Ellen Kasper verlässt die Jesteburger St. Martins-Kirche
Eine Pastorin, die Position bezieht

Pastorin Ellen Kasper verlässt Jesteburg 
nach zwölf Jahren
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"Als ich nach Jesteburg kam, wünschte sich der Kirchenvorstand, die Kinder-, Jugend- und Familienarbeit aufzubauen und die Kirchengemeinde nach außen zu öffnen. Ich denke, das ist mir gelungen“, sagt Ellen Kasper. Nach zwölf Jahren verlässt die Pastorin die St. Martins-Kirche. Zum 1. August wechselt sie mit einer halben Stelle als Schulpastorin nach Buxtehude. Seit Anfang des Jahres ist sie bereits mit halber Stelle Vorsitzende der Pfarrvertretung der Landeskirche Hannover. Vor ihrem Abschiedsgottesdienst am Sonntag, 30. Juni, zieht Kasper im WOCHENBLATT-Interview ein Fazit.

mum. Jesteburg. Nach zwölf Jahren verlässt Pastorin Ellen Kasper die Jesteburger St. Martins-Kirchengemeinde. Vor ihrem Abschied sprach WOCHENBLATT-Redakteur Sascha Mummenhoff mit der Pastorin über ihre Zeit in Jesteburg.

WOCHENBLATT: Können Sie sich noch an Ihren ersten Tag in Jesteburg erinnern?
Ellen Kasper: Das war ein wunderschöner Juli-Tag. Ich ging mit meiner damals vier Jahre alten Tochter Martje vom Rathaus zur Kita Moorweg an der Seeve entlang, um die Einrichtung in Augenschein zu nehmen, und fand das Bullerbü-like. Der erste Arbeitstag war weniger schön: Man empfing mich mit der Hiobsbotschaft, dass während der zweimonatigen Vakanz der Beschluss, dass Bendestorf Kapellengemeinde von Jesteburg wird, ausgesetzt wurde. Unter dieser Voraussetzung hatte ich mich aber beworben. Da gab es kein Zurück. Dieser unschöne Vorgang war nur einer von vielen in der jahrzehntelangen Konfliktgeschichte zwischen den Kirchengemeinden Jesteburg und Bendestorf, die teilweise bis zuletzt meine Arbeit gestört hat.

WOCHENBLATT:
Wie war Ihr Eindruck von der Gemeinde?
Kasper: Milieutechnisch ausbaufähig, die Struktur des Dorfes bildete sich nicht in der Kirchengemeinde ab, besonders in Bezug auf die Generationen.

WOCHENBLATT: Und heute?
Kasper: Ich habe in den vergangenen zwölf Jahren gemeinwesenorientiert gearbeitet und dafür verschiedene Gottesdienstformate entwickelt, um auch Menschen anzusprechen, die mit dem traditionellen Gottesdienst am Sonntagmorgen "fremdeln". Dazu gehörten etwa der "kleinergottesdienst" für Familien, Gottesdienste im Freien in den Dörfern Thelstorf, Lüllau, Itzenbüttel und die überregionalen Tauffeste mit bis zu 1.200 Besuchern. Besondere Highlights waren für mich immer Kooperationsprojekte zwischen Kirchengemeinde und Dorf wie die Evangelienstafette mit Prominenten, Politikern, Vorsitzenden der Vereine, Aktivisten, Geschäftsleuten und Ehrenamtlichen quer durch alle Generationen oder der Jesteburger Neujahrsempfang mit politischer Gemeinde. Ich denke, die Gemeinde hat sich verjüngt, und besonders freue ich mich über die engagierte Jugendarbeit, die sich in den letzten zehn Jahren entwickelt hat.

WOCHENBLATT: Welche Schwerpunkte setzten Sie damals?
Kasper: Ich habe auf Wunsch des damaligen Kirchenvorstandes die Öffnung der Kirchengemeinde nach außen und den Aufbau von Kinder-, Jugend- und Familienarbeit in Angriff genommen unter der Überschrift "Nah am Menschen".

WOCHENBLATT: Haben Sie sich selbst in den Jahren verändert?
Kasper: Auf meinem Dickkopf sind viele Haare grau geworden, aber diese grauen Haare stehen auch für eine gewisse Weisheit und die gelassene Heiterkeit, die sich damit verbindet. Darum habe ich Worte von Mascha Kaléko über meinen Abschied gestellt: "Flicke heiter den Zaun und auch die Glocke am Turm." So war sicher auch vieles von dem, was ich hier getan habe, bei allem Gestaltungswillen und wider alle Visionen, die einen Menschen wie mich motivieren, ein Flicken, ein Leben im Fragment.

