Neu Wulmstorf: Retter der Urfische

Harald Rosenthal mit einem eigens für ihn geschnitzen "Redestab" mit Störfigur, überreicht von kanadischen Indianern. Wem der Stab vom Vorsitzenden (Häuptling) abgenommen wird, der muss nach Indianerbrauch seine Rede beenden
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Meeresbiologe Harald Rosenthal kämpft für Störe und gegen illegalen Kaviarhandel

ab. Neu Wulmstorf. Er war in Kanada und China, hat Russland, Iran, Südamerika und nahezu die ganze Welt bereist, und gilt als Koryphäe auf seinem Gebiet: Der Meeresbiologe Prof. Harald Rosenthal (80) aus Neu Wulmstorf war überall dort, wo es Störe gibt oder gegeben hat. Jüngst hat der Wissenschaftler das 8. Stör-Symposium in Wien mitorganisiert, an dem Wissenschaftler aus 32 Nationen teilnahmen. Jetzt arbeitet er hunderte von Manuskriptseiten für den Sonderband durch, der am Ende auch die „Vienna Declaration“ enthalten wird, in der alle Staaten aufgefordert werden, gezielte Schutzmaßnahmen für Störe umzusetzen. Das WOCHENBLATT hat ihn bei der Arbeit zu Hause besucht.

Seit den 1960er-Jahren kämpft der gebürtige Berliner für die Erhaltung der Urfische, die ihn faszinieren. "Störe sind in ihrem Bestand hochgradig gefährdet", sagt Rosenthal. Einige Arten seien vom Aussterben bedroht. "Es gibt diesen Fisch schon seit 250 Millionen Jahren, nur Haie und Rochen gibt es 150 Millionen Jahre länger." Der Stör habe elf Eiszeiten überlebt, sich immer wieder klimatischen Veränderungen angepasst. Der Mensch bevölkert – gemessen am Stör - erst seit kurzem die Erde, hat aber in einem Jahrhundert den Stör nahezu ausgerottet. Dazu beigetragen hätten unter anderem Staudämme, die an vielen großen Flüssen den Stör an seiner Laichwanderung hindern, sowie die unkontrollierte Fischerei und Verschmutzung.

Im Alter von ca. 20 Jahren wird der Stör geschlechtsreif. Er kann bis 100 Jahre alt werden, der besonders großwüchsige "Hausen" (Huso huso) sogar 150. Bis zu sieben Meter lang und zwei Tonnen schwer wird diese Art und ist damit der größte Süßwasserfisch. Von ihm stammt auch der begehrte Beluga-Kaviar, der auf dem Schwarzmarkt Höchstpreise erzielt und nach wie vor Fischwilderer auf den Plan ruft. Nicht nur die Kaviar-Gewinnung bedeutet das Todesurteil für den Stör. Nahezu der gesamte Fisch wird verarbeitet. Das Fillet ist geräuchert hochgeschätzt und aus vielen Organen werden pharmazeutische Produkte gewonnen.

Der letzte europäische Stör wurde 1968 aus der Eider in Schleswig-Holstein gefischt. Damit die noch weltweit existierenden 27 Arten weiter erhalten bleiben, engagiert sich der Forscher intensiv, vor allem gegen den illegalen Kaviarhandel.

Dass Rosenthal zur Stör-Erhaltung für einige zum "Stör-Fall" wird – er schrieb Briefe an den russichen Präsidenten Vladimir Putin und den türkischen Präsidenten Reccep Tayyip Erdogan, um den Schutz der Störe verstärkt einzufordern – ist manchem ein Dorn im Auge. Denn der Wissenschaftler besitzt eine Stimme, die weltweit gehört wird: Im Jahr 2003 gründete Rosenthal die "World Sturgeon Conservation Society - W.S.C.S." (Sturgeon: Stör). Diese wird sogar als NGO, als nichtstaatliche Organisation, von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) offziell zu Experten- Verhandlungen mit den Vertragsstaaten eingeladen. Die W.S.C.S zeichnet sich neben ihrer Expertise durch absolute Neutralität aus. Damit gelinge es ihr, so Rosenthal, "Länder miteinander zu koordinieren, die sonst nicht zusammenarbeiten würden." Nur so könne es gelingen, den Stör vor dem Aussterben zu retten.

Harald Rosenthal mit einem eigens für ihn geschnitzen "Redestab" mit Störfigur, überreicht von kanadischen Indianern. Wem der Stab vom Vorsitzenden (Häuptling) abgenommen wird, der muss nach Indianerbrauch seine Rede beenden
Zu seinem 80. Geburtstag bekam Prof. Harald Rosenthal von seinen Studenten einen Stör "zum Kuscheln"
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