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Braucht es ein Zentrum für Inklusion?

Jörn Lütjohann (CDU)
 
Martin Ihlius Fotos: archiv
Landkreis will Inklusionszentren einrichten, obwohl Förderzentren deren Tätigkeitsfeld bereits ausfüllen

mi. Landkreis. Acht von elf Landkreisen in Niedersachsen haben bereits sogenannte Regionale Zentren für Inklusion (RZI) eingerichtet. Verwaltungseinheiten, die Schüler, Lehrer und Eltern im Bereich der inklusiven Beschulung unterstützen sollen. Im Landkreis Harburg hatte die SPD bereits im April die Einrichtung eines RZIs angeregt. Jetzt hat sich der Schulausschuss fast einstimmig für die Einrichtung ausgesprochen. Kritik gab es nur von der AfD. Deren Vorwurf: Es würden teure Doppelstrukturen geschaffen. Denn schon heute übernehmen die Förderzentren an den Förderschulen im Bereich der Inklusion diverse Aufgaben der noch zu gründenden RZIs.
2,5 Vollzeit-Stellen besetzt mit Fachleuten, die als Anlaufstelle und Beratungseinrichtung für Inklusion in den Schulen fungieren sollen - die Idee hinter den RZIs ist nicht zuletzt wegen der guten Personalausstattung verlockend. Letztlich setzt das Land damit das um, was immer wieder von verschiedensten Seiten von Eltern, Lehrern, Fachleuten gefordert wurde: Eine gut ausgestattete Schnittstelle, bei der alle Fragen zur Inklusion zusammenlaufen. So sah es in der vergangenen Woche auch der Kreisschulausschuss, der einem entsprechenden Antrag der SPD, ein RZI zu schaffen, mit großer Mehrheit zustimmte. Allerdings gibt es im Landkreis Harburg in Winsen und Buchholz bereits sogenannte Förderzentren. Deren Aufgaben weisen eine große Schnittmenge mit denen eines RZIs auf.
Die Vorgeschichte: Förderschulen sind laut Schulgesetz zugleich Sonderpädagogische Förderzentren. Mit der Inklusion wollte die rot-grüne Landesregierung die Förderschulen als Form der nicht inklusiven Beschulung allerdings möglichst schnell und allumfassend aus der niedersächsischen Bildungslandschaft tilgen. Die Aufgabe der Förderzentren sollte somit konsequenterweise auch in neuen, auf die Inklusion ausgerichteten RZIs aufgehen. Doch diese RZIs ließen auf sich warten. Gleichzeitig war Inklusion ohne die Förderschulen - nur hier ist Fachpersonal und Expertise vorhanden - kaum denkbar. Sodass mit der Einführung der Inklusion die Förderzentren vielfältige neue Aufgaben übernahmen und Inklusion aktiv mitgestalteten. Mit dem Regierungswechsel hat sich die Situation geändert: Besagte Förderschulen dürfen nun doch noch bis 2028 weiterbestehen. Im Landkreis Harburg stehen damit plötzlich zwei "Systeme" nebeneinander: Das mit sonderpädagogischer Expertise und langjähriger Erfahrung ausgestattete Förderzentrum und das an die Landesschulbehörden angedockte auf Beratung und Verwaltung ausgerichtete RZI.
So sieht es auch die AfD, die kritisiert, dass durch ein RZI den Förderschulen die gestalterische Freiheit im sonderpädagogischen Bereich genommen werde. Außerdem sei die Aufgabenstellung der RZIs so oberflächlich, dass eine Schaffung von Doppelstrukturen nicht auszuschließen sei. Nun ist es kein Geheimnis, dass die AfD Inklusion, also die gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung, ablehnt. Doch auch die Förderschulleiter Martin Ihlius von der Schule An Boerns Soll in Buchholz und Regina Uhl von der Wolfgang-Borchert-Schule in Winsen äußern sich in einer Stellungnahme verhalten zu den RZIs in ihrer derzeitigen Form. Ihlius und Uhl finden es bedenklich, dass die RZIs ausschließlich auf Verwaltung und Beratung ausgerichtet sein sollen. "Mit seiner aktuellen Grundlage wird ein RZI nicht benötigt, sondern würde Arbeitsstrukturen verkomplizieren", so das Fazit. Im Gespräch mit dem WOCHENBLATT erläutert Martin Ihlius dazu, dass der Eindruck, die Förderzentren sperrten sich gegen ein RZI, falsch sei. Die erweiterten Beratungsmöglichkeiten und die gute Personalausstattung seien zu begrüßen. Es bestehe jedoch die Sorge, dass wenn das RZI kein pädagogisches Instrument sei, die Qualität der pädagogischen Arbeit auf der Strecke bleibe.
Franz-Josef Kamp, bei der Landesschulbehörde zuständig für Inklusion und Einrichtung der RZIs, sieht das anders. Die Förderzentren könnten einen Teil der Arbeit, sprich die Beratung von Berufsschulen und Gymnasium, überhaupt nicht leisten. Nur die RZIs seien als Teil der Landesschulbehörde befähigt, einheitliche Standards in ganz Niedersachsen zu garantieren. Der gesetzliche Auftrag der Förderzentren sei dagegen nicht ausgestaltet. Es handele sich um Strukturen, die aus einer vom pädagogischen Alltag bestimmten Notwendigkeit herausgewachsen sein.
Die Politik überzeugte diese Argumentation der Behörde. "Das RZI ist aus unserer Sicht ein kompetenter Ansprechpartner für alle beteiligten Schulen, Eltern, Kinder. Dass die Förderschulen befürchten, ihnen werde etwas weggenommen, kann ich nicht verstehen", so Brigitte Somfleth (SPD). Ähnlich sieht es auch Dr. Jörn Lütjohann (CDU). Überzeugt habe ihn, dass die Förderzentren keinerlei Kompetenzen hätten bei der Unterstützung von Berufsschulen und Gymnasien.
Allerdings: Die aus Verwaltungsfachkräften, Schulleitern und Fachleuten bestehende Planungsgruppe, die Inklusion im Landkreis Harburg konzeptionell und steuernd begleitet, hatte einen ersten Vorstoß der SPD für ein RZI intern gestoppt. Begründung: Es werde nicht benötigt.