Lehrerversorgung im Landkreis Harburg
Situation wird immer brisanter

Wenn das Wohnzimmer zum Klassenzimmer wird | Foto: sh
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"Werden Sie bloß nicht Lehrer. Wir haben viel zu viele davon, dann müssen Sie Taxi fahren, um Geld zu verdienen", so hieß es bei der Berufsberatung für angehende Abiturienten Anfang der 1990er Jahre. Die Lehrerschwemme war allgegenwärtig. Jetzt, 35 Jahre später, ist die Lehrerschwemme weitestgehend im Ruhestand und nur wenige kommen nach. Vor dem Dilemma stehen die Kinder, ihre Eltern und das gesamte Bildungssystem. Besonders brisant scheint es tatsächlich im Landkreis Harburg zu sein. Er sei unterdurchschnittlich versorgt, heißt es von der regionalen Landesschulbehörde in Lüneburg und die Situation auf dem Bewerbermarkt sei herausfordernd. Das heißt im Klartext: Zum kommenden Schuljahr hören 70 Lehrkräfte auf, unter anderem, weil sie in Rente gehen, aber nur 51 wurden bisher neu eingestellt. Warum ist es gerade im Landkreis Harburg so brisant? Eine echte Antwort gibt es von der Schulbehörde nicht, wohl aber Vermutungen: In Hamburg wurden in den letzten Jahren viele neue Schulen gegründet und weitere seien in Planung, daher seien dort die Einstellungsmöglichkeiten sehr vielfältig. Außerdem sei durch den guten öffentlichen Nahverkehr in Hamburg jede Einsatzstelle gut zu erreichen. Das sieht im Landkreis Harburg ganz anders aus.

Neue Schulen aber zu wenig Lehrkräfte

Auch im Landkreis werden neue Schulen gegründet, ein Beispiel ist die IGS Hollenstedt. Im kommenden Schuljahr wird dort der dritte Jahrgang eingeschult, vier fünfte Klassen werden es. Aber die entsprechenden Lehrkräfte sind nicht da. "Am liebsten würde ich für die Schule 20 neue Lehrkräfte einstellen", erklärte Andrea Jahns, Leiterin der IGS Hollenstedt, gegenüber dem WOCHENBLATT. Aber die gibt es nicht einfach auf dem Markt, so bekommt sie voraussichtlich acht Lehrer von anderen Schulen ausgeliehen, unter anderem aus Winsen. Denn an den beiden Gymnasien dort sind die Schülerzahlen für die kommenden fünften Klassen deutlich zurück gegangen, so dass wahrscheinlich mindestens eine Klasse pro Schule weniger eingerichtet wird. Und daher werden Lehrkräfte von Winsen nach Hollenstedt abgeordnet. Die Rede ist von acht Lehrkräften mit insgesamt 220 Wochenstunden. Eine reine Mangelverwaltung.
Aber Vorwürfe, dass in einer Region des Landkreises Löcher gerissen würden, um andere Regionen zu puschen, dementiert die Schulbehörde klar. Es würde darauf geachtet, dass die Lehrerversorgung an allen weiterführenden Schulen annähernd gleich ist - in diesem Fall gleich schlecht.
Auch wenn zum Beginn eines jeden neuen Schuljahres die offiziellen Zahlen der Lehrerversorgung bekannt gegeben werden und diese auf den ersten Blick nicht so schlimm aussehen - es sind nur Zahlen, die Realität kommt danach. Die offizielle Zahl zum Schuljahresbeginn 2024/2025 (Stichtag 15. August 2024) lautete niedersachsenweit: 96,9 Prozent Lehrerversorgung. Das bedeutet klar, selbst wenn alle Lehrer gesund und im Dienst sind, kann nicht alles unterrichtet werden, was auf dem Plan steht. Im Landkreis Harburg liegt die Versorgung sogar noch 1,6 Prozent unter diesem Schnitt. Und dann kommt das Leben und beschert Krankheiten - mal wenige Tage, mal langfristig. Und das kann mittlerweile keine Schule mehr auffangen.
Da sieht es niedersachsenweit nicht anders aus, als in anderen Bundesländern. Teilzeitstellen sollen aufgestockt , Ruheständler aus dem Ruhestand zurückgeholt werden. Da aber derzeit die Schülerzahlen steigen, die von den Grundschulen auf die weiterführenden Schulen wechseln, sind das Tropfen auf dem heißen Stein. Weiterhin werden sicherlich Eltern gefordert sein, fehlenden Unterricht daheim auszugleichen.

