WOCHENBLATT-Interview
Autorin und Psychologin Turid Müller lebt zwischen Bühne und Couch
- Turid Müller liest aus ihrem Krimi in Neu Wulmstorf
- Foto: Torge Niemann
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Die Autorin und Psychologin Turid Müller liest am Freitag, 23. Oktober 2026, um 19.30 Uhr aus ihrem für den GLAUSER-Preis nominierten Krimi „Im Schatten der Insel“ im Ratssaal des Rathauses Neu Wulmstorf vor. Sie gibt Einblicke in die komplexen Themen Pflege, Demenz und emotionaler Missbrauch.
Hauptfigur des Buchs ist Lale (40), die seit ihrer Scheidung wieder in ihrem Kinderzimmer als Pflegerin ihrer an Demenz erkrankten Mutter lebt. Diese verstrickt sich in einen Mordfall, der tief in ihre abgründigen Erinnerungen führt: Als Verschickungskind allein auf Föhr.
Im WOCHENBLATT-Interview erläutert Turid Müller ihre Inspiration für ihren ersten Kriminalroman, verrät familiäre Hintergründe und berichtet Wissenswertes aus ihrer Arbeit als Psychologin.
WOCHENBLATT: Frau Müller, Sie sind Diplompsychologin, Autorin und Schauspielerin - wie ist es zu dieser Kombination gekommen?
Turid Müller: Mein Arbeitsplatz "zwischen Bühne und Couch", wie ich gern salopp sage, ist nicht am Reißbrett entstanden. Ich habe mich Schritt für Schritt dorthin gelebt. Meine Tätigkeiten ergänzen sich allerdings so gut, dass man denken könnte, die Mischung sei beabsichtigt gewesen. Das merkt man zum Beispiel bei meinen Lesungen: Die Autorin hat das Buch geschrieben. Die Psychologin hat ihr über die Schulter geschaut und darin zum Beispiel Themen wie Demenz zur Sprache gebracht. Ich stehe bei den Lesungen auch für ein Gespräch über die Inhalte der Bücher zur Verfügung und möchte so dazu beitragen, dass wir mit uns und anderen in Dialog über das kommen, was auszusprechen schwer, und umso wichtiger ist. Die Schauspielerin in mir sorgt dafür, dass der Abend nicht nur in die Tiefe geht, sondern auch sehr unterhaltsam ist. Eine Prise Humor und ein Tränchen im Auge machen unbequeme Themen zugänglicher.
WOCHENBLATT: Was hat Sie zu Ihrem Werk „Im Schatten der Insel“ inspiriert?
Turid Müller: Da kamen verschiedene Inspirationen zusammen. Als Kabarettistin habe ich viel mit der Alzheimer Gesellschaft und ähnlichen Institutionen kooperiert, die sich für eine gute Pflege stark machen, und dafür, dass Menschen mit Demenz in die Mitte der Gesellschaft gehören. Als Psychologin habe ich mich damit befasst, wie die Kommunikation mit Menschen mit Demenz gelingen kann. Und die Autorin hat sich gefragt: Was wäre, wenn das Leben in der Vergangenheit, das wir oft bei dieser Erkrankung erleben, ein Ermittungsvorteil ist, weil die Wurzeln des Kriminalfalls in der Vergangenheit liegen?
Als Privatmensch bin ich Amrum-Fan. Und immer, wenn wir im Familienurlaub dorthin gefahren sind, hat meine Mutter mir von der Fähre aus im Vorbeifahren Föhr gezeigt, und mir von ihrer Verschickung dorthin erzählt. Als die gesellschaftliche Aufarbeitung der Traumatisierungen, die Generationen von Menschen durch die Kinderverschickung erlitten haben, langsam begann, wollte ich mit diesem Buch gern einen Beitrag dazu leisten, dafür zu sensibilisieren. Meine Mutter hat übrigens – zum Glück – anders als meine Romanfiguren, fast nur gute Erinnerungen an ihre Kinderkur. Abgesehen vom Heimweh. Und das dürfte bei den meist sechswöchigen Kuren schon schmerzhaft genug gewesen sein für viele Kinderseelen.
WOCHENBLATT: Wie viel Persönliches ist auf Ihrem Leben in das Buch eingeflossen?
Turid Müller: Ein bisschen habe ich dazu ja schon aus dem Nähkästchen geplaudert. Die Inspirationen haben alle auch einen Bezug zu mir. Auch in meiner Familie gibt es Demenz. Meine beiden Großmütter beispielsweise waren betroffen. Und ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie hilflos und überfordert ich damit als Kind und Jugendliche war, ihr für mich schwer verständliches Verhalten einzuordnen, und angemessen zu reagieren. Da würde ich mit meinem heutigen Wissen manchmal gern die Zeit zurückdrehen. Außerdem ist die Hauptfigur Lale Liebig Psychologin. Da gibt es sicher auch die ein oder andere Parallele zu entdecken. Mehr dann auf der Lesung…
WOCHENBLATT: Können Sie betroffenen Angehörigen eine Strategie für den Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen nennen?