WOCHENBLATT: Ich kann mich gut an einen Gottesdienst im Rahmen eines Neujahrsempfangs erinnern. Sie erzählten damals von zwei Redakteuren, die sich als Obdachlose ausgegeben hatten und sowohl in einer sehr vornehmen Gegend als auch in einem sozialen Brennpunkt um Hilfe baten. Ihr - vereinfachtes - Fazit: Während die Reichen wegschauten, bemühten sich die Armen darum, dem Paar unter die Arme zu greifen. Sie fragen sich, wie die beiden Journalisten wohl in Jesteburg aufgenommen worden wären. Sie berichteten von einer Tannenbaumaktion. Die Jugendlichen machten die Erfahrung, dass "die Bewohner mit den größten Gärten und höchsten Mauern wirklich nur die geforderten zwei Euro spendeten, während andere den Betrag großzügig aufrundeten". Wie bewerten Sie heute diese Aussagen?
Kasper: Aufgrund dieser Predigt ist eine prominente Jesteburgerin aus der Kirche ausgetreten. Um es klar zu sagen: Das haben die Jugendlichen nach ihrer Weihnachtsbaumaktion 2013 am Vortag selbst genau so gesagt. Ich habe sie nur zitiert. Ja, und das ist so: Kinder und Jugendliche haben ein sehr gutes und unverbildetes Empfinden für solche Dinge und sprechen es aus. Auch die Geschichte mit den beiden Redakteuren, die in einem sozialen Brennpunkt wie Berlin-Kreuzberg und in Bad Homburg, eine der kaufkräftigsten Gegenden in Deutschland, unterwegs waren, habe ich zitiert. Wir haben in dem Gottesdienst für den "Mitternachtsbus" in Hamburg, einer Initiative, die Obdachlosen Decken, warme Getränke und einen Imbiss an die zentralen Punkte bringt, kollektiert. Jetzt, acht Jahre später, wo die Veranstalter vom Weihnachtsmarkt oder Dorffest in Jesteburg, das wie Bad Homburg mit zu den wohlhabendsten Gegenden in Deutschland zählt, es immer noch nicht geschafft haben, die Gesamteinnahmen einem wohltätigen Zweck zu widmen, wie es in anderen Dörfern seit vielen Jahren funktioniert, muss ich sagen: Ich hätte noch mehr solche Predigten halten sollen.

WOCHENBLATT: Gab es ein Erlebnis während Ihrer Zeit in Jesteburg, das Sie sehr bewegt hat?
Kasper: Das war der Willkommensabend im Gemeindehaus für die über 100 Geflüchteten im Herbst 2014, wo gefühlt das ganze Dorf quer durch alle Parteien kam. Das war so eine fixe Idee von mir. Aber daraus entwickelte sich in der Folgezeit ohne mein Zutun eine großartige Initiative mit vielen Unterstützern rund um die Kirchengemeinde. Ich habe gestaunt über die Offenheit, die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, die den Geflüchteten entgegengebracht wurde. Es gibt also auch eine andere Seite dieses Dorfes.

WOCHENBLATT:
Sie bleiben in Jesteburg wohnen. Was gefällt Ihnen an Jesteburg?
Kasper: Ich mag wie gesagt den Bullerbü-Effekt, das unkonventionelle Dorf, den Reichtum und die Schwierigkeiten, die mit dieser Heterogeninität verbunden sind, die vielen interessanten, kreativen und intelligenten Menschen und die vielen Freunde und Wegbegleiter, die uns, meiner Familie und mir, in zwölf Jahren ans Herz gewachsen sind.

WOCHENBLATT:
Danke für das Gespräch.

• Ellen Kasper ist in der Südheide geboren und aufgewachsen. "Die Stille und Reizarmut dieser Landschaft hat mich die ersten 18 Jahre meines Lebens sehr geprägt und zu einem Naturmenschen gemacht, der Tiere und Pflanzen liebt." Nach dem Abitur hat sie in Heidelberg, Hamburg, Berkeley/Kalifornien und Göttingen Theologie studiert. Nach ihrem Vikariat in Celle und Cuxhaven erhielt sie eine Pfarrstelle und konnte direkt nach dem zweiten Examen in Zeven ihre erste Stelle antreten. Nach 14 Jahren ging es dann nach Jesteburg. Kasper ist seit 26 Jahren mit Raimund Kasper verheiratet. Gemeinsam haben sie zwei Töchter - Ruth Maria und Martje.

Klassensprecherin für 1.800 Pastoren
"Ich werde so eine Art Klassensprecherin für die etwa 1.800 Pastoren in der Landeskirche Hannover sein", beschreibt Ellen Kasper ihren neuen Posten. Seit 2015 ist sie gewählte Vorsitzende der Pfarrvertretung, aber erst seit Februar wurde ihr dafür eine 50-prozentige Pfarrstelle zur Verfügung gestellt. "Das ist auch angemessen, weil ich einen Beritt vom südlichsten Zipfel der Landeskirche Hannoversch Münden bis zur Nordsee und von der niederländischen Grenze bis zur ehemaligen DDR-Grenze überblicken muss." Ihre Aufgabe besteht darin, die Interessen ihres Berufsstandes in allen dienstlichen Belangen und auch Kollegen im Konfliktfall gegenüber der Kirchenleitung zu vertreten. "Politisch gesehen bin ich also auch eine Art Gemeinde-Lobbyistin und versuche, allen Zentralisierungsversuchen, der Enttheologisierung und der basisfernen Ökonomisierung der Gesamtkirche entgegenzuwirken", so Kasper.
Ab August wird sie zusätzlich in Buxtehude am Gymansium Halepaghen-Schule mit der zweiten Hälfte ihrer Stelle arbeiten.
• Wer sich von Pastorin Ellen Kasper verabschieden möchte, ist herzlich zum traditionellen Sommergottesdienst mit anschließendem Grillfest am Sonntag, 30. Juni, um 11 Uhr am Kirchturm eingeladen. Geplant ist ein Mitbring-Büfett. Dazwischen wird es Gruß- und Abschiedsworte geben.

Das Pfarrhaus wird vermietet
Pastor Dr. Bernd Vogel, der seit zwei Jahren in Jesteburg arbeitet, erst auf einer Viertel- dann auf einer halben Stelle, wird für vier Jahre bis zu seiner Pensionierung in Jesteburg übernehmen. Er bleibt aber in Egestorf wohnen. Dort arbeitet seine Frau ebenfalls als Pastorin. Das Pfarrhaus wird vermietet. "Ich denke, es ist eine gute Lösung, durch die die Gemeinde die nächsten Jahre ohne Vakanz überbrücken kann und in Ruhe planen kann, wie sie Pfarr- und Gemeindehaus zukunftsfähig umgestalten wird", so Kasper. "Dann wird im Pfarrhaus hoffentlich wieder eine Pfarrfamilie residieren."

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