Einige Schülerzahlen für das kommende fünfte Schuljahr: 

Während das Gymnasium Winsen (Schuljahr 24/25: 126, Prognose 25/26: 115, Anmeldung 25/26: 103) und das Luhe-Gymnasium in Winsen-Roydorf (Schuljahr 24/25: Prognose 25/26: 120, Anmeldung 24/25: 94) deutlich weniger Schülerzahlen haben, als prognostiziert, steigen sie auf dem Gymnasium Neu Wulmstorf deutlich (Schuljahr 24/25: 127, Prognose 25/26: 140, Anmeldung 25/26: 160). Die Hauptschule in Tostedt - die letzte Hauptschule des Landkreises Harburg bekommt auch deutlich mehr Schüler (Schuljahr 24/25: 29, Prognose 25/26: 31, Anmeldung 25/26: 45). Auch die OBS Jesteburg hat regen Zulauf (Schuljahr 24/25: 30, Prognose 25/26: 39, Anmeldung 25/26: 55), ebenso wie die OBS Rosengarten (Schuljahr 24/25: 59, Prognose 25/26: 62, Anmeldung 25/26: 84).

"Immer weniger Lehrer"

Kommentar von Stefanie Hansen

Viele kennen noch den Begriff der "Lehrerschwemme" – alle wollten früher Lehrer werden. In der Studienberatung wurde Anfang der 1990er Jahre davon abgeraten, Lehramt zu studieren, weil es zu viele arbeitslose Pädagogen gab, die ihr Geld mit Taxifahren oder Ähnlichem verdienen mussten. Es klang ja auch sehr verlockend: viel Urlaub – zwei Wochen rund um Weihnachten, sechs Wochen im Sommer, je zwei Wochen um Ostern und im Herbst, dazu diverse bewegliche Feiertage. Absolut kompatibel mit der eigenen Familie. Und on top das pünktliche Gehalt und ein Beamtenstatus, der ein recht komfortables Leben sicherte.

Und nun? Die Lehrerschwemme ist größtenteils in Rente. Und um jetzt Lehramt zu studieren, muss man schon starke Nerven und viel Idealismus haben. Es gibt immer weniger Lehrer, die Lust haben, sich mit den vielfältigen Problemen auseinanderzusetzen. Auf der einen Seite problembehaftete Kinder und Jugendliche, die mit Gewalt oder einfach völlig unerzogen in die Schule kommen, Eltern, die sämtliche Erziehungsaufträge auf die Schule abwälzen. Auf der anderen Seite die Klientel Eltern, die jede Note, die schlechter als zwei ist, anfechten und zu Elterngesprächen den Anwalt mitbringen.

Dazwischen sind die Familien, die ihre Kinder erziehen, eine anständige Brotdose mit in die Schule geben und aufpassen, dass die Kinder ihre Hausaufgaben machen. Und auf diesen lastet jetzt die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass ihre Kinder trotz massivem Stundenausfall den Lernstoff noch mitbekommen. Da haben wir ja reichlich Erfahrung in der Corona-Zeit sammeln können. Ein ganzes Halbjahr nur sporadisch Englisch-Unterricht? Also werden die angeschafften Arbeitshefte, die ohnehin nur selten von Lehrern genutzt werden, mit dem Kind im Wohnzimmer durchgearbeitet.

Dieser Vorwurf geht nicht an die unzähligen Schulleitungen, die mit viel Aufwand und wenigen Lehrern versuchen, möglichst viel Unterricht aufrechtzuerhalten. Hier muss das Grundsystem an ganz anderer Stelle überdacht werden. Eine Lösung fällt mir selbst auf die Schnelle allerdings auch nicht ein. Aber wer das nächste Mal über fehlende mathematische Fähigkeiten oder mangelnde Lesekompetenzen bei Jugendlichen schimpft, sollte sensibel darüber nachdenken, ob diese wirklich etwas dafür können.

Wenn das Wohnzimmer zum Klassenzimmer wird | Foto: sh
Für die kommenden Fünftklässler werden wohl wieder viele Unterrichtsstunden ausfallen - die Lehrerversorgung bleibt sehr angespannt | Foto: sh
Redakteur:

Stefanie Hansen aus Buchholz

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