von Erkrankungen betroffen, die eine Psychotherapie erfordern. Doch die jungen Patienten müssen meist monatelang auf einen Termin warten. Umso unverständlicher erscheint vor diesem Hintergrund ein Rechtsstreit, der in Stade auf dem Rücken der kranken Kinder ausgetragen wird: Der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Peter Hellwege klagt vor dem Sozialgericht Hannover gegen den Berufungsausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN).
Es geht um die Zulassung zur Einrichtung einer Ambulanz an der seit einem Dreiviertel Jahr in Stade bestehenden psychiatrischen Tagesklinik für Kinder und Jugendliche. "Ich will, dass meine Einwände gegen die Breite des Behandlungsspektrums in der Ambulanz vor dem Ausschuss Gehör finden", erklärte Hellwege auf WOCHENBLATT-Nachfrage. Eine Gelegenheit zu einer Stellungnahme sei ihm bislang verweigert worden.
Die Ambulanz, die zeitgleich mit der Klinik in Betrieb ging, dient als Anlaufstelle für psychisch kranke Patienten im Alter bis zu 18 Jahren, die dringend Hilfe benötigen. Oft geht es um akute Fälle, bei denen eine schnelle Krisenintervention erforderlich ist - etwa bei schweren Depressionen oder wenn Jugendliche sich selbst verletzen, indem sie sich "ritzen". Der Bedarf ist offenbar enorm: Wie aus Psychologen-Kreisen zu erfahren war, waren bislang rund 350 junge Menschen in Behandlung. Zuletzt sollen mehr als 60 Namen auf der Warteliste gestanden haben.
Doch Anfang Mai wurden die beiden Therapeuten abgezogen, die bislang in der Ambulanz tätig waren. Solange das Gerichtsverfahren anhängig ist, bekommt der Träger, die "Psychiatrische Klinik Lüneburg", von den Krankenkassen keinen Cent mehr erstattet.

Eltern sind erbost über die Klage des Arztes

"Das ist doch ein Skandal", empört sich Elke M. Ihre minderjährige Tochter ist wegen psychischer Probleme in Behandlung. Bis Anfang Mai fuhr die Mutter mit ihrem Kind regelmäßig von Horneburg nach Stade zur psychiatrischen Tagesklinik für Kinder und Jugendliche. Nun müssen Elke M. und ihre Tochter den weiten Weg nach Buchholz in Kauf nehmen. Dort sind die beiden Therapeuten, die bisher in Stade arbeiteten, nun tätig. Der Grund: Der Stader Kinder- und Jugendpsychiater Dr. Peter Hellwege zog vor das Sozialgericht, weil die Ambulanz einen zu großen Patientenkreis betreuen soll. Solange es keine Entscheidung gibt, bleibt die Einrichtung geschlossen.
Nach Ansicht von Elke M. ist das ein Unding. "Bei fast allen Therapeuten im Landkreis Stade gibt es lange Wartelisten", berichtet sie. Das bestätigt auch eine Kinder- und Jugendpsychologin: "Frühestens in sechs Monaten habe ich Termine für neue Patienten frei." Umso wichtiger sei es daher gewesen, dass die "Psychiatrische Klinik Lüneburg" (PKL) im Herbst 2012 außer der Tagesklinik eine Ambulanz eingerichtet habe.
Nach Ansicht der Psychologin nehme die Ambulanz eine wichtige Lotsenfunktion ein: Dort sei die Erstdiagnostik erfolgt und im Zusammenspiel von Elternhaus, Jugendämtern, Sozialpädagogen und Spezialisten die Therapie abgestimmt worden. "Die Ambulanz leistete hervorragende Arbeit und kooperierte vorbildlich mit uns Therapeuten", erklärt die Psychologin.

Klage richtet sich nicht gegen die Ambulanz an sich

Auch Hellwege stellt die Ambulanz nicht grundsätzlich in Frage: "Ich halte diese Einrichtung für nötig, um schwere Krankheitsbilder zu behandeln", teilte der Psychiater auf Anfrage mit. Er wolle mit der Klage erreichen, dass verbindlich geregelt werde, welche Fälle die Ambulanz übernehmen dürfe: Hauptaufgabe der Ambulanz sei es, Akut-Patienten zu betreuen, die sonst stationär behandelt werden müssten, sowie den Aufenthalt in der Tagesklinik vor- und nachzubereiten.
Die mögliche Sorge des Arztes, Patienten an die Ambulanz zu verlieren, sei unbegründet, heißt es hingegen aus Fachkreisen. Da in der Region einen Mangel an Kinder- und Kinderpsychiatern bestehe, müsse niemand fürchten, zu wenig vom Honorarkuchen abzubekommen. Im Gegenteil: Nach Mitteilung der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) sind laut Bedarfsplanung für die Region 4,5 Stellen unbesetzt. Weitere Kinder- und Jugendpsychiater könnten also sofort eine Praxis eröffnen.
Der Streit schwelt seit Monaten: Zunächst legte Hellwege Widerspruch gegen die Zulassung des Ambulanz-Betriebes durch die KVN ein, und als dieser abgewiesen wurde, beschritt der Psychiater den Klageweg. Mit fatalen Folgen für die Versorgungssituation: Bereits als der Widerspruch lief, durften in der Ambulanz keine Leistungen erbracht werden.
Vorerst wird die ambulante Betreuung für den Landkreis Stade von Buchholz aus übernommen. Dort betreibt die PKL ebenfalls eine kinder- und jugendpsychiatrische Ambulanz. Elke M. fährt mit ihrer Tochter nun nach Buchholz, weil sie nicht will, dass sich die Therapie um Monate verzögert. Sie weiß aber aus Gesprächen, dass viele Eltern diese Mühe nicht auf sich nehmen wollen oder können.
• Die PKL bestätigte auf WOCHENBLATT-Anfrage lediglich die Schließung der Ambulanz. "Mit Rücksicht auf das laufende Verfahren möchten wir keine weiteren Einzelheiten erläutern", erklärte Geschäftsführer Rolf Sauer.