Plötzlich hört man Vogelgezwitscher statt Autolärm
Buxtehude im Corona-Lockdown: Spaziergang durch eine andere Stadt

Eine Stadt im Dämmerzustand: die Lange Straße in Buxtehude
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tk. Buxtehude. Plötzlich hört man Dinge, die sonst im Alltagslärm untergehen: Vogelgezwitscher. Das Dröhnen und Bollern eines einzelnen übermotorisierten SUV stört die Naturgeräusche mitten in der Buxtehuder Innenstadt dabei empfindlich. Vor Corona wäre es genau andersherum gewesen: Motorlärm normal, das Piepen der Vögel wäre dagegen kaum vernehmbar. Nach mehr als vier Wochen im Homeoffice bin ich das erste Mal wieder in Buxtehude unterwegs. Es ist gefühlt eine andere Stadt als die, die ich vorher kannte. Eine Stadt im Dämmerzustand.

Dort, wo auf der Bahnhofstraße sonst Parkplätze knapp sind, gibt es reichlich Auswahl. Ein Pärchen, das gerade sein Auto abgestellt hat, bleibt der Routine treu: Parkticket ziehen. Ob zurzeit kontrolliert wird? Hotspots der Betriebsamkeit sind offenbar die SB-Bereiche der Banken und Sparkassen. Die Menschen horten wohl Bargeld wie Toilettenpapier. Das Schaufenster eines geschlossenen Einzelhändlers, das sonst aufwändig gestaltet ist, hat als Ostergruß zwei leicht zerrupft aussehende Plüschhasen. Und warum brennt bei "Woolworth" Licht, als ob gleich der große Kundenansturm bevorsteht?

Nur wenige Menschen sind zu Fuß unterwegs. Immer wieder gibt es Wegstrecken von einigen Hundert Metern, auf denen der Spaziergänger allein unterwegs ist. Auch der Wochenmarkt, viel weiter in der Fläche auseinandergezogen als sonst, ist sichtbar leerer. Mit Abstandsgeboten haben die Buxtehuderinnen und Buxtehuder kein Problem. Gedrängelt wird nicht. Fast schon skurril: In der Altstadt sitzen zwei der professionellen leise vor sich hin murmelnden Elendsbettler, die sonst in der Adventszeit und bei Großveranstaltungen zum Straßenbild gehören. Dass die heute ein gutes Geschäft machen, kann bezweifelt werden.

West- und Ostfleth sind, von ein paar wenigen Passanten abgesehen, eine malerische und dennoch traurige Altstadtkulisse im Sonnenschein. Leere Tische und Bänke der Gastronomie. Dort säßen sonst morgens schon die ersten Kaffeegenießer in der Sonne. Als scheinbares Zeichen der Normalität sind die KVG-Busse unterwegs. Es sitzt aber kaum jemand drin. An der Viverstraße, dort gibt es im Normalfall schon vormittags meist nur mit Glück einen freien Parkplatz, herrscht die große Leere. Das wäre ideal für Fahranfänger, die ohne Gefahr von Beulen ein- und ausparken üben könnten. Die Lange Straße sieht so aus wie an einem verregneten Sonntagnachmittag - ziemlich entvölkert. Was mir auffällt: Manche der Menschen, die mir begegnen, haben eine Art mürrischen Gesichtsausdruck. Es sieht so aus, als hätten sie von Corona und Einschränkungen die Schnauze voll.

Was mich angesichts der völlig anderen Buxtehuder Welt übrigens beruhigt: Manche Dinge ändern sich nie. Auch dann nicht, wenn kaum Menschen unterwegs sind. Auf der Bahnhofstraße werde ich von einer Radfahrerin energisch weggeklingelt, weil ich zu Fuß auf ihrem vermeintlichen, aber tatsächlich nicht mehr existierenden Radstreifen unterwegs bin. Was mich sonst ärgert, lässt mich heute nur schmunzeln.

Autor:

Tom Kreib aus Buxtehude

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