Turid Müller: Es gibt so viele verschiedene Herausforderungen! Wo soll ich anfangen? Ebenso gängig wie hilfreich ist beispielsweise die Validation nach Naomi Feil. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Werkzeugkastens für die verschiedenen Stadien von Demenz ist, nicht zu korrigieren, sondern zu validieren. Ein Beispiel: Wenn eine betroffene Person sagt, sie habe viel zu tun, sag nicht: "So ein Quatsch! Du bist doch seit zehn Jahren in Rente!'" Das schafft bloß Verwirrung, Unmut, Überforderung, das Gefühl von Inkompetenz und so weiter. Bestätige stattdessen die Gefühle: "Ganz schön viel gerade, hmh?" Da fühlt sich das Gegenüber ernst genommen und verstanden. Die Gefühle dürfen raus und klingen ab. Und ganz nebenbei ist ein echter Kontakt entstanden.
Als Psychologin weiß ich aber auch, dass diese Art Tipps nur einen Teil der Kommunikation betreffen: die Äußerungen, die wir machen. Was dabei nicht selten zu kurz kommt, ist der Blick nach Innen: Wie geht es Angehörigen, wenn sie hören, dass ihr - lang schon pensionierter - Herzensmensch glaubt, noch immer zu arbeiten? Welche Reaktion wäre der natürliche Reflex? Und was macht es gegebenenfalls schwer, gutgemeinte Kommunikationstechniken wie die Validation anzuwenden? Was wäre nötig, um einen stimmigen Umgang mit solchen Situationen zu finden? Und welcher Mehrwert beziehungsweise welches Learning kann ich dabei vielleicht sogar für mich mitnehmen? Hier liegt nicht selten die größere Challenge.
WOCHENBLATT: Woher kommen die Informationen zu den im Buch geschilderten Verschickungen?
Turid Müller: Die Hintergründe zur Kinderverschickung habe ich sorgfältig recherchiert. Zum Glück gibt es ja inzwischen viele Sachbücher, Erlebnisberichte und Reportagen dazu. Und ich bin froh, mit dem, was ich geschrieben habe, auch Betroffene und deren Familien abzuholen. Im November lese ich beispielsweise auf einer Verschickungskinderkonferenz. Das macht mich sehr glücklich. Denn natürlich habe ich mich beim Schreiben gefragt, ob ich diesen Teil unserer kollektiven Geschichte literarisch so anpacken kann, dass man sich darin wiederfindet.
WOCHENBLATT: Sie sind auch Expertin für toxische Beziehungen. Wie beginnt emotionaler Missbrauch? Und ist dieses Thema auch Bestandteil Ihres Krimis?
Turid Müller: Wie emotionaler Missbrauch beginnt, kann sehr unterschiedlich sein. Es gibt allerdings ein paar charakteristische Muster, die – in Variationen – immer wieder auftreten. Dazu gehört, dass toxische Beziehungen sich durch einen Wechsel von angenehmen und unangenehmen Beziehungserfahrungen auszeichnen. Belohnungs- und Bestrafungsverhalten. Solch ein Wechsel kann ein Warnzeichen sein, das hellhörig machen sollte: Nach anfänglicher Idealisierung plötzlich abgewertet zu werden beispielsweise. Das passt vielleicht so wenig in das Bild, das wir bislang von unserem Gegenüber gewonnen haben, dass wir solche Misstöne wegerklären: "Da hatte sie wohl einen schlechten Tag!" oder "Da habe ich ihn auch provoziert!". Wenn wir etwas nicht wahrhaben wollen, weil die rosarote Seifenblase nicht platzen soll, sollten wir dem Impuls widerstehen und das Gegenteil tun: ganz genau hinschauen. Am besten mit professioneller Unterstützung.
Ja, auch in meinen Krimis kommen toxische Beziehungen immer wieder vor. Die Psychologin in mir schreibt ja mit, wie gesagt. - Mehr kann ich allerdings leider nicht verraten, ohne zu spoilern …
WOCHENBLATT: Welchen Hobbys gehen Sie nach, wenn Sie mal nicht "zwischen Couch und Bühne" im Einsatz sind?
Turid Müller: Da ich mir viele meiner kreativen Hobbys zum Beruf gemacht habe, lebe ich auch während der Arbeitszeit eine Menge von dem aus, was für mich das Leben lebenswert macht. Darüber hinaus gibt es hier wieder einige Gemeinsamkeiten mit meinen Romanfiguren zu entdecken. Ähnlich wie Lale Liebig mag auch ich Yoga, Inselurlaub, das Meer, Schwimmen – und ich habe auch gegen Tee und ein Stück Friesentorte nichts einzuwenden.
Einlass zu der Lesung von Turid Müller ist ab 19.15 Uhr. Karten zum Preis von 12 Euro gibt es in der Bücherei (nur Barzahlung möglich). Bei Fragen steht das Büchereiteam unter Tel. 040-70078-259 oder per Mail an buecherei@neu-wulmstorf.de zur Verfügung.
Redakteur:Bianca Marquardt aus Tostedt |
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